Hans Schabus: Schießen oder Schauen – Das letzte Land

Porträt
 Das letzte Land, Österreichischer Pavillon, La Biennale di Venezia, 2005 Photo: Bruno Klomfar 
 Song of Most, Song of All, Kunsthaus Bregenz 2004-05
 Astronaut (komme gleich), Secession 2003

Hans Schabus leitet Expeditionen. Exemplarisch reist er mit seinen selbst gebauten Vehikeln für uns durch imaginäre Welten. Dabei sind seine Fahrten nicht rasant, eher das Gegenteil. 2003 grub er sich zur Wiener Secession durch; letztes Jahr verlängerte er den Arlbergtunnel bis zum Kunsthaus Bregenz. Heuer vertritt Hans Schabus Österreich auf der Biennale di Venezia und verwandelt den Pavillon in eine Art Trojanisches Pferd.

Manche Erfahrungen macht man selbst, bei anderen ist man froh, sie delegieren zu können. Zum Beispiel von der Erde zum Mond zu fliegen, 20.000 Meilen unter den Meeren zu verweilen, eine Reise zum Mittelpunkt der Erde zu unternehmen oder möglichst schnell einmal um die Welt zu kommen. Im 19. Jahrhundert las man über derlei Dinge in den Romanen von Jules Verne und überließ ihre Ausführung Gestalten wie Kapitän Nemo, Robur dem Sieger, Phileas Fogg oder dem Präsidenten des Gun Club, Impey Barbicane. Jules Verne, dessen 100. Todestag gerade zu feiern war, kartografierte in seiner Schreiblust die gesamten Höhen und Tiefen der damals bekannten Welt. Eine Reise um die Erde in 65 Romanen gleichsam.

Dass es neben dem von ihm durchmessenen physischen Raum auch noch einen psychischen gibt, war für Jules Verne noch kein Thema. Dafür umso mehr für Hans Schabus. Er ist eine Art Nach-Freud’scher Expeditionsleiter, ähnlich kurios fabulierend, ähnlich atmosphärisch dicht wie Jules Verne, doch Schabus’ Raumfahrten gelten nicht exotischen Außen-, sondern den nächstliegenden Innenwelten. Statt eines linearen Romans gibt es geloopte Filme, es werden aufwändigst verschiedene Vehikel – Boote, Autos, Eisenbahnen - dafür gebaut, Objektgefährten für ein Leben unterwegs. Schabus offeriert keine Reise in die Ferne, sondern in äußerlich stillstehende Räume, in sedimentgesättigte Erinnerungskomplexe, aber um voyages extraordinaires geht es auch ihm.

Start- und Endpunkt seiner außerordentlichen Reisen war bislang vor allem sein Wiener Atelier. Das Künstleratelier gilt gerne als Ort der lichten Inspiration, des beschwingten Genies, des Gedankenflugs. Bei Hans Schabus wendet es sich in einen Gärkeller der Fluchtfantasien, zermürbend rotierender Gedanken, unheimlicher Selbstbeobachtungen zweiter und dritter Ordnung. Für sein Video „Passagier“ (2000) installierte er knapp unter der Decke seines Ateliers eine Modellbahntrasse, die sämtliche Raumzonen seiner Werkstatt - vom Maschinenraum über die Küche bis zur Toilette - durchläuft. Für das Video wurde eine Kamera auf die Eisenbahn montiert. Der Kamerablick folgt, nach hinten auf die Gleise gerichtet, ihren Runden durch Wände und Stauraum hindurch und an Fenstern und Regalen vorbei, während die parallel im Atelier stattfindenden Handlungen des Künstlers nur am Rand aus der Vogelperspektive und über den Ton nachzuvollziehen sind.

