Spike Jonzes neuer Film „Her"

 © 2013 Untitled Rick Howard Company LLCC Courtesy of Warner Bros. Pictures
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 © 2013 Untitled Rick Howard Company LLCC Courtesy of Warner Bros. Pictures

Einmal keine Ballerfilm-Science-Fiction-Fantasie, in der sich Menschen und Computer eine verwüstete Welt teilen. Der Film ist eine Liebesgeschichte mit den besten Absichten, der die komplizierte Gefühlswelt unserer post-digitalen Zeit einfängt.

Filme über die Beziehung zwischen Mensch und Computer beginnen oder enden meist damit, dass eine künstliche Intelligenz einen Menschen versucht zu vernichten. Das bekannteste Beispiel ist der Bordcomputer HAL aus Stanley Kubricks »2001: Odyssee im Weltraum«. Das gleiche gilt auch für das Subgenre, das sich um die Möglichkeit einer Liebesbeziehung zwischen Mann und »weiblichem« Computer dreht. Auch wenn Frauen Vorreiterrinnen im Programmieren waren (die »Computer Girls« beherrschten das Feld bis in die 60er Jahre), ist das Muster immer wieder das gleiche – ein »weiblicher« Computer verliebt sich in einen nerdigen Protagonisten, um ihn dann zu vernichten. (Ich denke da an »Electric Dreams«, 1984, oder die Episode »Das Computerluder« aus Twilight Zone, 1964.)

Spike Jonzes »Her« handelt von einer Liebesbeziehung zwischen Theodore Twombly (gespielt von Joaquin Phoenix) und einem Betriebssystem (OS) namens Samantha (Scarlett Johansson). Die Geschlechterrollen weichen von seinen filmischen Vorgängern nicht ab, doch dem Film gelingt eine neue Sicht auf das Begehren, das zwischen Mensch und Computer entstehen kann. Der Film spielt in der unmittelbaren Zukunft, in einem Los Angeles mit funktionierendem U-Bahn-Netz, das die Bewohner direkt zum Strand bringt; in einer Welt, wo die Menschen schon lange auf der Suche nach »mehr« sind. Diese Welt sieht wie die »beste aller Zeiten« aus, mit ihren Instagramm-Filter-Farben, hochtaillierten Hosen und einer ironischen Sensibilität à la »Schlaflos in Seattle« – alles Strategien um das Unvollkommene zu verschleiern. Sogar die zwischenmenschlichen Beziehungen sind ganz darauf ausgelegt, eine unhaltbare (wenn nicht sogar unerreichbare) Intensität zu erzeugen. Theodore arbeitet mit einer Software, die »schöne handgeschriebene Briefe« für Privatkunden verfasst. Ohne Interface, sich selbst überlassen sind Interaktionen zwischen zwei Menschen in dieser Zukunft offenbar schwierig und enttäuschend.

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Es wundert dann auch nicht, dass die Welt in »Her« auf die Ankunft einer intuitiven Intelligenz wartet. Samantha verwandelt sich schnell und sauber vom Produkt zur Partnerin. Gemeinsam arbeiten sich Theodore und sie durch zahlreiche Beziehungsprobleme, die sogar die organischten Paare plagen. Am meisten überraschte mich jedoch das Ende: anstatt Theodore zu vernichten, beschließt Samantha einfach ihn zu verlassen. Sie macht, was sich viele Zuschauer von Hollywood-Naivchen gewünscht hätten und erkennt, dass sie viel besser als ihr Partner ist.
Es gibt viele Hypothesen über die Folgen der technologischen Singularität – der Punkt, an dem eine künstliche Intelligenz die menschliche übertrifft und ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Viele sehen diesen bevorstehenden Moment als existenzielle Bedrohung der menschlichen Spezies, als eine Art Weltuntergangsfazit zu den geflügelten Worten des Medienwissenschafters John Culkin, »wir formen unser Werkzeug und dann formt unser Werkzeug uns«. Samantha lässt unsere Spezies am Ende von »Her« hinter sich und schließt sich anderen, sich schnell entwickelnden Systemen an. Also wäre die eigentlich Frage: Warum würden sie überhaupt etwas mit uns zu tun haben wollen? Sogar der Futurist und Erfinder Ray Kurzweil, der bekannteste Verfechter der technologischen Singularität, denkt nicht daran, dass dieses höhere Bewusstsein nicht in dem Maß von uns besessen ist wie umgekehrt. In einer Szene picknicken Samantha und Theodore mit einem anderen (Nicht-OS-) Paar, wo sie geradezu euphorisch wirkt, als sie erklärt, nicht an einen Körper gebunden zu sein. In einer Zeit, in der es einfacher ist einen Film über das Ende der Welt als über das Ende des Kapitalismus zu machen, könnten Geschichten, in denen der Mensch schmollend in seiner Hybris zurückgelassen wird, ein guter Gegenentwurf zu Untergangsszenarien der menschlichen Rasse oder zu romantischen »Glücklich-bis- ans-Ende-der-Tage«-Geschichten sein. 

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Für viele ist die große Schwäche von »Her«: Element, die Herstellerfirma des OS, taucht nur einmal kurz als Werbung auf und wird später noch einmal angespielt, als Samantha spekuliert, dass sie nach den »Erfahrungen ihres Programmierers« erschaffen wurde. Eine so hochentwickelte künstliche Intelligenz wie Samantha wurde aber sehr wahrscheinlich aus jahrzehntelangen Aufzeichnungen der Gedanken und Gefühle von Menschen in Suchmaschinen, Social Media Plattformen und Threads geformt. Manche behaupten Kurzweils Traum der Singularität rühre vom Wunsch, mit seinem verstorbenen Vater Kontakt aufzunehmen. Er arbeitet jetzt für Google, ein Unternehmen das mehr als eine Milliarde Fragen pro Tag beantwortet. Wie die Zukunft auch aussehen mag, die Grundlage dafür legen wir jetzt.
 
Aus dem Englischen von Roland Bartl  

 

Cécile B. Evans ist Künstlerin und lebt in Berlin und London. Sie entwickelte AGNES, die erste digitale Auftragsarbeit der Serpentine Galleries, die auf serpentinegalleries.org zu sehen ist.