3D ade?

Die Ausstellung „L’Exposition imaginaire“ in der Kunsthalle Wien

Verändern sich die Präsentationsbedingungen von Kunst im digitalen Zeitalter? Was könnte die Zukunft der Ausstellung sein? Die Kunsthalle Wien hat mit „L’Exposition imaginaire“ eine Antwort versucht. Das zweimonatige Projekt soll ein Film, ein Symposium, eine Vortragsreihe - nur keine Ausstellung sein.  

Eigentlich handelt es sich bei „L’Exposition imaginaire“ um eine klassische Gesprächsreihe, die allerdings die digitalen Möglichkeiten der erweiterten Erreichbarkeit für sich nützt. Sie findet in einer Ausstellungshalle statt, die leer ist bis auf einen großen Screen, einige Sitzreihen für Publikum und ein Podest dazwischen, an dem die Gesprächsgäste empfangen werden, wenn sie nicht, wie der Großteil, via Skype auf der Leinwand erscheinen. Alle Talks können per Livestream zeitgleich im Netz verfolgt oder danach angesehen werden. Soweit so vertraut. 

Insgesamt 43 Gesprächspartner haben dem hauseigenen Kuratorenpersonal nun 8 Wochen lang versucht Antwort zu geben – Ausstellungsmacher, Kunsthistoriker, Theoretiker, Künstler, Filmexperten, Schreiber, Architekten, Designer, Redakteure, Museumsleute etc. Dem enormen Ausmaß an Rednern und Gesagtem zum Trotz: Die vielsagendste Antwort kommt dabei von der Kunsthalle selbst.

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Denn folgenschwer wird das Setting des „Projekts“, wenn man ernst nimmt, dass die Veranstalter weiterhin den Ausstellungsbegriff auf das Veranstaltete anwenden. Das geschieht mal mehr, mal weniger explizit, und von Begleit- zu Begleittext auch nicht immer widerspruchsfrei. Die Titelwahl bleibt jedoch eindeutig: Aus Andre Malraux’ „Le Musee imaginaire de la sculpture mondiale“, ein ab 1947 entstandener Atlas von Abbildungen epochaler Skulpturen, der als Prototyp des virtuellen Museums gesehen werden kann, wurde „L’Exposition imaginaire“, die imaginäre Ausstellung also. 

Zugegeben: Der reine Fokus auf Begrifflichkeiten ist immer ein gefährlich schmaler Grat, hier wartet an dessen Ende aber eine besondere Aussicht. Folgt man also der Einladung durch den Titel und richtet die Ausstellungsperspektive auf die Gesprächsreihe, tritt daran Grundsätzliches hervor: Sie vereint, rein strukturell, vieles von dem in sich, was den raumzeitlichen Charakter der Erfahrung von Kunst und Bildern heute bestimmt. 

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Zunächst wird fast vollständig auf Visuelles an Ort und Stelle verzichtet. Das primäre Bildmaterial, die aufgezeichneten Unterhaltungen, wird ausschließlich im Netz präsentiert, wo es dank dessen Doppelcharakter als Medium und Speicher zugleich archiviert wird. Die „Bilder der Ausstellung“ direkt in digitale Kanäle zu leiten, nimmt die heute fast zur Regel gewordene Online-Rezeption von Kunst via Instagram, Contemporary Art Daily etc. vorweg, die längst auch auf die Kunstproduktion zurückwirkt. Aber auch Streamingdienste wie Netflix sind als (bewusste?) Referenz nicht weit, an denen man die Entwicklung hin zur völligen zeitlichen Individualisierung des Bilderkonsums ablesen kann: Auch „L’Exposition Imaginaire“ lässt dem „Besucher“ neben Live die volle Wahl zwischen Re-Live und Binge Watching. 