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Ähnlich kreisend um das Thema des hermetischen Selbst ist die Arbeit „Schacht von Babel“ von 2003. In seinem Erdgeschoß-Atelier griff Schabus täglich drei bis vier Stunden zum Spaten und grub sich durch den Boden immer tiefer. Das dauerte, filmisch begleitet, zwei, drei Monate lang. Der Aushub füllte bald den Arbeitsraum. Bei fünf Meter Tiefe musste er aufhören. Vor lauter Feuchtigkeit schwitzte und blutete das Loch wie ein Kamin. Sich unterirdisch durchzuwühlen bis zum Ausstellungsraum der Wiener Secession, sich und sein Ateliervolumen gleichsam unterirdisch zu verschieben, blieb schließlich der Filmmontage vorbehalten. Die Ausstellung in der Secession hieß dann „Astronaut (komme gleich)“: Der Eingang war vermauert, man konnte sich dem prominenten Hauptraum nur vom Keller her, über provisorisch gezimmerte Treppen und Wanddurchbrüche, nähern. Dort fand sich ein kulissenartiger White Cube, dessen blendend weiße Leere sowohl das heute klassische Präsentationsformat von Kunst thematisierte wie auch den White-out-Effekt, den Verlust an körperlicher und psychischer Orientierung, den Polarforscher oder Atlantiküberquerer in Extremsituationen erleben. Gleichzeitig wurden die Besucher durch ihr plötzliches Auftauchen in diesem Setting an den letzten Raum in Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ erinnert. Auch das ein legendärer Albtraum des stummen Sich-selbst-begegnen- und -beobachten-Müssens.

Der Kosmos Kino ist im Werk von Hans Schabus allgegenwärtig: Ähnlich langwierig sind seine Recherchen und Vorbereitungen, ähnlich akribisch die Projektskizzen und Modelle. Bis ein Projekt fertig ist, vergeht schnell ein Jahr. Für sein Video „Western“, mit dem Schabus auf der Manifesta 4 in Frankfurt 2002 durch seine erzählerische Direktheit und soghaft-melancholische Wirkung für Furore sorgte, baute er z. B. zuerst einmal ein Segelboot der Optimist-Klasse und gab ihm den Namen „Forlorn“ (englisch und kärntnerisch für „aussichtslos, verloren“). Das entsprechende Video beginnt mit der Großaufnahme der Nadel eines Schallplattenspielers, die auf eine Platte aufgesetzt wird; dieses Bild blendet über zum Schallloch einer Zither. Mit der einsetzenden Zithermelodie aus Carol Reeds Film „Der dritte Mann“ zoomt sich der Blick durch verschiedene Abflüsse und endet im Kanalsystem. Der Künstler taucht rudernd aus dem Dunkel auf; die Kamera begleitet ihn bei seiner Reise durch den Kanal. Nach der Überquerung einer Brücke baut der Künstler das klappbar gemachte Boot wieder zusammen und segelt mit ihm durch den unterirdischen Wienfluss. Das sich entfernende Boot verliert sich wieder im Schallloch der Zither und der Überblendung zur Schallplatte. Der Filmloop beginnt von vorn. Gezeigt wurde der Film in einer Black Box, die man durch ein rundes Loch betreten musste. Offen blieb, ob dieser Raum nun gleichsam das Innere der Zither ist, ein Teil des gezeigten Kanalsystems oder überhaupt der After eines Körpers, in den die Besucher wie untersuchende Endoskope kurzfristig eingelassen werden. Indiskret fühlte man sich so oder so. Und natürlich ist es einerseits ein Spiel mit dem Paradox, seinen Optimisten verzweifelt und seine Referenz an den berühmtesten Ost-Verbrecherfilm „Western“ zu nennen. Andererseits steht gerade das Genre des Western wie kein anderes für die Vergeblichkeit des Aufbruchs respektive für das Nichtankommen, und das ist auch das Gefühl, das die scheinbar unendliche Reise von Hans Schabus durch die Kanäle, das Dunkel und den Abfall evoziert.

