Four-Twenty: Chris Martins »Cool Drink on a Hot Day«

Review
 What Sort of Man Reads Playboy?, 2010-12 Glitter, Öl, Collage auf Leinwand 137,2 x 124,5 cm Foto: Moritz Frei © Chris Martin Courtesy Chris Martin und KOW, Berlin
 Pond, 2009 Öl, Collage auf Leinwand 137,2 x 114,3 cm Foto: Alexander Koch © Chris Martin Courtesy Chris Martin und KOW, Berlin
 Ausstellungsansicht "Cool Drink on a Hot Day", KOW Berlin Foto: Alexander Koch © Chris Martin Courtesy Chris Martin und KOW, Berlin

Die Malereien von Chris Martin erinnern zweifellos an »Outsider Art«. Jedoch nicht, weil sie intuitiv oder spirituell oder frei von allen Konventionen sind – all das sind sie ohne Frage –, sondern weil sie voller Zuneigung sind. Zuneigung für die kulturellen Abfälle, die viele womöglich als Kitsch abtun. Bob-Marley-T-Shirt-Rastafarianismus, Glitter, psychedelische Subkultur, Abstrakter Expressionismus und Bob Dylan. In seiner langen Auseinandersetzung mit Mythos, Sterblichkeit und Erinnerung gelingt es Martin, Menschen oder Bewegungen, die zu kulturellen Einweg-Signifikanten geworden sind, wiederzubeleben. Davon sollte man sich jedoch nicht in die Irre führen lassen: Eine fast zärtliche Zuneigung ist nicht dasselbe wie Dilettantismus (und Martin ist ein Profi), sondern sie beruht auf einer nicht-zynischen Suche nach einer gemeinsamen kulturellen Basis.

Das herausragende Bild in Martins Ausstellung »Cool Drink on a Hot Day« ist wohl eine Hommage an Amy Winehouse: Es handelt sich um ein Porträt in breiten Pinselstrichen, das den Kopf der Sängerin zeigt – nur dass anstelle ihres Gesichtes ein auf dem Kopf stehendes Foto eines Waldes in Schwarzweiß zu sehen ist. (»Portrait of Amy Winehouse«, 2011–12). Die Figur befindet sich vor den typischen Marley’schen rot-gelbgrünen Streifen im Hintergrund und ist eher eine pointierte Paarung vom Image öffentlicher Personen als von Musikgenres. 2005, also fünf Jahre bevor Winehouse an einer Alkoholvergiftung starb, malte Martin »A Painting For the Protection of Amy Winehouse« als Reaktion auf ihre beginnende Sucht – ein Bild, das im Rückblick geradezu gespenstisch anmutet. Nach Winehouses Tod schuf er ihr zu Ehren eine ganze Serie an Bildern. »Portrait of Amy Winehouse« ist kein moralistischer Kommentar zum Teufelskreis von Ruhm und Selbstzerstörung, sondern ein Klagelied auf eine Verstorbene.

Die meisten der 23 Arbeiten der Ausstellung sind mit Objekten oder Fotos beklebt, bei anderen hat die Leinwand Löcher. Sie wirken nicht wie der kühl berechnete Versuch, die Zweidimensionalität des Bildes (oder seine archivtauglichen Eigenschaften) zu unterlaufen, sondern vielmehr wie blitzschnelle Entscheidungen, die aus Spaß getroffen wurden – an manchen Stellen sind sie derart hingehudelt, dass ihre Schludrigkeit geradezu gezwungen wirkt. Auch wenn die am deutlichsten erkennbare Figuration meistens Menschen sind, gibt es auch Hühner, Papageien, Pilze und Frösche. Der Katalog bezeichnet dieses Konglomerat aus Natur und Kultur als »Neue Romantik«; mir jedoch kommt es wie gute alte psychedelischen Subkultur vor – die Art von surrealem und feierndem Ausdruck der Natur, der trotz (oder wegen) seines erkennbaren Anteils an Hippie-Kitsch manchmal wirklich merkwürdige Formen hervorbringt.

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Auf dem bizarren »Pond« (2009) spiegelt sich der Himmel in einem von Gras umgebenen Teich. Auf der Oberfläche kleben ausgestopfte Stoffklumpen, die als Frösche bemalt sind – sowie Bilderbuch-Illustrationen von Singvögeln und einem abstürzenden Helikopter, künstliches Moos, Schmutzspuren und kleine Plastikfrösche mit roten Fliegen. Trotz aller Neuerungssucht, der man in Galerien begegnet, trifft man heutzutage nur selten auch ein so absurd-merkwürdiges Werk.

Martins Arbeiten erreichen diese Seltsamkeit möglicherweise deshalb, weil sie unerschrocken wörtlich sind. Für »Jam Session« (2013) klatschte der Künstler Fotos berühmter Musiker auf einen funkelnden Leinwand-Himmel, buchstäbliche Shooting-Stars [Sternschnuppen]; »Four Twenty« (2012–13) besteht einzig aus den Zahlen »420«, die (in Glitter) geschrieben sind – der wohl unverhohlenste Verweis auf die Kifferkultur nach Bob Marley, wo der Begriff ein Synonym für Cannabiskonsum darstellt. Eine weitere wörtliche – oder wenn man so will »transparente« – Geste sind die Datierungen in den Ecken vieler Arbeiten, die das Entstehungsjahr bezeichnen. Dieses WYSIWYG-Katalogisieren deutet jedoch auch darauf hin, wie schwer es ansonsten wäre, die Arbeiten zeitlich einzuordnen; sie sind so genre-unspezifisch und ihr Inhalt so universell, dass die meisten von ihnen irgendwann in den letzten vierzig Jahren hätten entstehen können. Indem Martin Figuren heranzieht, die für so etwas wie »Generationen« stehen, gelingt es ihm, seinen Malereien gleichzeitig eine historische Signatur und Transzendenz zu verleihen, die besondere Umstände und historische Grenzen der Form hinter sich lässt.

Der inzwischen 60-jährige Martin behauptet von sich, er lese nie Bücher über Kunst; er sehe sich nur Malerei und Bilder von Malerei an. Entweder ist dies nicht ganz wahr oder er hat einen kunstgeschichtlichen Zugang durch Bilder so sehr verinnerlicht, dass er ihn geradezu meisterhaft ad absurdum führt. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Satz einmal sagen würde, aber wenn er in Kitsch und Klischee macht, kann ich es auch: Die Malerei von Chris Martin ist zeitlos.

Aus dem Amerikanischen von Claudia Kotte

Chris Martin »Cool Drink on a Hot Day« KOW, Berlin
3.5.–27.7.2014

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