Artist Favourites von Lu Yang

 Photo: Ka XiaoXi
 Tissue Engineered Steak No.1, 2000 Prenatal sheep skeletal muscle and degradable PGA polymer scaffold. A study for “Disembodied Cuisine”
 cellF, 2015 A neural synthesizer composed of Ben-Ary‘s neurons and analogue synthesizers
 1st Anniversary Ceremony of 11.3. at Miyagi, Japan 2012
 Spheroton: from The Experience of Fliehkraft, 2011, & The Centrifuge Brain project, 2011 © Till Nowak, Courtesy: Claus Friede*Contemporary Art, Hamburg
 A Cartography of Fantasia , 2015 Video installation
 Still from A Cartography of Fantasia, 2015 Video, 15 min.

Mich interessieren Dinge aus vielen Feldern: Wissenschaft, Religion, Psychologie, Neurowissenschaften, Medizin, Computerspiele, Musik, Popkultur. Und auch die Kunst, die mir gefällt, ist sehr heterogen. Was ein Kunstwerk in sich trägt, ist mir wichtiger als seine Form. Ich mag jede Art von Schöpfung, der es gelingt zu zeigen, dass alle Lebewesen dieselben Probleme teilen; die einem etwas gibt, was man nirgendwo anders finden kann.​

_______INSERT_______

Oron Catts & Ionat Zurr

Vor Kurzem las ich von Wissenschaftlern, die Fleisch ohne tierischen Anteil in Petrischalen züchten, und musste an eine Arbeit von Orons Catts und Ionat Zurr denken, die Gründer des künstlerischen Labors SymbioticA. Als ich es Anfang 2000 zum ersten Mal auf einer Kunst-Webseite entdeckte, war das meine Einführung in BioArt, die mich bis heute inspiriert. Damals recherchierten Catts und Zurr gerade für ihre Arbeit „Semi-Living Food: ‚Disembodied Cuisine‘“ (2003), sie versuchten mit Hilfe von Biotechnologie Fleisch künstlich herzustellen. Die Arbeit ist ein bahnbrechender Versuch, uns ein Leben ohne das Töten von Tieren vorzustellen. Wenn wir schon nicht jeden zum Vegetarier machen können, vielleicht können wir Fleisch essen ohne zu töten, indem wir es im Labor züchten? Aber bislang entnehmen Wissenschaftler – wie auch Catts und Zurr – die Stammzellen noch Tieren, was weitere ethische Fragen aufwirft, die noch nicht geklärt sind. 
Oron Catts *1967 in Helsinki, lebt in Perth / Ionat Zurr *1970 in London, lebt in Perth ​

_______INSERT_______

Guy Ben-Ary

Guy Ben-Ary ist Bio-Künstler am Labor SymbioticA an der University of Western Australia in Perth, wo ich ihn 2013 während einer Residency kennenlernte. Als Künstler lebt und arbeitet man in SymbioticA komplett anders als ich es aus China kannte, überhaupt fühlt man sich weit weg von allen Zentren der zeitgenössischen Kunstwelt. Man wird ganz ruhig und konzentriert sich.
Bio-Künstler brauchen viel Zeit, mehr Geduld und technische Hilfe als andere Künstler. Aber wenn so eine Arbeit einmal fertig ist, kann sie einen in die geheimsten Bereiche des Lebens und des Universums führen. Als ich Guy traf, war er gerade mit einem neuen Projekt beschäftigt, das zwei Jahre später zu einer wahnsinnig tollen Performance führte, „cellF“ (2015), in der ein „externes Gehirn“ mit einem Roboterkörper kommuniziert. „In-Potentia“ (2012), was er zusammen mit der Künstlerin und Wissenschafterin Kirsten Hudson entwickelt hat, ist besonders High-(Bio)-Tech und abgefahren: Die beiden haben online Zellen gekauft, durch Genmanipulation in Stammzellen umprogrammiert und diese dann in Neuronen verwandelt. So entstand ein neuronales Netzwerk, ein tatsächlich funktionierendes biologisches Gehirn. Das Verblüffende: Sie verwendeten Vorhautzellen, von denen niemand geglaubt hätte, dass sie etwas mit dem Gehirn zu tun hätten. Das erinnert mich an die buddhistische Vorstellung, dass alles aus der selben Substanz ist, und nur unser Geist es ist, der die Dinge unterscheiden will.
*1967 in Los Angeles, lebt in Perth

