Als wir die Hoffnung verloren

Julian Assange in der Volksbühne
 Foto: Andrea Tietz
 Die Familie Kardashian/West, wie Kim  Kardashian sie sieht. 

Fast ist Weihnachten, im Hause Kardashian/West wurde ein Engel geboren, und in Berlin erschien Julian Assange einem Theaterpublikum, das danach alle Hoffnung fahren lassen musste. Der Wikileaks-Gründer stand einmal für einen neuen alternativen Kampf, den niemand mehr für möglich gehalten hatte, nun sieht er tiefschwarz für die Welt.

Die Massenüberwachung durch NSA und Google sind Wiedergänger eines abrahamitischen Gottes, der alles hört und alles weiß und über dessen Existenz sich bis vor kurzem niemand sicher sein konnte, sagt Angela Richter. Die Snowden-Leaks kämen einer heiligen Schrift gleich, die diesen Gott zum ersten seiner Art macht, der eben wirklich bewiesen ist.  

Kurz nach den Worten der Theaterregisseurin sollte in der Berliner Volksbühne ein heiliger Geist erscheinen. 

„Julian Assange, komm’ bitte zu uns“, empfängt der kroatische Philosoph Srećko Horvat, der gemeinsam mit Richter durch den Abend führt, ihn im Scherz. Assange leuchtet dann per Skype, überdimensional groß in Hi-Res auf der Leinwand. Der Wikleaks-Gründer, so scheint es, ist anwesend.

Es ist Vorweihnachtszeit und in diesem Jahr werden an manchen Orten der Welt wieder Heilige geboren. Hoffnungsträger, die auf eine Erde kommen, die sich wie lange nicht nach Schutz, Zusammenhang und Zukunft sehnt. 

In der letzten Woche erblickte der „Heilige West“ das Angesicht der Welt, Sohn von Kim Kardashian und Kayne West. Kurz zuvor schrieb Mark Zuckerberg zur Geburt seiner Tochter auf dem von ihm gegründeten Facebook: 
„While headlines often focus on what’s wrong, in many ways the world is getting better. Health is improving. Poverty is shrinking. Knowledge is growing. People are connecting. Technological progress in every field means your life should be dramatically better than ours today.“

Nichts könnte konträrer klingen zu dem, was Julian Assange über die Welt denkt. Der Australier ist für viele immer noch Symbolfigur einer neuen Art von alternativem Wissen, weshalb in dem Berliner Theater auch jeder Platz besetzt ist. Er spricht aus der ecuadorianischen Botschaft in London in seinen Computer, wo er seit Juni 2012 jeden einzelnen Tag verlebt, um sich der Auslieferung nach Schweden zu entziehen. Dort besteht ein Haftbefehl gegen den 44-Jährigen wegen angeblicher Sexualdelikte. 

Assange erzählt an diesem Abend ohne Hast, er schaut traurig aber gefasst in seine Kamera. Die CEOs aus dem Silicon Valley, die mittlerweile als Lobbyisten einen immensen Einfluss auf die USA haben, versuchen Götter zu werden, sagt Assange. Sie arbeiten an einem Computersystem, dass so groß ist, dass sie vor ihrem körperlichen Tod ihre Gehirne dort reinspielen können, um ewig in ihrem eigenen Himmelreich weiterzuleben, sagt Assange. So lange das noch nicht klappt, wollen sie die Welt kontrollieren. Dass das aktuell ganz gut klappt, davon singt Assange ein endgültiges Lied. 

„Ich würde gerne etwas Optimistisches sagen“, versucht er es zum Ende hin zwei Mal mit einem herzzerreißend melancholischen Lächeln. Sicher sei es vernünftig, sich technisch zu wehren gegen Ausspähung, eine andere Möglichkeit wäre eben: „Encrypt your discours“. In Staaten wie der DDR, Nord- und Südkorea und auch Schweden (!), die sehr geschlossen und gesellschaftlich konformistisch aufgebaut wären und Modell stünden für die Zukunft der gesamten industrialisierten Welt, entwickele sich irgendwann eine neue Sprache, die neben der Systemsprache existiert, und durch die Information kleiner, schneller, schwieriger zu kontrollieren und kaum beherrschbar sei. Dann sagt er:  