Die elementarste Frage aber, die sich aus der werklosen Ausstellung ableitet, ist: Verschwindet die Kunst in Zukunft physisch vollständig aus den Ausstellungsräumen? Kommt es mit der Digitalisierung, wie oft gehört, zu deren Dematerialisierung? Oder erleben wir im Gegenzug eine Fetischisierung des Objekts? Die Gegenwart ist von beiden Tendenzen bestimmt, was sich im Gesprächsprogramm besonders an zwei Positionen exemplarisch zeigt. Der Kurator Mathieu Copeland, dessen Ausstellungen generell um die Auflösung konventioneller Werkpräsenz kreisen, steht für die Zuwendung zum Immateriellen. Er referierte unter anderem über die viel beachtete Show Voids, eine Retrospektive von Arbeiten aus den vergangenen Jahrzehnten, die radikal jede Objekthaftigkeit negierten und letztlich als Folge von leeren Ausstellungsräumen präsentiert wurden (Centre Pompidou/Kunsthalle Bern, 2009). Kontrapunkt zu Copeland ist Thomas Demand, der zu Gast war, um über die von ihm mitverantwortete detail- und originalgetreue Wiederherstellung von Harald Szeemanns When Attitudes Become Form (1969, Kunsthalle Bern) in der Fondazione Prada in Venedig 2013 zu sprechen, die auf ein materielles Maximum – sogar die Berner Ausstellungsräume wurden nachgebaut – ausgerichtet war. 

Die konzeptionelle Raffinesse dieses Gegenübers liegt in dem dezenten, aber umso weitreichenderen Aktualitätsbezug: Im Unterschied zu den vorwiegend radikal immateriell oder ephemer arbeitenden Konzeptkünstlern der ersten Generation, deren aktuelle Präsentationen – siehe Demand – dem damaligen Selbstverständnis oft alles andere als gerecht werden, ist der Verzicht auf Objekthaftes bei postkonzeptuellen Positionen oder Vertretern der so genannten Post Internet-Kunst, in Zeiten von 3D-Druck, Spätkapitalismus und Kunstmarktdominanz, selten anzutreffen. Das Paradigma der Gegenwart ist also nicht allein das der Dematerialisierung, vielmehr wird diese von einem Hang zum Materiellen begleitet, wie einem bis vor kurzem in der Nähe der Kunsthalle Oliver Larics Hain geprinteter Skulpturen in der Secession wunderschön vor Augen führte. 

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Zurück zur Zukunft: Was ist, wenn die Dematerialisierung voranschreitet und der Ausstellung die Werke tatsächlich physisch abhanden kommen? Eine Ahnung hält wieder die Form von L’Exposition Imaginaire bereit, die ja eigentlich ein serieller Bühnenevent ist. Genau darin deutet sich an, was von der Ausstellung als Konstellation von Objekten vor Ort übrig bleiben könnte: ihr Erlebnis- und Ereigniswert. Die Ausstellung der Zukunft, denkt man so weiter, nähert sich in Format und Wirkung der Aufführung an. In eine ähnliche Richtung geht auch die Ahnung von Boris Groys, der vor kurzem in seinem neuesten Buch „In the Flow“ schrieb: „[...] a digital image cannot be merely exhibited [...] but always only staged or performed. [...] One can argue that digitalization turns visual arts into performing arts.“ Was genau das bedeutet, lässt er offen. Die wiederkehrenden und vieldiskutierten Streifzüge des Theatralen im Feld der bildenden Kunst greifen als Referenz zu kurz, vielmehr stellt man sich hier einen Umbruch der gesamten Betriebslogik vor. Erleben wir also bald die Bildfestspiele? Heute noch ein letztes Mal When Attitudes Become Form, morgen und übermorgen dann die große Simon Denny-Retrospektive? Soweit wird es wohl doch nicht kommen, auch dank Kunstmarkt, dem Garant fürs Materielle. 

Und doch nehmen wir dann immer wieder gerne Thomas Bernhards „Alte Meister“ zur Hand, um nochmal über den alten Reger zu lesen, der seit 30 Jahren fast jeden Vormittag vor einem Tintoretto im Kunsthistorischen Museum verbringt. Lautes Gelächter, mehr denn je.

Maximilian Geymüller ist Autor und Kurator und lebt in Wien.