_______INSERT_______

S-VA-HA

Ich habe mir oft die Frage gestellt, wie man zeitgenössische buddhistische Kunst machen könnte. Als ich zum ersten Mal eine Performance von S-va-ha sah, war mir klar, dass es bei ihnen genau darum geht. Die „zeitgenössische buddhistische Künstlergruppe“, wie sie sich nennen, besteht aus drei Mitgliedern, die alle auch solo arbeiten. Zwei von ihnen, Yukihisa Hirabayashi und Shugyo Kawakami, sind Mönche. Sie haben sowohl eine buddhistische Schule abgeschlossen als auch an der Kunstakademie studiert. Die Performances, die sie zusammen mit der Künstlerin TETTA machen, verbinden traditionelle buddhistische Gesänge mit japanischen Butoh-Tänzen. Mit elektronischen Geräten entwickeln S-va-ha Zeremonien zu den Jahrestagen der Bombardierung von Hiroshima oder des Erdbebens von Fukushima. Man spürt in ihrer Arbeit die Kraft der Religion, aber gleichzeitig hat sie viel mit der Gegenwart zu tun.
*2012 gegründet​

_______INSERT_______

TILL NOWAK

Vor zwei Jahren waren Till Nowak und ich an der Ausstellung „Robotic Art“ in der Cité de sciences et de l’industrie in Paris beteiligt. Till zeigte dort seinen großartigen Fake-Doku-Kurzfilm „The Centrifuge Brain Project“ (2011), in dem er physikalisch unmögliche Vergnügungspark-Attraktionen so inszeniert, dass man sie für echt hält und sie am liebsten ausprobieren würde. Kindliche Vorfreude steigt in mir auf, doch gleichzeitig warnt mich mein erwachsenes Gehirn vor der Gefahr. Till hat viel Recherche und Planung in den Bau dieser surrealen Spielzeugmaschinen gesteckt. Wie er es schafft, einen ernsten und objektiven Ansatz mit Humor zu verbinden, ist richtig toll.
*1980 in Bonn, lebt in Los Angeles​

_______INSERT_______

JAKOB STEENSEN

Jakob Steensen ist ein junger dänischer Künstler, der viel reist. Wir haben uns kennengelernt, als er gerade in Shanghai war. Ihn interessieren Beziehungenen zwischen Fantasie, Technologie, Finanzspekulation und Ökologie. In seiner neuen Videoinstallation „A Cartography of Fantasia“ (2015) erkundet ein Satellit nach dem Ende der Menschheit brachliegende Flughäfen und Touristenressorts, in denen wilde Tiere leben. Steensen interessiert sich im Besonderen für die Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Ich bin schon gespannt auf sein nächstes Projekt „Anxious Earth“, das Aufnahmen von verlassenen Gegenden, verwaisten Online-Welten und -Objekten und Bauwerken für Weltausstellungen zusammenbringt. So erforscht Steensen verlorene Fantasien von alternativen utopischen Zukünften.
*1987 in Kopenhagen, lebt in Kopenhagen und New York

_______INSERT_______

LU YANG wurde mit dem Animationsvideo „Uterus Man“ (2013) bekannt, in dem ein asexueller Superheld in Gebärmutterform mit einem DNA-Konverter und einem aggressiven Fötus an der Leine durch eine dystopische Alllandschaft navigiert. Biologie und Medizin sind durchgehende Themen in den Arbeiten der 1984 geborenen Künstlerin, die sich damit beschäftigen, wie das menschliche Denken von Wissenschaft oder Religion kontrolliert wird. 2015 stellte sie im chinesischen Pavillon auf der Venedig-Biennale aus und nahm an der Ausstellung „Inhuman“ im Fridericianum Kassel sowie „The Heart is a Lonely Hunter“ bei Yarat in Baku teil. Sie wird von der Galerie Beijing Commune in Peking vertreten und lebt in Shanghai.​

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 47 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.