Curator's Key

Portrait
 Foto: Fabian Gonzalez

Chris Fitzpatrick, Direktor des Kunstvereins München, über Frank Chu und seine »Serial Protest Signs« (1998–?).

Ist Frank Chu Künstler? Er selbst würde sich nicht so bezeichnen. Chu stellt sich emphatisch als professioneller Demonstrant, intergalaktischer TV- und Film-Star und Hauptfigur einer transtemporalen Verschwörung dar. Mit einem immer ähnlich gestalteten Schild mit rätselhaftem Text in Händen fährt er täglich mit der U-Bahn von Oakland nach San Francisco, nimmt parasitisch an verschiedensten Protesten teil (egal wogegen protestiert wird) oder präsentiert es im Rushhour-Verkehr, auf Festivals, riesigen Parkplätzen, Straßenfesten und wo immer Nachrichten-Kameras zu finden sind.

Chu wurde 1960 geboren und lebt in Oaklands Chinatown. In den späten 90er Jahren bekam er telepathische Nachrichten von früheren Regierungschefs der Sowjetunion und UN-Präsidenten, die ihn informierten, dass er seit seiner Kindheit im Film und der gleichnamigen TV-Serie »The Richest Family« mitgespielt hatte. Die wöchentlichen Episoden wurden mit streng geheimen unsichtbaren Kameras gedreht. Chu stehen drei und seiner Familie fünfzig Milliarden Dollar Tantiemen zu, die von einem niederträchtigen Netzwerk veruntreut werden: aktuelle und frühere Präsidenten der USA, die in überzeitlichen pluralistischen Gruppierungen arbeiten, ihre Gestalt wandelnde Kongressabgeordnete, die CIA, das FBI, korrupte Familienmitglieder, die Universal Studios. Sie alle haben Zweiteinkommen über die »12 Galaxien«, mit denen sie zusammenarbeiten – ein gefährlicher galaktischer Verband hoch entwickelter Populationen, der versuchte, Chu von Polizeibeamten aus Oakland ermorden zu lassen, telepathisch regelmäßig seinen Schlaf unterbricht, Kehlkopfentzündungen verursacht, sein Sexleben beeinträchtigt, Anstellungen verhindert und auch sonst Chaos und Verwüstung anrichtet, in der Hoffnung ihn von seinen Protesten abzubringen. 

Willensstark hat Chu weder seinen Feldzug noch die Produktion seiner Schilder aufgegeben. Ursprünglich hatte er den Aufruf, Präsident Bill Clinton (und »12 Galaxien«-Kollaborateur) seines Amtes zu entheben, noch mit schwarzem Marker auf weiße Tafeln geschrieben. Mithilfe von Spendengeldern konnte Chu dann Signographics in San Francisco mit der Herstellung der Schilder beauftragen, die seither mit Klebebuchstaben auf schwarzem Grund produziert werden. Chu klebte oft Buchstaben dazu, um Wörter zu verändern (»zegnatronic « zu »tetratronic« zum Beispiel), später wurde sein visuelles System komplexer und umfasste sieben Zeilen in verschiedenen Farben. 

Chu sucht täglich ein neues Schild aus seinem Arsenal aus und gibt jede Woche ein neues in Auftrag – mit Begriffen und Zahlen, die er telepathisch oder aus Zeitungen erhält. Heute besteht Chus System aus fünf mittig gesetzten Zeilen kodifizierten Textes: ganz oben, in blau, der Name eines mitschuldigen Politikers; als nächstes, in weiß, die Anzahl an Populationen außerhalb unserer Galaxie; dann, in rot, eine Nachrichtenquelle mit einem Kommentar zu ihrer Berichterstattung oder einer Beschreibung außerirdischer Raketen oder Raumfahrtzentren; dann, wieder weiß, eine Beschreibung hochentwickelter Milliardärskosmopoliten in anderen Galaxien; und ganz unten, in grün, spezifische Aspekte zwischeneiszeitlicher/ intergalaktischer Raketengesellschaften, ihre fortgeschrittenen Architekturen und Technologien. 

Chus Schilder sind visuell ansprechend, wiedererkennbar und sprachlich verwirrend. Für uns schwer verständlich, sind sie für Chu wirksame Instrumente, »conversation pieces«, die der Öffentlichkeit präsentiert und von ihr weitergedacht werden sollen. Es hat vielleicht auch ein wenig von »Barres de bois rond« – André Caderes vielfarbige Holzstäbe –, doch Chu ist auf einer völlig anderen Wellenlänge (in einer anderen Zeit, Raum, Sprache, Politik, Metaphysik, Mathematik, Macht, Klasse, Überwachung, Psychologie, Medizin, Technologie, Astronomie, Rechtssystem, Epistemologie, Semiotik, Parasitismus, Kultur, Wissenschaft, Geschichte, Mode, Verschwörung, und so weiter). Vielleicht stellen die Unermesslichkeit von Chus Räumen, die Fluidität der Dimensionen, die Komplexität der Netzwerke und die Polivalenz der Zeit sogar für meine größten krypto-museologischen Sehnsüchte einen unerreichbaren Schlüssel dar. Aber so wie Chu versuche ich es weiter.

Aus dem Amerikanischen von Yael Salomonowitz

 

Chris Fitzpatrick ist Direktor des Kunstvereins München und von Objectif Exhibitions in Antwerpen.