„Investieren Sie nicht in Gastronomie!“

Ein Interview mit Stephan Landwehr über Kunst, Rahmen und Restaurants
 Stephan Landwehr Foto: Christian Werner     
 Stephan Landwehr Foto: Christian Werner   
 Grill Royal  Foto: Stefan Korte 
 Le Petit Royal Foto: Stefan Korte  Kunstwerk: Sarah Lucas
 Pauly Saal  Foto: Stefan Korte  Kunstwerk: Cosima von Bonin   

Wir treffen Stephan Landwehr zur Mittagszeit, in seinem eigenen Restaurant Pauly Saal. Landwehr ist sehr groß und spricht in einem angenehm-sonoren Timbre. Wie kaum jemand sonst verkörpert er die Berliner Kunst- und Gastronomiegeschichte der letzten zwanzig, dreißig Jahre.

In den 80ern trieb sich Landwehr in Oswald Wieners Exil und der Paris Bar von Michel Würthle herum. Er gründete den später wichtigsten Bilderrahmenladen der Stadt und wuchs nach dem Fall der Mauer mit dem zunehmend prosperierenden Kunstgeschäft der Hauptstadt einfach immer weiter. Der große Durchbruch kam 2007 mit der Gründung des Grill Royal, das er seither zusammen mit seinem Kompagnon Boris Radczun betreibt. Grill Royal klingt nicht zufällig ein bisschen wie „Kir Royal“ und ist die erste Adresse für die Mischung aus Rindfleisch, Prominenz und dem unkaputtbaren Berlin-Mythos. 

Landwehr ist Materialist, Handwerker, Kunstliebhaber, Draufgänger und Möglichmacher. Das Geschäft mit Holz und Fleisch haben ihm Wohlstand gebracht. Jetzt, 30 Jahre später steht sein Gastronomie- und Kunst-Imperium im Zenit: Neben dem Mitte-Trio Grill Royal, Mädchenschule und Dottir eröffnete kürzlich der Charlottenburg-Satellit Le Petit Royal. Mit der Übernahme des Café Einstein Unter den Linden stoßen Landwehr und Radczun sogar in das dunkle Polit- und Medien-Herz der Hauptstadt vor. Höchste Zeit für ein Interview. 

 

Herr Landwehr, wer oder was hat Sie eigentlich zur Kunst geholt?

Ich bin ja vom platten Land – aus der kleinen Stadt Lohne in der Nähe von Bremen. In den frühen Achtzigern habe ich in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert – bis dahin gab es keine Berührung zur Kunst. Den ersten Anlass, mich damit zu beschäftigen, lieferte 1982 die Zeitgeist-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, kuratiert von Christos Joachimides. Dort wurden unter anderem auch Werke der so genannten „Neuen Wilden“ präsentiert. Nicht alles, was da gezeigt wurde, kam gut weg bei mir. 

Warum gerade die Neuen Wilden?

Das lag wohl an Helmut Middendorf, der – nicht nur – in meiner Heimat ein recht bekannter Maler war und eben zu den Neuen Wilden zählte. Ihn kannte ich von zu Hause. Zu ihm bin ich eines Tages ins Atelier und wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Fortan bin ich mit dem um die Häuser gezogen und habe mir Ausstellungen angeguckt. 

Sie haben als Künstler-Assistent begonnen?

Helmut hatte viele Ausstellungen und hat mich immer mitgenommen. Wir sind viel gereist, bis nach Mexiko, New York und Los Angeles. Natürlich habe ich auch im Atelier mitgeholfen – etwa Leinwände aufzuspannen und so weiter. Das wurde zusehends zum Job. Da wurden Fußleisten schwarz angestrichen und an die Bilder genagelt. Das waren damals die ersten Rahmen. Und daraus hat sich 1986 die Bilderrahmung entwickelt.

Wie wurde daraus ein Geschäft?

Den ersten Job haben wir vom Besitzer „Grand Hotel Esplanade“, Herrn Dieter Hauert, am Lützowufer bekommen, das 1988 eröffnete. Für die Zimmer wurden tausend Bilderrahmen bestellt um Arbeiten von zehn Künstlern zu rahmen, darunter waren Olaf Metzel, Helmut Middendorf, A.R. Penck, Georg Baselitz. Wahrscheinlich hängen die heute noch dort. Unsere erste Werkstatt war die Atelierwohnung von Bruno Brunnet, der damals nach Köln ging um als Archivar bei Michael Werner anzufangen. Die 250 Quadratmeter kosteten 250 D-Mark Miete. Es war aber natürlich Vollschrott. Das Dach war weggebombt. Aber unten hatte man seine Ruhe. Brunnets Vormieter war der Maler Bernd Zimmer. In den Räumen darüber hat Bernd Koberling gewohnt und sein Atelier gehabt. Das Geschäft wurde dann relativ schnell ganz schön groß.