„Das Spiel ist vorbei. Massenüberwachung und Digitalisierung gewinnen das Rennen gegen die Menschheit und menschliche Werte. Das ist die Realität mit der wir fertig werden müssen.“ 

Der Aktivist Assange war einmal ein Held, den viele gar nicht mehr für möglich gehalten haben. Er hat die Postmoderne gestraft und bewiesen, dass es ein Dahinter gibt, dass man die Mächtigen und ihre Lügen enttarnen kann. Aus diesem Assange ist ein weiser Denker mit Bart und langem Haar geworden, der ein digitales Perlenspiel durch seine Mönchsfinger gleiten lässt, und der plötzlich viele Worte hat, und viele Wahrheiten und keine Hoffnung. 

Der IS, genau wie die andere Jugendbewegung, die der Silicon Valley Nerd-Worker, ist eine männliche, der es vor allem um Kontrolle geht, glaubt Angela Richter. Auf die Frage, ob Assange dieser Tage eine ähnlich große linke Bewegung für möglich hält, verliert dieser die Antwort schnell, so fern scheint sie ihm, und vergleicht statt dessen die Steuerung der Technologien mit dem HI-Virus oder nuklearer Kriegsführung.

Wie tobte der Saal zuletzt bei Varoufakis oder Žižek, die ebenfalls in dieser Reihe mit Namen „Das Ende der Demokratie“ sprachen, und die seit einiger Zeit durch Europa tingeln, um über ein neues Europa und eine neue Linke nachzudenken, und dabei ein immer lachbereites Publikum in Dauerfreude antreffen, eine gute angezogene, freie, junge Linke, die Mut und Bewegung fühlt. Die Botschaft, die der prophetische Geist heute bringt, drückt sie tief in die Sitze.  

Ein Heiliger zu sein ist die höchste Würde der katholischen Kirche. Man muss dafür zuerst selig gesprochen werden und zwei nachweisbare Wunder vollbracht haben. Vor allem aber muss man verstorben sein. Der grad erst geborene Saint West ist der Sohn von Kimya, und es erscheint zwangsläufig, dass einem dies allein die Würde neuer Wege verschafft. Ebenso nah liegt allerdings die Vermutung: Der Bub ist gar kein echter Heiliger.  

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Die Whistleblower Edward Snowden und Chelsea Manning und in gewisser Weise auch Assange wurden in post-heroischen Zeiten zu Helden, durch Techniktricks, aber auch klassische Schemata der antiken Tragödie: sein Leben aufgeben, Verrat, ausgestoßen werden, Verlust. Und beinhaltete dabei die grandiose Idee, dass man von seinem Zimmer aus die Welt verändern kann. Auf skurrile Weise waren sie alle auch Schreibtischtäter. Dass sich nun sowohl Snowden als auch Assange in halbprivaten Gefängnissen aufhalten wirkt wie das unaufgelöste Stück einer neuer Tragödie.

Ende 2015 sitzen sie in geschlosseneren Räumen und verlieren das, was sie uns brachten: die Hoffnung. Und die Menschen, die heute durch Snowden wissen, was sie vorher für einen schlechten Traum hielten, schaffen es nicht ihre Regierungen zu dem zu zwingen, was in diesem Jahr intensiver als alle anderen europäischen Ideen diskutiert wurde: Politisches Asyl. Einen neuen realen Raum schaffen. Hinter verschlossenen Türen wird dies im Falle Snowden und Assange allerdings permanent diskutiert: Wie bekommt man sie nach Berlin? 

Der Abend in der Volksbühne endet mit Standing Ovations und Peace-Zeichen Richtung Leinwand, die auch wie ein Befreiungsschlag des Publikums wirken. Dabei winken sie technikvergessen auf eine Projektion und nicht in die Kamera des Computers, der die Verbindung zu dem fernen Assange ermöglicht. Ein Einbrechen der Wirklichkeit in diese virtuelle Veranstaltung: Assange wurde wieder der verwackelte Geist, der er ja ist. Er ist gar nicht hier. Und der Geist verweigert die Heils- oder Erlösungsversprechen, die geistige Obdachlosigkeit, die daraus folgt, wird noch zu denken geben. Ganz zu Beginn des Abends, als das alles noch nicht absehbar war, zitiert jemand den dystopischen späten Heidegger: Nur noch Gott könne uns vor der Technik retten. 

Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.