„Ich kann beim Masturbieren durchaus lachen"

Interview
 Myles Pettengill  
 Brian Forrest 
 Brian Forrest   
 Josh Paul Thomas     
 Bernhard Willhelm Fall 2015 Ready-to-Wear  
 Bernhard Willhelm Fall 2015 Ready-to-Wear  
 Bernhard Willhelm Fall 2015 Ready-to-Wear  
 Bernhard Willhelm Fall 2015 Ready-to-Wear  
 Myles Pettengill

Bernhard Willhelm, gebürtiger Ulmer, hat zehn Jahre in Antwerpen gearbeitet, dann zehn Jahre in Paris und vor anderthalb Jahren ist er mit seinem Design-Team nach LA gezogen. Ins Nichts. So könnte es zumindest von den Modezentren der Welt aus scheinen. Hat man da nicht auch Angst? Angst vor der Bedeutungslosigkeit, vor Niedergang? „Nö“, hat der Bernhard nicht, vertrauenswürdiges Kopfschütteln hoch über den Hollywood Hills. Vor kurzem zeigte der vielleicht einflussreichste deutsche Modedesigner seiner Generation eine große Ausstellung im MOCA Pacific Design Center. Ein Gespräch über den Zusammenhang von Sex und Design, Bruce Jenner und wie man am besten Äffchen macht.

Lieber Bernhard, in der Mode spricht man gerade wieder verstärkt vom Globalen. Die Ästhetik von DIS Magazine oder das Label Opening Ceremony suchen die Achsen zwischen Amerika und Asien zu verbinden. Du selbst arbeitest schon recht lange an dieser Schnittstelle und jetzt lächelst du bereits so schelmisch, als hättest du dazu etwas zu sagen.   

Mode war doch schon immer ein globales Business. Im 17. Jahrhundert kamen die Stoffe der reichsten Leute aus Indien und China, das war die erste Form der Globalisierung. Mich haben Völker, die ich nicht kenne von jeher interessiert. In Deutschland gibt es sehr wenige, denn dort sind Ausländer recht unbeliebt. Ich habe mich immer gefreut, wenn einer zu Besuch kam und Hallo gesagt hat. Und in meinem Leben habe ich schnell gemerkt, dass ich eigentlich recht gerne selbst Ausländer bin. Global bin ich sowieso. Ich bin ein deutscher Designer, der in Antwerpen und in Paris gearbeitet hat, die Kleider werden in Japan hergestellt, die Sonnenbrillen in Berlin und die Schuhe in Spanien. Verkauft wird in Tokio und Paris. Ich sitze hier in LA, Guten Morgen! 

Du hast sicher schon von dem Top-Trend Normcore gehört. Ist dieser Langeweile-Look nicht das Gegenbild zu deinen Kleidern? 

Die Leute, die im Internet ihre Tage verbringen, brauchen ja nur eine Jogginghose, die müssen auch nur normal aussehen und die finden das dann auch total normal, dass sie so normal aussehen. Warum mich das nun anturnen soll, ist die andere Frage. In den 90er Jahren und in den 2000er Jahren waren die Modenschauen extrem extravagant, die Behauptung, dass das Stinknormale jetzt das Exotische sein soll, muss man als eine Gegenbewegung erkennen. Einmal minimal und dann maximal, einmal Versace und dann Helmut Lang, zwischen diesen Polen bewegt sich die Mode und auch die Kunst. Es gibt keine Regeln, man darf ja alles schön finden. Und die Mode verleibt sich alles ein. Das einzig Anarchische ist eigentlich das Internet. Dass genau dort dann etwas wie Normcore entsteht, ist natürlich interessant.  

Auf Facebook bist du nicht, oder? 

Ich kann nicht meine Thumbs up and down geben, weil meine Daumen immer woanders sind. Ich muss mit meinen Händen arbeiten.  

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In deiner Ausstellung im Pacific Design Museum in LA hattest du dir das Motto von Rainald Goetz geliehen: „Dont cry, work“. 
 
Ich stehe einfach auf den Rainald Goetz. Und ich wusste nie, ob er ein heterosexueller oder homosexueller Kokser ist. Das neue Buch von ihm ist natürlich unerträglich. Die Aufstieg und Fall des Johan Holtrop, der eine Corporate Company leitet.

Du liest ja ganz viel Deutschland unter der kalifornischen Sonne.  

Ich mag einfach den Style vom Buch. Es ist ganz blau mit weißer Schrift. Goetz trägt ja diesen schwulen Bomberjacken-Look, den Claude Montana früher hatte, das macht der total gut. Ich weiß im Grunde nichts über ihn, aber er ist ganz sicher einer der wichtigen deutschen Autoren, den der Bernhard sehr mag. Und ich würde ihn gerne einmal kennen lernen. 

Ihr seht euch auch ganz ähnlich gerade. Du trägst mit den blonden hochgestellten Haaren jetzt eigentlich den Goetz-Kamm. Aber vor einiger Zeit hattest du noch mehr Muskeln.  

