Curator's Key

Anne Ellegood, Senior Curator am Hammer Museum in L.A., über Bob Flanagans „Visiting Hours“ (1994)
 Bob Flanagan, Hospital Room , 1992 Installation view The New Museum of Contemporary Art, New York 1994 Courtesy of New Museum, New York. Photo: Fred Scruton
 Bob Flanagan, Waiting Room , 1992 Installation view The New Museum of Contemporary Art, New York 1994 Courtesy of New Museum, New York. Photo: Fred Scruton
 Installationsansicht “Visiting Hours: An installation by Bob Flanagan in collaboration with Sheree Rose,” The New Museum of Contemporary Art, New York 1994 Courtesy of New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

Im Herbst 1994 besuchte ich zum ersten Mal das New Museum of Contemporary Art in New York City. Ausgestellt war die Installation „Visiting Hours“ von Bob Flanagan (1952–1996) und seiner Partnerin Sheree Rose. Gleich unter dem an die Wand geschriebenen Titel stand ein Rollstuhl in der Ecke. Wie ein Versuch einer Antwort auf die Fragen, die dieses provokante Objekt aufwarf, waren darunter die ersten Worte eines Texts zu lesen, der sich die gesamten Wände der Ausstellungsräume entlangzog: „Warum: Weil es gut tut“. Es war eine lange Auflistung von Gründen, warum Flanagan extreme Formen von Masochismus praktizierte, deren Spuren sich mit erfrischender Gleichgültigkeit dem gegenüber, was man in einem Museum für akzeptabel hält, über die Räume verteilten.

Der Künstler, Performer und Autor Flanagan wurde mit einer azystischen Fibrose geboren, eine unheilbare und schmerzhafte genetische Störung mit geringer Lebenserwartung. Er lernte mit seiner Krankheit umzugehen, indem er Lust aus Bondage, Body Piercing und Folter zog. Als überraschendes Hybrid zwischen Krankenhaus, Spielplatz und Sexhöhle behandelte die Ausstellung das Thema Tod ehrlich, offen und mit Witz. Sex verband sich auf eine Weise mit dem Sterben, die das Morbide in einer unerwarteten Wende zu Schönheit und Befriedigung – egal wo und wie im Leben – überwand. In diesem eigenartig einladenden Environment waren Videos des Künstlers zu sehen, wie er seinen Körper entstellt oder sich schmerzhaften Ausdauerübungen unterzieht. In einem kleinen Krankenzimmer empfing der Künstler zu festen Zeiten Besucher. Ich war eine der wenigen an diesem Tag und traf Bob in einem typischen weißen Krankenhauskittel an. Er ruhte sich in seinem Zimmer aus, war aber wach. Wir unterhielten uns eine Zeit lang, und ich bemerkte, dass er zwar das Charisma und den Drang eines Exhibitionisten hatte, seine Ausstrahlung und Präsenz aber woanders herrührte. Es war keine Performance, das Museum wollte auch nicht schockieren oder ein Spektakel daraus machen. Und auch wenn sein unvermeidlicher Tod (etwa ein Jahr später ist er gestorben) – ein Thema, das in unserer Kultur gerne verdrängt wird –, zentral für die Ausstellung war, hinterließ den stärksten Eindruck auf mich das Gefühl von Verbundenheit, ohne jede Befangenheit und ohne jedes Vorurteil.

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„Das kann man in einem Museum machen?“, dachte ich damals. Aber nicht weil es um Sex ging, um den Körper, oder weil es mir Angst einflößte, sondern weil Verletzlichkeit im Raum lag – tatsächlich durchdrang Menschlichkeit das Museum viel stärker als ein durch die Bilder ausgelöstes Unbehagen oder Kitzel. Das Risiko war förmlich spürbar. Und es war beeindruckend, wie sich die Bereitschaft des Künstlers zu diesem Risiko (eher Notwendigkeit als Begehren) in der des Museums wiederspiegelte (man akzeptierte es nicht nur, man war enthusiastisch). Weder der Künstler noch die Institution verstanden das Risiko als Gefahr, sondern vielmehr als etwas, das neue Möglichkeiten eröffnet. Flanagan und das Museum stellten sich den Herausforderungen beispielhaft.

Diese Erfahrung vertiefte meine Suche nach dem Neuen und dem Experiment, weil ich erkannte, dass die Erwartungen an eine Institution größer sein können und herausgefordert werden sollten. Ich versuchte den Prozess des Ausstellungsmachens nicht mehr als festen Rahmen zu sehen, den der Kurator mit Inhalt befüllt, sondern als offene Plattform, die mit jedem Projekt neu gedacht werden kann. Und ich erkannte, dass es dafür nicht nur der Kritik, Treue und Aufmerksamkeit gegenüber den einzigartigen Eigenschaften jedes Künstlers bedarf, sondern auch der Bereitschaft verletzlich zu sein.

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ANNE ELLEGOOD ist seit 2009 Kuratorin am Hammer Museum in Los Angeles, zuvor war sie am Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington D.C. (2005–2009) sowie am New Museum in New York (1998–2003).