Die Bilderrahmung in Berlin zu gründen, scheint heute eine verrückte Idee, damals gab es nur eine Handvoll Galerien.

Die Kunstszene war sehr überschaubar. Ein ganz kleiner Haufen. Man hat sich jeden Abend im Restaurant Exil getroffen, um dort einen zu heben und bisschen was zu essen. Ich behaupte, der Umsatz mit Kunst ist heute das Tausendfache von dem, was damals gegangen ist. 

Wenn früher jemand eine kleine Papierarbeit für 2.000 Mark gekauft hat, war das eine Sensation. Wenn man heute 50.000 Euro für ein Bild ausgibt, hört sich das eher nach einem Schnäppchen an.

_______INSERT_______

Wie macht man sich einen Namen?

Wir haben mit neuen Hölzern experimentiert. Das hatten wir uns in New York abgeguckt. Mitte der Achtziger war in New York alles in Maple gerahmt, also Ahorn. Das haben wir dann hier eingeführt. Angefangen haben wir mit Schweizer Bergahorn. Das war ein verknotetes, böses Zeug. Ziemlich unbrauchbar, beinahe wären wir daran Pleite gegangen. Später haben wir damit begonnen, Rahmen zu vergolden, schöne Anstriche zu machen, Beizen und drei-Millimeter-Passepartouts. 1990 bin ich in das neue Atelier umgezogen, da hatte ich zwei Etagen und eine eigene Schreinerei. Das gab's überhaupt noch nie. Wir haben ja die Rahmen selber geschreinert. Das machen wir bis heute – allerdings mit modernen Maschinen. Vorne schiebt man das Holz rein und hinten kommt die Leiste raus.

Was hat sich innerhalb von 30 Jahren modisch, rahmenästhetisch verändert?

In den Achtzigern und Neunzigern war weiß gebeizter Ahorn groß in Mode. Das sieht auch heute noch toll aus in hellen Wohnungen. Aber ich habe immer nach Bildern gerahmt, nicht nach Wohnungen. Mir geht es um die Kunst, die muss gut aussehen. Interieurs sind mir diesbezüglich völlig egal. 

Welches Material passt zu welchem Bild? Gibt es nach all den Jahren Regeln der Rahmungen?

Nein. Das weiß ich erst, wenn ich das Bild sehe. Dann habe ich sofort eine Idee. Bei großen Bildern, wenn man Leinwände sieht, passen dünne Rahmen besser als dicke. Bei kleineren Bildern passen dicke Rahmen besser. Aber grundsätzlich gibt’s keine Regeln, außer vielleicht die, dass das Kunstwerk alles Weitere vorgibt.

Wenn man als Dienstleister so nah an der Kunst dran ist, wie Sie – gerät man nicht auch in Versuchung? Sie sehen ja die Bilder – noch vor der Ausstellung – eigentlich als Erster. 

Auf jeden Fall. Früher kam ich schon auf die Idee, die Rahmen gegen ein zu Bild tauschen. Heute wäre das unmöglich. Kunst muss bezahlt werden. Hin und wieder kaufe ich selbst Kunst. Als Sammler würde ich mich aber nicht bezeichnen. 

Man weiß, dass sie Arbeiten von Mandla Reuter, Ralf Dereich, Daniel Richter, Tal R, Gregor Hildebrandt und Thomas Scheibitz besitzen. Wie würden Sie ihre Sammlung beschreiben? 

Ich habe eine große Sammelleidenschaft, weil ich den starken Drang habe, Kunst zu besitzen, die ich gut finde. Aber eine strukturierte Sammlung entsteht so nicht. Normalerweise arbeiten Sammler heute mit Kuratoren, suchen sich Beratung, um der Sammlung eine Richtung zu geben. Das ist mir fremd.

_______INSERT_______

2007 eröffneten sie zusammen mit Boris Radczun das Grill Royal in Berlin-Mitte. Mit diesen tausend Quadratmetern gingen Sie ein großes Risiko ein. Sie aber erklärten damals, „als Rahmenbauer mache es keinen Unterschied, ob man ein kleines oder ein sehr großes Lokal betreibt“. Wie haben sie das gemeint?