Der Körper ändert sich, aber das ist ja auch das Tolle. Ich glaube, dass ich inzwischen einen besseren Körper habe, weil ich weniger Body Building und dafür Yoga, Laufen und Hiking mache. Ernährung ist beim Muskelaufbau sehr wichtig, du musst viele Kalorien am Tag zu dir nehmen, damit die ganze Maschine gefüttert wird. Als Designer habe ich erst mal recht wenig Zeit zu essen und zweitens ist das ganze Essen, das durch den Magen muss, für den Körper eine Belastung. Es ist ja nicht die interessanteste Betätigung mit den Jungs im Studio, die dann im Endeffekt alle gleich aussehen - es bedient eine gewisse Art von Sucht, wie Anorexie: mehr mehr mehr und weniger weniger weniger werden.

Aber ich pose weiterhin sehr gerne. Das können mittlerweile aufgrund der Selfie-Entwicklung viele ganz gut. Aber ich bin durch jahrelange Übung noch meilenweit voraus.

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Bruce Jenner findest du auch gut, in der Ausstellung fällt ständig sein Name. Seit ich in LA in den Stau geraten bin, der bei dem fatalen Unfall entstanden ist, den er verursacht hat, fühle auch ich eine Verbindung. Was interessiert dich an dem Vater von Kim Kardashian?  

In der Familie Kardashian werden bestimmte Träume von Glamour befriedigt, die viele Menschen gar nicht mehr nachvollziehen können. Komplett auch dem Nichts aufgebaute Celebritys in der Nachfolge von Paris Hilton. Und Bruce Jenner ist der anarchistische Kern dieses Komplexes. Er hatte seine Berühmtheit ja bereits durch den Medaillen-Gewinn bei Olympia. Nun nimmt man an, dass er eine Frau werden will. Jenner unterzieht sich dabei den üblichen Prozeduren: Enthaarung, Plastic Surgery, Make Up. Und das wird von der Gesellschaft nur akzeptiert, wenn die Normen der Umwandlung an die herrschenden Normen angepasst sind. Er könnte ja auch wie Conchita Wurst aussehen: Bart bleibt dran und Frauenkleider. Bei Jenner ist nach wie vor nicht klar, was stattfindet, und man hat das gute Gefühl, es ist ihm egal.

Während in puncto Rassismus die Gesellschaft einfach keine Fortschritte macht, scheint es, dass die heranwachsende Generation beim Thema Queer und Gender sehr wohl ein neues, offenes, besseres Denken durchsetzt.

Es wird immer Vorurteile geben. Was ich problematisch finde, ist diese europäische Form politischer Korrektheit, dass man zB als Weißer keinen schwarzen Schwanz mehr gut finden darf, weil das offenbar irgendwie nicht richtig ist, oder dass in Modemagazine keine Pimmel mehr auftauchen, obwohl das etwa in den 70er und 80er Jahren vor und nach Helmut Newton und Robert Mapplethorpe längst etabliert war. Die umfassende puritanische Moral, die finde ich wirklich besorgniserregend.

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Gibt es eigentlich einen Zusammenhang von Design und Sex?

Wenn der Schwanz steht, ist das reine Energie. Und wenn man sich bewusst darüber ist, wie diese Energie entsteht, wenn man versteht, was zu einer Erektion führt, lässt sich dieses Wissen auf Mode übertragen. Es geht darum, Begierde entstehen zu lassen. Isabella Blow und auch Peter Berlin, natürlich der beste deutsche Fotograf und im Grunde erste Sexy-Selfie-Selbstdarsteller, hat einmal gesagt: ‚I get up in the morning in order to get laid.‘ Und dazu gehört natürlich auch: Was ziehe ich an, damit ich am Ende des Tages mit jemanden im Bett lande, und diese Kleidung wieder ausziehen lasse.   

Also geile fashion, um geil auszusehen?  

Das ist ja eine eigene Entscheidung, was ich geil finde. Es kann aber durchaus passieren, das andere das ebenso geil finden, und das ist doch super. Mode ist da eine helping hand. Sexy fashion ist allerdings nur erträglich, wenn Humor dazu kommt.

Aber Sex ist doch eine witzlose Steinzeitangelegenheit, während Humor Kultur bedeutet, Distinguiertheit, Elaboration.  

Das finde ich jetzt überhaupt nicht. Sex bedeutet ein Austausch zwischen zwei oder mehreren Menschen, oder nur du mit dir. Ich kann beim Masturbieren durchaus lachen. Gruppensex kann ja auch sehr lustig sein.

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Wenn Menschen Sex haben, schaut das extrem lächerlich aus - wie die Affen. Wenn man auch noch eine todernste Miene dazu macht, finde ich das ein bisschen prätentiös. Lustige Äffchen beim Sex gefallen mit besser, als solche, die immer nur heulen.

Also ich zum Beispiel mache beim Sex gerne die Gorilla-Pose. Hier am Beach Wood auf dem Canyon sieht man mich sehr häufig so. Das ist vielleicht die letzte Pose des einzigen Deutschen, der noch Mode macht. Und ich als Äffchen mache gerne Analsex und sitze ganz gern oben. 

Wollen nicht alle immer lieber oben sein? 

Son Quatsch! Nein, im Doppeldeckerbus sitze ich auch gerne mal unten, weil ich dann schneller draußen bin. 

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