Curator's Key

Alison M. Gingeras über Asger Jorns „Stalingrad, Niemandsland, oder das verrückte Lachen des Muts“ (1957–72)
 Asger Jorn, Stalingrad, Niemandsland, oder das verrückte Lachen des Muts, 1957–1960, 1967, 1972; Öl auf Leinwand, 296 x 492 cm; © Donation Jorn, Silkeborg/Bildrecht, Wien, 2016. Foto: Lars Bay

Pilgerreise nach Stalingrad

Der Pilgerweg zur Kunst kann wichtiger sein als die Kunst selbst. Für mich gilt das fast immer und geht vielleicht auf die Zeit zurück, als ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit Kunstgeschichte beschäftigte. Ich war eine zwanzigjährige Studentin an der Université catholique de Louvain in Belgien, die tatsächlich daran dachte, den Rest ihres Lebens mit Detailstudien der Altniederländischen Malerei zu verbringen. Mich berührte, wie das nordeuropäische Andachtsbild des 15. Jahrhunderts ein intensives emotionales Erlebnis hervorrufen wollte. „Bilder und Tränen“ wäre der perfekte Titel für meine nie geschriebene Dissertation gewesen. Ein Jahr lang fuhr ich mit meinem Studenten-„Go Pass“ für umgerechnet zwanzig Dollar fast jedes Wochenende umher, um Andachtsbilder ausfindig zu machen. Meisterwerke genauso wie verborgene Schätze in Kirchen, Stadtmuseen, Dörfern und mondänen mittelalterlichen Städten wie Antwerpen. Ich durchquerte mit dem Zug das Land, um die weinenden Marienbilder von Dieric Bouts, Hans Memling, Rogier van der Weyden, Jan van Eyck im Original zu sehen.

Diese romantischen und einsamen Reisen haben mein Leben genauso stark verändert wie die Kunst. Die schäbigen belgischen Züge wurden zu Zeitmaschinen. Natürlich verliebte ich mich in das geheimnisvolle Gesicht Canon van der Paeles in Brügge und war überwältigt von der „Anbetung des Lammes“ in Gent, aber mehr noch lernte ich auf diesen Reisen zu sehen. Und selbst über Kunst nachzudenken. Die vielen zurückgelegten Kilometer erzeugten Hingabe. Die vielen leeren Stunden zwangen mich darüber nachzudenken, was ich bald sehen würde oder gerade gesehen hatte. Das Vergnügen des Betrachtens und Verstehens mischte sich mit all den Beobachtungen und zufälligen Begegnungen auf der Fahrt. Das sentimental Touristische und die soziologische Erkenntnis waren Teile des Ganzen, nicht bloß Nebenprodukte. Auf einer Pilgerfahrt geht es um das Verlassen des bequemen Zuhauses genauso sehr wie um Hommage und das Erleben einer bestimmten Sache. Kunst soll Gefühle auslösen. Ich lernte auf diesen Pilgerreisen zur Kunst wirklich zu fühlen.

Fast forward: Im Januar 2015 fuhr ich ins dänische Silkeborg – Asger Jorns Heimatstadt –, um die Sammlungen des Silkeborg Kunstmuseums (aka Museum Jorn) zu sehen. Bei leichtem Schneefall ist es von Kopenhagen aus eine pittoreske und angenehm langweilige vierstündige Fahrt mit dem Zug auf die Halbinsel Jütland. Vor seinem frühen Tod schenkte Jorn seine ganze Sammlung Silkeborg. Seiner Familie hinterließ Jorn nichts, was sie zu Geld hätte machen könnten. Er schenkte alles der Allgemeinheit. Ich verbrachte den Großteil der Reise nach Silkeborg mit der Lektüre von Karen Kurczynskis großartigem Buch „The Art and Politics of Asger Jorn“, meine weltliche Bibel in Vorbereitung auf Jorns Meisterwerk „Stalingrad, Niemandsland, oder das verrückte Lachen des Muts“.

Wenn man an Jorns radikal linke Gesinnung denkt, die sich in dem berühmten Telegramm „MR. GUGGENHEIM, […] GO TO HELL WITH YOUR MONEY BASTARD“ ausdrückt, mit dem er den Guggenheim International Award 1962 ablehnte (auch im Archiv des Museums), war es ziemlich ergreifend vor dem großartigen Jorn-Tempel die Einfachheit von Jorns Heimatstadt zu sehen. Das heute ziemlich heruntergekommene Silkeborg ist eine farblose Arbeiterstadt mit surrealistischem Touch, wie gemacht für einen David Lynch Film. Viele „Sturzbetrunkene Dänen“ (um den Titel einer anderen großartigen Arbeit von Jorn zu übernehmen).

Als ich ins Museum kam, stand „Stalingrad“ beiläufig am Boden. Die Sammlung wurde gerade neu installiert. In Jorns monumentaler Malerei – seine größte und gefeierteste Arbeit, seine Antwort auf Picassos „Guernica“ – pulsieren nicht nur die Schichten von Farbe, sondern auch die vielen Geschichten, die ich darüber las und was ich auf meiner Reise erlebte. Ich war ergriffen von der Einzigartigkeit der Komposition und dem legendenumwobenen Thema, das an die Grausamkeiten des Krieges gemahnte. Jorns ganze Integrität und sein politischer Einsatz waren in diesem unglaublichen Museum zu spüren, das er seiner Heimatstadt schenkte. Die Malerei ist durchtränkt von ihrer komplexen Geschichte und Jorns Klassenbewusstsein. All das entströmte der Oberfläche, hinein in meinen Kopf und mein Herz.

Visuell und emotional bedeutet mir diese Arbeit mehr als jeder A+ Jackson Pollock. Jorn überarbeitete „Stalingrad“ viele Male, die rechte untere Ecke ist mit 1957–60, 67, 72 datiert. Es hatte auch verschiedene Titel. Kurczynski schreibt: „‚Stalingrad‘ ist eine radikale Negation der übermächtigen Bilder des Erinnerns in den Massenmedien“. Mir wurde klar, wie wichtig es ist, dass diese Arbeit nicht in einem leicht erreichbaren Museum in Paris oder New York und auch nicht in Kopenhagen hängt. Jorn hätte vielleicht seine Karriere voranbringen können, hätte er „Stalingrad“ an einen Sammler verkauft. Das hätte vielleicht seine Antwort auf Picassos „Meisterwerk“ zum Denkmal seines eigenen Genies gemacht.

Was mich vor diesem Bild fast zum Weinen brachte ist Jorns radikale Humanität in dieser Geste, die mich und viele andere Gläubige vor mir, zwang, ins bescheidene Silkeborg zu pilgern und diesen Ort kennenzulernen, wenn auch nur für ein paar Stunden.

 

Alison M. Gingeras war Kuratorin am New Yorker Guggenheim Museum, dem Centre Pompidou in Paris, sowie dem Palazzo Grassi in Venedig. Momentan arbeitet sie neben freien Projekten als Adjunct Curator bei Dallas Contemporary in Texas. Sie lebt in New York und Warschau.

 

Aus dem Amerikanischen von Ruth Ritter