Gunter Damisch (1958 – 2016)

Leibmaler der unendlichen Welten
 Blaufeldweltenflimmerflämmler, 2006 Öl auf Leinwand 200 x 250 cm Courtesy Galerie Ernst Hilger, Wien
 Ohne Titel (Serie "Art&Ort Übermalgeschichten"), 1994 Ölfarbe, Tusche, Stifte auf Tiefdruck auf Bütten 98 x 98 cm Courtesy Galerie Ernst Hilger, Wien
 Silberschnüffel Innenortkonstrukt, 2012 Aluminium (Unikatguss) vernickelt und Autolack 274 x 100 x 60 cm Courtesy Galerie Ernst Hilger, Wien
 Ohne Titel (Serie "Strichorte"), 1989 Tusche, Graphit, Feder, Kohle auf Papier 24 x 32 cm Courtesy Galerie Ernst Hilger, Wien

Er hat selbst immer wieder betont, dass er Glück gehabt habe. Gunter Damisch war früh erfolgreich, kaum der Maximilian Melcher-Klasse entwachsen lebte er schon von der Kunst, von einer Kunst, die farbenfroh daherkam, barst vor Poesie und über eine Welt berichtete, in der sich der Künstler selbstbewusst auszukennen schien. „Eine Welt“ ist zu wenig gesagt, es waren viele Welten, in denen Gunter Damisch sich wie ein Fisch im Wasser bewegte. Wesen, Welten und Sterne waren das Inventar, mehr Unendlichkeit geht nicht.

Damisch baute seinen Wesen Löcher, Felder und Wege, gemalte und skulpierte, wie Zähne saßen sie auf den Wegen, die auch in den Malereien dreidimensional, pastos hingesetzt waren. Seine Handschrift ist unverkennbar, und sie zog sich durch die unterschiedlichen Medien konsistent weiter. Damisch hatte also eine ganz eigene Welt und er zeigte sie uns, während seine Großzügigkeit und Menschenfreundlichkeit auf königliche Weise anwuchs. Wirklich hatte er etwas von einem jungen Sonnenkönig, es gelang ihm alles, er war warmherzig und höchst ansehnlich, und er war sehr beliebt. Ich würde sagen, er war der Maler der Infra- und Exowelten, ein akribischer Chronist und Phantast jener Ebenen, die noch nicht hinreichend Subjektivität zugeschaufelt bekommen hatten, da sie etwa unter dem Mikroskop wie aus unwillkürlich bewegten Zellen bestehend aussahen.

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Sein Werk bewegt sich auf der Schwelle zum Pannaturalismus, aber ohne Large Hadron Collider, mit den Mitteln der Malerei und der Grafik. Die Lösungen, die er fand, um das Ineinander, Aufeinander und Durcheinander der Wesen und Welten zu ordnen und zum Bild zu machen, wirken, als verdankten sie sich einer Logik, einer Syntax des Mikro/Makro. Diese unterscheidet sich von einem abstrakten Projekt. Seine Ateliers hatten die Luftigkeit einer Manufaktur, und er trug seine dicken Farbschichten immer auf mehreren Bildern zugleich auf, die er nebeneinander platzierte. Es gab eine unbezweifelbare Gabe, sich plastisch auszudrücken, früh hatte er auf Brettern geschnitzt, die er dann bunt bemalte. Eigentlich war auch die Grafik eine plastische Disziplin, wie sich an seinen tief gekerbten Druckplatten sehen lässt.

Die intensive Hinwendung zur Gussplastik in den letzten Jahren liegt ganz in dieser Konsequenz. Seine großen Plastiken sind dreidimensionale Modellwelten, die die Wurmlochräume, die Bagel-Welten und die vieldimensionalen Räume der zeitgenössischen Physik wie in einem Kopf-an-Kopf-Rennen flankieren. Die kleineren Türme unter den neueren Plastiken sind mit Naturabgüssen besetzt, mit abgegossenen Mohnkapseln, Zapfen und anderen zierlichen Samenhülsen, die wiederum dem Gewirr der Wege Halt geben, auf welchem sich die gewissen mumienartigen Wesen tummeln, die niemals fehlen durften, und denen der Künstler notfalls mit einem großen Hammer so auf den Kopf schlug, so dass jeder am Ende ein individuelles Aussehen bekam. Man hat den Eindruck, dass diese unzähligen Varianten der Steher und Flämmler auf ihren Topoi deshalb so ausufern mussten, weil irgendwie alle Bewohner der unendlichen Welten bei Damisch einen Porträtauftrag deponiert hatten.

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Damisch interessierte sich für die Kunstgeschichte und die Kunst der Gegenwart, die Kunst der KollegInnen. Er war außerordentlich kundig, ein unbestechlicher Kenner der Zeichnung, er interessierte sich für Musik, Theater, Literatur. Er machte selbst Musik, bei Molto Brutto zum Beispiel hatte er in den wilden 1980ern gespielt, und er konnte übrigens wunderbar mit Fliegen fischen. Seine Studierenden liebten ihn, den etwas älteren Freund, und schätzten sein Urteil. Wo immer es ging, griff er ihnen unter die Arme, organisierte Ausstellungen, verwendete sich für ihre Talente. Er war ein Professor, wie ihn sich die Studierenden wünschten, und seine Klasse war voll, sehr bunt und hochidentifiziert mit ihrem Leiter. Als Kollege war er solidarisch, vorsichtig, empathisch, immer an einem gründlichen Durchdenken des gesamten, zur Diskussion stehenden Sachverhaltes interessiert, immer enorm respektvoll und harmonisierend. Er war mit der Akademie sehr verbunden. Wir verlieren mit ihm einen bedeutenden und besonderen Künstler, einen wunderbaren Menschen, einen warmherzigen Kollegen und Freund. Wir werden ihn sehr vermissen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau Marie und Lucas, seinem Sohn.
 

Das Begräbnis findet am Mittwoch, den 18. Mai 2016, um 11.00 am Wiener Zentralfriedhof statt.

Elisabeth von Samsonow ist Künstlerin und Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien.