Essay: Unsichtbar vor aller Augen

 Julia Scher Surveillance Bed III, 1994 180 x 240 x 180 cm
 Julia Scher Projective Engineering (PE), 1993 San Francisco Museum of Modern Art
 Julia Scher Security by Julia IX (SBJ IX), 1991 Installationsansicht Le Consortium, Dijon

Transparenz ist längst nicht mehr die Zauberformel, die zu mehr Freiheit führt. Ganz im Gegenteil. Wir müssen, um ein Stück Menschlichkeit und Freiheit zurückzugewinnen, zu unseren eigenen Zensoren werden. Barbara Casavecchia findet in verschiedenen künstlerischen Arbeiten der letzten Jahre die Bausteine für eine neue Kultur des Schweigens.

Im Wissen darum, dass unser Erscheinungsbild, unsere Gedanken und Gefühle von Firmen und Regierungen aufgezeichnet und analysiert werden, haben wir uns daran gewöhnt, uns vor aller Augen zu verstecken. Wir tarnen uns, indem wir viel sagen ohne wirklich etwas zu sagen. Ob gewollt oder gezwungen, werden wir eine Kultur der reduzierten öffentlichen Präsenz entwickeln – mit nur noch im kleinen Kreis geteilten Erlebnissen, Geheimnissen und großer Verschwiegenheit. Wir werden uns in selbstgeschaffene „Geheimagenten“ oder Geheimnisträger verwandeln müssen. GIB MÖGLICHST WENIG INFORMATION ÜBER DICH PREIS und OPAZITÄT IST EINE UNWIDERSTEHLICHE HERAUSFORDERUNG – schon Jenny Holzers „Truisms“ aus dem Orwellschen Jahr 1984 wiesen in diese Richtung. Ich fand sie vor kurzem als Steininschriften im Skulpturenpark von Wanås in Schweden wieder, wie stille, Zeit und Raum überschreitende Meditationen über die Vorteile des Verborgenbleibens.

In der bildenden Kunst steht natürlich das Sichtbarmachen im Zentrum. Künstlerische Arbeiten zum Verhältnis von Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Technologie reichen jedoch oft über das ästhetische Feld hinaus. Und zwar nicht erst seit Post-Internet. Blättert man zum Beispiel im Katalog der Whitney Biennale von 1993, als eine neue Welle experimenteller Videos und Filme sich mit der Subkultur dieser Zeit, „stimmenlosen“ Menschen, Kabelfernsehen, Heimvideos und Massenüberwachung auseinandersetzte, entdeckt man das „Gulf Crisis TV Project“, das die Ursprünge des Golfkriegs im militärisch-industriellen Komplex der USA beleuchtete. „Am 7. Januar 1990, eine Woche bevor die US-Luftwaffe ihre ersten Bombenangriffe auf den Irak flog“, so heißt es im Katalogtext, „begann die wöchentliche Serie von Ausstrahlungen per Satellit, über lokale und öffentliche Sender. In den folgenden Monaten legten diese Sendungen die Risse in der Hightech-Fassade frei, die die Mainstream-Presse um den Krieg aufbaute.“ Nicht viel später, 1996, gab die US-amerikanische Künstlerin Julia Scher ihren ersten Kurs am Bostoner Massachusetts College of Art zum Thema Überwachung – sehr lange vor Discreet, der „intelligence agency for the people“ der diesjährigen Berlin Biennale.

Der Künstler und Schriftsteller Zach Blas (*1981), der mit „Facial Weaponization Suite“ (2011–2014) eine Serie von Masken machte, die Gesicht und damit Identität verbergen, erinnert uns daran, dass „informationstechnische Standardisierungen […] eine Auffassung vom Menschen als etwas vollständig Mess-, Quantifizier- und Erkennbares – d. h. informationstechnisch Sichtbares – erschaffen“. Er spricht auch vom Recht auf Opazität (vor allem queere Opazität) als Strategie des Widerstands.

Der Faktor Mensch und dessen gelebte Erfahrung sind nach wie vor ein beharrlich opaker Bereich: schwer oder gar nicht zu entschlüsseln, wenn es um Meinungsfreiheit, Sex, Politik und Genuss geht.

