Im Getümmel des Gallery Weekend

 Zusammengezimmerten „Viewing Stations“ von Jon Rafman  
 Diane Simpson präsentiert Schaukel bei Silberkuppe
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 Christian Jankowski
 König, Kirche
 Katharina Grosse bei Johann König, St. Agnes 
 Cyprien Gaillard
 Timur Si-Qin bei Société
 Daniel Steegmann Mangrané, „Spiral Forest (kingdom of all the animals and all the beasts is my name)“

Cyprien Gaillard und Effi Briest schaukeln sich in Berlin in Trance

Im hinteren Raum von Silberkuppe hängt eine schneeweiße Schaukel mit Kunst drauf. Wie schön ist das denn? War doch in dieser Keithstraße in Schöneberg bekanntlich das größte Schaukelkind der deutschen Literaturgeschichte, Effi Briest, eine Zeit lang heimisch. Die Pressekonferenz fand auch schon in der Joseph-Roth-Diele statt - sind das wohl die Vorzeichen einer Literarisierung der Kunst? Obacht! Ein Wochenende wie dieses birgt großes Potential, Zusammenhänge zu sehen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Diskussion mit dem jungen Schriftsteller und Kunstjournalisten Boris Pofalla: Wie viel von dem Geschriebenen existiert denn einfach, weil die Zeitungsseiten eben voll sein müssen am nächsten morgen? Ist die Welt immer so groß, dass sie genau in eine Zeitung passt? Oder vielleicht viel kleiner? Sind die Verbindungen wirklich da oder werden sie erst zu Wahrheit, weil der Schreibende sie schreibend erschafft? Man darf sich nicht zu viel vornehmen an einem Gallery Weekend. Noch immer in der Silberkuppe stehend. Udo Kittelmann kommt rein mit einem Sammler-Freund. Wir schauen uns die abstrakten Malereien von Lui Shtini an, die hier neben den Architekturpoesiearbeiten der 80-jährigen Entdeckung aus Chicago, Diane Simpson, präsentiert sind (Schaukel!). 

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„Herr Kittelmann, haben sie schon etwas anderes Gutes gesehen während des Wochenendes?“ „Ja, Martin Eder, wunderbar.“ Man selbst schaut schmerzverzerrt, Herr Kittelmann lacht schelmisch. Er wisse doch noch immer, was er nicht sagen darf. Und sagt es dann eben doch. Weil es ja auch die Wahrheit wäre. Wir gehen zu dritt die kleine Treppe runter in den Geschäftsbereich, als wir wieder nach oben an die Luft kommen, hat einer von uns einen dieser wunderbaren Cognac-Fauteuils von Janette Laverrière gekauft, den letzten wohlgemerkt.  

Nur zwei Häuser weiter, bei Future Gallery, werden zwei Künstler zusammengebracht, die auf den ersten Blick wenig gemein haben. Neben zwei Wandarbeiten zeigt Jon Rafman erstmals den letzten Teil seiner Trilogie, in der er tief ins Deep Web steigt und uns Irrwitziges und Erschreckendes mitbringt. Seine Filme schaut man in eigens zusammengezimmerten „Viewing Stations“, die der DIY-Ästhetik der „Troll Caves“, den Kellerlöchern der Internetflaneure, nachempfunden sind. Im anderen Raum eine neue Videoarbeit von Christian Jankowski. Wir sehen ihn fünf Tage mit einer schwarzen Schlafbrille durch Dubai taumeln, Dubai erleben, ohne Dubai zu sehen. Alleine macht das nur halb Sinn, zusammen halten die Filme die eyes wide shut. 

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Dabei blättert man ein wenig durch das neue Springer-Magazin Blau. Chefstratege Cornelius Tittel schreibt dort Hans-Ulrich Obrist sei over, und: Alles muss man überhaupt gar nicht mitkriegen. Bitte mal Handy ausschalten, blaumachen. Dieser Anti-Akkzelerationist wünscht sich, dass der Obrist auch mal ausschläft. Richtig ist, auf den Wegen von Areal zu Areal darf man das Anhalten und Pausieren nicht vergessen, im dieser Tage fantastisch grünen Park am Gleisdreieck, im Tiergarten:

Mal hinsetzen, bitte mal die Augen schließen, gerne mal die Bilder davor tanzen lassen, und auch mal an nichts denken. 

