Curator's Key

 Nancy Spector & Tino Sehgal  Foto: David Velasco

Die Vizedirektorin und Chefkuratorin des Guggenheim-Museums in New York, über »This Progress« (2006) von Tino Sehgal

Obwohl es viele Künstler gibt, die ich sehr schätze, und ich auch das Glück hatte, mit einigen von ihnen bei Ausstellungen eng zusammenarbeiten zu dürfen, war es überraschend einfach, das eine Werk zu finden, das am nachhaltigsten Eindruck auf mich machte. »This Progress« (2006), die zentrale Arbeit in Tino Sehgals Einzelausstellung im Guggenheim-Museum 2010, veränderte grundlegend mein Verständnis davon, wie Kunst funktionieren kann. Statt mit dem traditionellen Objekt – Malerei, Video, Fotografie oder Installation – arbeitet der deutsche Künstler mit, wie er es nennt, »konstruierten Situationen« – Live- Aufführungen, deren einziger Gegenstand der Mensch ist. Seine Abneigung gegenüber dem Objekt kommt von einer tiefen politischen Überzeugung gegen die exzessive Anhäufung von Waren in der westlichen Kultur. Sehgal nutzt das Museum und verwandte Institutionen wie Galerien, Kunstmessen und Privatsammlungen als Bühne für seine alternative Produktionsweise, die nicht auf Materialien, sondern auf Aktionen aufbaut. Seine Arbeiten sind flüchtig und vergänglich, können aber wie jedes andere Kunst- werk verkauft, gesammelt und wieder aufgeführt werden. Obwohl die Dokumentation der Arbeit durch Fotografie, Film, Zertifikat oder Skript vom Künstler nicht erlaubt wird, kann man doch darüber schreiben oder sie wie eine Kette sich ständig verändernder Erinnerungen und Worte weitererzählen. Verstehen Sie diese Kolumne als eine solche Nacherzählung, eine Aufzeichnung meiner persönlichen Erfahrung mit dieser Arbeit.

Ursprünglich für das ICA in London konzipiert, adaptierte Sehgal auf großartige Weise »This Progress« für die von Frank Lloyd Wright entworfene Spirale des Guggenheim, aus der alle Objekte für die Dauer der Ausstellung entfernt wurden. Die Arbeit, eine choreografierte Konversation, erstreckte sich über den gesamten Weg eines jeden Ausstellungsbesuchers, vom Erdgeschoß bis nach oben, von einer ersten Frage bis zu einem letzten Gespräch. Entlang dieses Weges trafen die Besucher Vertreter oder »Interpreten« aus vier Generationen: Kinder, Teenager, junge Erwachsene und Ältere, die sie in eine sich immer wandelnde Diskussion über den Begriff des Fortschritts verwickelten. Keine zwei Unterhaltungen waren gleich; sie hingen einzig und allein von den Antworten und Interessen der Besucher ab. Was unverändert blieb, war die Struktur der Arbeit, die mit zunehmender Höhe der Rampe (nicht unkritisch) die utopischen und modernistischen Ideale widerspiegelte, die in der Architektur des Museums zu finden sind.

In »This Progress« wie in seinen Performances generell versucht Sehgal die Distanz zwischen Kunst und Publikum zu überwinden und jedes Gefühl von Didaktik und Bühnenhaftigkeit zu vermeiden. Stattdessen wird die Rolle des Publikums gestärkt, es wird zu einem entscheidenden Faktor der Arbeit. Sehgals Kunst lässt den Betrachter nicht nur an einer Erfahrung teilhaben und das Erlebte interpretieren, sondern gibt ihm vielmehr eine wesentliche Rolle in der Realisierung der Arbeit. Von den abertausenden Besuchern des Guggenheim wurde jedem einzelnen Die Möglichkeit geboten, sich an »This Progress« zu beteiligen und es zu gestalten. Die Arbeit funktionierte als eine Kunstform für die Massen, war aber zugeschnitten auf die persönliche Erfahrung jedes Einzelnen.

Aus dem Amerikanischen von Stefan Tasch