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Die Interaktion von Mensch und Maschine, die zunehmende Vermenschlichung der Technik oder gar die Einverleibung des einen in das andere sind heute die neuen Fetische, an die wir glauben sollen. Doch bei aller futuristischen Begeisterung oder Beklemmung sollten wir nicht vergessen, dass immer noch reale und individuelle Körper hinter den Algorithmen stehen. Wie die Schauspieler Anthony Daniels und Kenny Baker hinter den Star-Wars-Droiden C-3PO und R2-D2, sind sie unverzichtbar, wenn es darum geht die Illusion automatisierter Intelligenz, Geschwindigkeit, Effizienz und Objektivität aufrecht zu erhalten.

„Dark Content“ (2015–), das jüngste Projekt von Eva und Franco Mattes (aka 0100101110101101.org), analysiert die „Filter“, die die Masse an „illegitimen“ Bildern, Worten, Trolling, politischen Parolen und Gewalt aus dem Netz sortiert. Nachdem eines ihrer Videos von YouTube gelöscht wurde, begannen die beiden Künstler über die Moderation von Inhalten zu recherchieren. „Wer oder was entscheidet, ob etwas aus dem Internet entfernt wird? Ist es ein Algorithmus? Oder sind es Menschen? Wer wählt aus, was behalten und was gelöscht wird? Wer löscht es dann tatsächlich? Wer beaufsichtigt diesen Vorgang? Gibt es Richtlinien?“ Sie posteten ein Jobangebot, um Internet- Moderatoren kennenzulernen und sie über ihre Erfahrungen zu befragen. „Selbst wenn sie schon lange aus dem Job raus sind, erinnern sich die meisten noch genau an das Video, aufgrund dessen sie ihre Arbeit niederlegten“, sagen Eva und Franco Mattes (*1976). „Sie arbeiten an winzigen Büroplätzen oder in ihren Schlafzimmern, auf den Philippinen, in Arizona oder in Bulgarien, und wissen so gut wie nichts über die Firmen, für die sie tätig sind. Nie setzen sie einen Fuß in deren Hauptquartiere, bezahlt werden sie pro Auftrag. Dabei treffen sie mit jedem Ja- oder Nein-Klick Entscheidungen von kultureller Tragweite.“ Die Interviews wurden als kurze Videoepisoden mit Avataren und maschinengesprochenem Text ins Darknet geladen, dem Netzwerk, in dem die Nutzer anonym bleiben können, das aber, wie das Künstlerpaar sagt, „weitaus transparenter ist als die Cloud. Nach ein paar Stunden Recherche versteht man ganz gut, wie es funktioniert.“

Wir filtern den menschlichen Output natürlich ganz automatisch bevor wir ihn veröffentlichen. „Versteckte Moderation“ wäre die Metapher oder nüchtern-subversive Anleitung für das Bewahren unserer eigenen Welten.

Ein Synonym für Moderation ist Selbstauslöschung.

Wenn wir uns von dem moralisierenden Unterton des Wortes lösen, könnte es für die zunehmend diffusen Gegenstrategien stehen, um uns der öffentlichen Kontrolle im Raum der sozialen Medien zu entziehen. Ein Raum, in dem Schüchternheit bereits als Vorstufe sozialer Angststörung gilt (eine anerkannte Phobie oder Persönlichkeitsstörung) und jede Ablehnung von Selbstpreisgabe ans Pathologische grenzt. Wenn Verschwinden nahezu unmöglich ist (oder gar unerträgliche Selbstvermarktung, wie vor kurzem bei Radiohead), dann scheint die beste Alternative zwar präsent, aber wenigstens nicht ganz schutzlos, zu sein. Persönliche Informationen zurückzuhalten und Zonen des mitteilungslosen, undokumentierten und damit unvergesslichen Erlebens zurückzugewinnen, eröffnet viele Möglichkeiten. Mit der Diskretion ist es ähnlich.