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Nun also der österreichische Pavillon. Seinem Arbeitsansatz getreu hat sich Hans Schabus zunächst tief in die Recherche gestürzt. Was ist das für ein Ort, wie komme ich hin? Welche Koinzidenzien, Assoziationszüge, psychisch-physische Erfahrungen sind damit verbunden? Und der Ort fängt nicht erst bei der Tür des Pavillons an. Für Schabus gehört der Weg von Wien dazu, durch halb Österreich, über die Alpen, durch das einst habsburgische Kanaltal, vorbei an der kristallinen Festungsstadt Palma Nova, hinein in die Tourismusstadt Venedig, dort in die ummauerten Giardini und dann speziell auf diese merkwürdige Insel Sant’Elena. Sie wurde erst im ausgehenden 19. Jahrhundert aufgeschüttet. Das neue Land war Exerzierplatz der italienischen Armee. In den 1920er Jahren wurde unter Benito Mussolini darauf eine Arbeitersiedlung errichtet und ein kleiner Teil an die 1895 gegründete Biennale di Venezia abgetreten. 1935 wurde auf dem hintersten Teil dieses Grundstückes (Schabus: „am Arsch der Giardini“) der österreichische Pavillon errichtet.

Im Übrigen ist die Kunstbiennale ein Zombie der Universalausstellungen des 19. Jahrhunderts, ein überkommener Kampfplatz der Nationen. Bereits die Platzierung der Pavillons im Garten war ein Stellungskrieg. Dabei war die Pavillonisierung eigentlich sogar eine Wiener Erfindung. Als Novum der Wiener Weltausstellung von 1873 ermöglichte sie imaginäre Reisen auf kleinstem Raum; ihre Wirkungsgeschichte reicht bis zu den heutigen Vergnügungsparks und Shopping Malls. Eine andere Koinzidenz im Schaustellergewerbe: 1895, im selben Jahr wie die Biennale di Venezia, wurde im Prater die Schaustadt „Venedig in Wien“ eröffnet - echte Gondeln in künstlichen Kanälen. Venedig und Wien waren also einst illusionistisch intensiv verbunden und eng verzahnt. In der italienisch-österreichischen Geschichte finden sich daher auch blutige Lagen, z. B. der Alpenkrieg von 1915-18: der überraschende Bündniswechsel der italienischen Armee, die blutigen Schlachten am Isonzo und in den Dolomiten. Bis heute spricht man in Kärnten, wo Hans Schabus herstammt, abschätzig von „welscher Treue“ und stolpert am Karnischen Höhenweg unentwegt über Bunkeranlagen.

An all diesen historischen Wegmarken versuchte Hans Schabus sein Venedig-Projekt auszurichten. Verglichen mit der aufgegriffenen Themenvielfalt und Assoziationsflut, ist sein zusammenfassendes Transformationsobjekt sehr kompakt geworden: Statt auf den alten Pavillon treffen die Besucher nun auf einen hohen Berg. „Das letzte Land“, so der Titel seiner Arbeit, ist ein Mentalitätsbergwerk, eine Art Trojanisches Pferd im Kalten Krieg des Amüsierbetriebs, eine temporäre Bergfestung aus Holz und Teerpappe. Es soll kein naturalistischer Berg sein, eher soll er kristallin und räudig zugleich wirken. Von außen besehen drängen sich Erinnerungen an expressionistische Filmarchitekturen auf, an das Kölner Glashaus von Bruno Taut (1914!), aber auch an Robert Smithsons Überschüttungsaktion „Partially Buried Woodshed“ von 1970. Zwölf Ebenen und viele Wege durchziehen das begehbare Innere des Berges. 

Anklänge an die „Carceri“, die imaginären Gefängnisse von Giovanni Battista Piranesi (1743/61), sind durchaus gewollt. Welcher Sound im Berg die Atmosphäre bestimmen soll, ob tatsächlich von Hubschraubern wie in F. F. Coppolas Film „Apocalypse Now“, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Sicher jedoch ist, dass sich überall im Berg Luken öffnen lassen werden. Ob da hinausgeschossen oder -geschaut werden soll/kann/muss, verbleibt in der Ambivalenz des Kontextes - zwischen ehemaligem Exerzierplatz und sublimiertem Wettstreit der Nationen, zwischen Tarnung und touristischem Schaustellergewerbe.

 

Hans Schabus, 1970 in Watschig, Kärnten, geboren. Studium der Bildhauerei bei Bruno Gironcoli an der Akademie der bildenden Künste Wien. Lebt in Wien.

Vitus H. Weh ist Kulturwissenschafter, künstlerischer Leiter im quartier21/Museumsquartier und lebt in Wien.