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Essen bei St.Agnes, Reden mit der Künstlerin Britta Thie, die vom deutschen Feuilleton etwas übrschwänglich die zarte Trecartin genannt wird. In der ersten Episode der für die Schirn Kunsthalle produzierten Videoreihe bringt sie das schon fast vergessene Wort krass wieder in die Stilmittel-Umlaufbahn. Und hier, wo man zum Essen auf den ehemaligen Altar zugeht und also die Dinnerbesucher wie früher auf die Hostie, nun auf das Kalbsfilet anstehen, fühlt sie sich wie im Bauch der Titanic. An einigen Stellen leckt es noch leicht, am brutalistischen Boden bilden sich vereinzelt Pfützen, Handwerker handwerken in Seelenruhe und geräuschlos ein wenig an Rohren, als wäre das Kirchenschiff noch nicht ganz wasserdicht. Und oben: OMG. Wie gerne würde man mal in einer der Wohnungen einen Kaffee einnehmen, in denen diese riesigen Werke von Katharina Grosse am Ende hängen werden. Dieser erst 32 Jahre junge Mann hat ja damals praktisch blind (wurde er nach einem Unfall mit 11) eine Galerie gegründet, heute empfängt er die wichtigsten Persönlichkeiten der Berliner Kunstgesellschaft in der vom Architekten Brandlhuber sanft sanierten Düttmann-Kirche, einer der nun außergewöhnlichsten Orte der Stadt um Kunst zu kaufen und zu schauen. Ob er auch manchmal an Effi denkt? Ihr altes Spielgerät symbolisiert nicht nur die unbeschwerte Kindheit im elterlichen Herrenhaus zu Hohen-Cremmen, sondern auch den von ihr so gern ausgekosteten Reiz des Gefährlichen, das Gefühl abzustürzen und doch immer wieder aufgefangen zu werden.

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Im Zentrum von Cyprien Gaillards Ausstellung „Where Nature Runs Riot“ steht sein neuer Film „Nightlife“, der nur bei Nacht gedreht über die letzten zwei Jahre in Cleveland, Los Angeles und Berlin entstand. Gaillard will man ja immer doof finden, weil zu poppig, zu eingängig, zu romantisch, zu schön. Und das klappt dann eben leider überhaupt nicht. Der Playboy und Partylöwe präsentiert sich bei Sprüth Magers wie gewohnt als großer Zauberer des Suggestiven, zeigt Bäume in Zeitlupe, deren Zweige auf mysteriöse Weise (Sturm!) in verschiedene Richtungen driften. Diese „Hollywood Juniper“ genannte Baumart ist ein Immigrant, der mit seinen ausdrucksstarken Ästen den Namen eines Ortes angenommen hat, an dem er ein Fremder ist. Wie das Wahrzeichen von Los Angeles, die Palme. Man kann die Bezüge aus dem Film nicht lesen. Wenn die verschiedenen Pflanzen und Bäume vor urbanem Hintergrund sich wiegen in Trance und Ekstase, ist pures Gefühl, Raunen und Wünscheln. Noch lange nachdem man die 3-D Brille abgegeben hat, klingt der geloopte Ragga-Hit im Ohr: immer wieder „I was born a loser“. Und irgendwann, kaum bemerkt: „I was born a winner". Auf dem Fahrrad der Abendsonne entgegentretend, kaut es einem am Körper: die Melancholie, die Lust, die grüne Wildnis, und ihr Gegenteil. Am Ende des Filmes fliegt eine Drohne langsam von unten über dem Berliner Olympiastadion in ein Feuerwerk hinein. Und da oben ist, wo genau das Richtigste passiert, wo die Funken sprühen, dort will man sein während des Weekends. Im richtigen Getümmel. Dabei ist man doch selbst auch nur Pflanze im Urwald Kunst. 

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Das wollen die Künstler einem dieser Tage alle sagen. Dauernd irgendwo riesige Felsbrocken und Steine (William Tucker bei Buchmann, Timur Si-Qin bei Société, Daniel Keller bei Kraupa-Tuskany Zeidler, Navid Nuur bei Plan B), die einem den Weg versperren und Räume enger machen. Mit den Bäumen und Pflanzen geht es vor allem bei Esther Schipper weiter. Daniel Steegmann Mangrané, „Spiral Forest (kingdom of all the animals and all the beasts is my name)“, Bilder vom dichten Regenwald Brasiliens an den Wänden, auf die Augen setzt man eine speziell angefertigten Kamera, die im Raum hängt. Beim Schauen mit dem neuartigen Oculus Rift Headset verwischen die Assoziationen von Baum, Zweig und Blatt, die Landschaft wächst zu unerwarteten Formen. Während man selbst so durch die virtuelle Welt eines Regenwaldes zent, wird man von den anderen Besuchern dabei beobachtet.

Was ist dort im Dunklen hinter den Bäumen? Was können wir sehen? Was wollen wir sehen? Wie viel Sehen vertragen wir eigentlich? 

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Zwischen kleinen Kicks und großem Zusammenhang sucht man schwankend nach Glück. Auch oben auf der Schaukel verwischt die Natur zum Schimmern, schaukelt man zu hoch, jagt es durch die Beine, zuckt durch den Körper, eine Angst, die man erst nach der Pubertät als Angstlust realisiert. Zu hoch geflogen? Nicht hoch genug? Was bleibt einem, als sich hineinzustürzen ins Gewimmel? Auf der Schaukel gibt es kein Ja und kein Nein, kein Dafür und Dagegen, nur das Rauschen, hin und her, vor und zurück. Die Pinguinwärterin bemerkt glücklich, während Jankowski blind das unheimlich dreinblickende schwarze Tier tätschelt: „Nature is art in itself, very simple.“ Und der leiseste Star des Wochenendes: Die Picabia Ausstellung bei Michael Haas.