Im „Balconism“-Manifest von Constant Dullaart (*1979) fordert der Künstler: „Wir brauchen eine erhöhte private Veranda, einen Ort, um frische Luft zu atmen, aus der Sicht für unbeteiligte Zuschauer, doch bestens geeignet für öffentliche Bekanntgaben. Der Balkon ist sowohl öffentlich wie privat, online und offline. Er ist zugleich Raum und Bewegung. Du kannst gesehen werden oder unbemerkt bleiben, drinnen wie draußen. Am Balkon sind Hausschuhe in Ordnung. Freiheit durch Verschlüsselung statt durch Offenheit. Das Wichtigste: Du selbst triffst die Entscheidung ob Du Dich sichtbar machst.“

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Es ist auch möglich, hinter einer Vielzahl von Oberflächen zu verschwinden. In ihrem Essay „Further Materials Toward a Theory of the Hot Babe“ schreibt Hannah Black: „Soziale Medien machen alle, die wollen, zu Hot Babes. Nicht mehr die Details des Lebens sind privat und geheim, sondern das Verschwinden in seinem Innersten. […] Heute erfordert das ‚authentische‘ Ich der Ideologie einen Überschuss von Ichs, die nicht als ‚authentisch‘ wahrgenommen werden – eines von ihnen ist das Hot Babe. […] sie ‚bewahrt ihr Image‘, aber kein bestimmtes. Der Zustand des Hot Babe ist die Unsichtbarkeit oder (was auf dasselbe hinausläuft) die reine inhaltslose Sichtbarkeit.“

Ich selbst habe Trost im Begriff der تقية (Taqiyya, wörtlich: „Furcht“, „Vorsicht“) gefunden, so, wie ihn der Künstler Lawrence Abu Hamdan (*1985) interpretiert und darstellt – in einem eindringlichen und eleganten Zusammenhang mit der Frage, wie man Sprache „moderiert“. In einer Reihe von „live Audioessays“, die mit „Contra Diction: Speech Against Itself“ (2014) betitelt sind, analysiert der Künstler den Begriff der Taqiyya, der aus der Rechtsprechung des schiitischen Islam stammt und für Verheimlichung steht. Er „erlaubt den Mitgliedern einer Gemeinschaft, ihren Glauben zu leugnen oder gar Straftaten zu begehen, während sie sich in einem besonderen Zustand der Verfolgung oder Staatenlosigkeit befinden.“ Verwurzelt ist die Taqiyya vor allem in der Kultur und Sprache der Drusen, eine von der Schia abgespaltenen islamischen Glaubensgemeinschaft, die als Minderheit in Syrien, im Libanon, in Israel und Jordanien lebt.

Der aus der Taqiyya abgeleitete Ansatz, „dass man auf einem Level miteinander spricht, das auf der Bereitschaft des Zuhörens basiert“, erlaubt es Hamdan, auf die westliche Gleichsetzung von Wahrheit und Transparenz hinzuweisen und darauf, wie, wo und zu wessen Vorteil sie angewandt wird. „Taqiyya ist für mich das Eingeständnis, dass es bei der Freiheit der Rede nicht darum geht, seine Meinung frei zu äußern, sondern darum, die Kontrolle über die Bedingungen, unter denen man gehört wird, zurückzugewinnen … Taqiyya ist Schweigen, das phonetisch artikuliert wird“, sagt der Künstler.

Die Kontrolle über unsere individuelle Sichtbarkeit in einem zunehmend überwachten öffentlichen Raum wiederzugewinnen, indem wir begreifen, dass uns „eine ganze Bandbreite an Schweigen“ (Hamdan) zur Verfügung steht, könnte entscheidend sein. Genauso wie Authentizität in Frage zu stellen und wenig von sich preiszugeben. In Zeiten, in denen sich die Realitäten so schnell vervielfachen wie die unsichtbaren „Moderatoren“ dahinter, können uns Künstler nicht nur das erfolgreiche Verschwinden lehren – wie es Seth Price schon 2008 in seinem Buch „How to Disappear in America“ tat –, sondern auch einen genaueren Blick auf das zu bekommen, was wir übersehen sollen. Wie wir darüber schweigen können, worüber wir rückhaltlos reden sollten (über uns selbst nämlich, in einer profitablen Orgie der Selbstentblößung), und darüber sprechen, wovon wir schweigen sollen: Politik, Machtstrukturen oder Glück.

 

Barbara Casavecchia ist Autorin und lebt in Mailand. Aus dem Englischen von Michael Ebmeyer

DIESER TEXT IST DER PRINTAUSGABE SPIKE ART QUARTERLY N° 48 ERSCHIENEN UND KANN IM ONLINE-SHOP BESTELLT WERDEN.