Zunächst: Es macht einen erheblichen Unterschied. Was wir damals gemacht haben, war dämlich gedacht und lächerlich naiv. Es ist völlig unvernünftig, so wahnsinnig viel Geld in so ein Projekt reinzupacken. Ich musste das ja richtiggehend zusammenkratzen und mit dem Verkauf von einem Peter Doig-Bild bezahlt. Irgendwann sogar noch eine kleine Cecily Brown hinterher schieben. Das tat weh. So etwas kann ich wirklich niemandem empfehlen. Also: Investieren in Gastronomie ist eine der dümmsten Sachen überhaupt. 

Sie haben gerade ihr viertes Restaurant eröffnet und übernehmen demnächst das Café Einstein unter den Linden. Ist das kein Widerspruch?

Jetzt haben wir ja eine relativ professionelle Struktur. Zu Beginn haben wir mit Leihkellnern gearbeitet. Das war eine Katastrophe. Wir hatten einen sehr guten Koch. Sonst wäre es schlimm ausgegangen. Aber das wir nicht Pleite gingen – das war reines Glück. 

In ihrem neuen Restaurant „Le Petit Royal“ in Charlottenburg ist Kunst von Karl Holmquist und Yngve Holen zu sehen, beides Künstler der Galerie Neu. Wie kommt es zu den Werken, die in den jeweiligen Restaurants „ausgestellt“ werden?  

Zunächst einmal pflege ich einen guten Kontakt zur Galerie Neu und kaufe hier sehr sehr gerne ein. Und in der Regel werden bei der Neueröffnung eines Restaurants unsere privaten Bestände so lange geplündert, bis es passt.

Wenn das so weiter geht, werde ich nach Eröffnung des nächsten neuen Restaurants bei mir zu Hause vor weißen Wänden sitzen.

_______INSERT_______

Wird das Café Einstein unter den Linden auch neue Kunst an die Wände bekommen?

Wir wollen das Einstein so behutsam anfassen, wie man nur kann. Sicherlich wird es neue Kunst geben – in diesem Fall denke ich, Fotografie.

Welche Idee steckt hinter Ihren Restaurants? 

Dass man jeden Tag da reingeht, seine Freunde trifft, tolle Gespräche führt und nebenbei noch ein sehr gutes Essen und ein sehr gutes Glas Wein bekommt. Boris und ich haben ja früher immer ganz viele Partys bei uns gemacht. Wir haben gerne gekocht, man hat hübsche Mädchen eingeladen, vielleicht noch zwei, drei Typen, bestimmt ein-, zweimal die Woche. Es geht immer um die Herstellung eines bestimmten Home-Feelings. Das hatte das Exil von Oswald und Ingrid Wiener ja auch. Das hat die Paris-Bar von Michel Würthle als eines der wenigen Lokale heute noch. Wir haben den Grill Royal so eingerichtet, wie wir es zu Hause auch machen würden, ohne Rücksicht auf Geschmäcker oder modischen Tendenzen.

Die Kunst muss man sich in ihrem Fall wie einen roten Faden vorstellen, an dem sich verschiedene Unternehmungen andocken lassen. Die Kunst bleibt das Leitmedium.

Das ist richtig. Irgendwie hat es sich immer um Kunst gedreht. Auch meine Freunde sind eigentlich alle aus der Kunst. Entweder handelt es sich um Galeristen oder Künstler. 

Berlin ist mittlerweile immer mehr Polit-Stadt. Die aufgekratzte Kunst- und Kreativ-Zeit geht dem Ende zu. Was kommt jetzt?

Darüber denke ich oft nach. Was ist eigentlich eine Gesellschaft? Wie sieht die aus? Was interessiert uns in 15 Jahren? Wahrscheinlich geht’s immer weiter. Berlin wird definitiv immer teurer. Man muss mehr Geld ranschaffen. Aber: Die Tendenz, die ich auch sehe, ist, dass es mehr kleine Läden gibt, die von guten, interessanten jungen Leuten gemacht werden. Die brennen für ihre Sache. Berlin wird eher spannender als langweiliger. 

Sie glauben wirklich, alles wird besser?

Nicht alles. Wo man tatsächlich aufpassen muss, ist diese unfassbar bescheuerte Mietpreisexplosion – sowohl im Wohnungs- wie im Gewerbebereich. Ich habe mir letztens im tiefsten Kreuzberg einen Laden angeguckt auf Empfehlung von einer Freundin. Das waren 20 Quadratmeter. Der Vermieter wollte 2.000 Euro. Das ist doch völliger Schwachsinn.

Was passiert in dieser Zeit mit der Kunst? Hat sie noch die Power, die sie in den Nullerjahren hatte? Oder geht’s jetzt nur noch um Geschmacksfragen?

Die Jungs und Mädels, die das heute machen, sind so viel cleverer und so wenig handwerklich. Es wird ja alles nur noch aus dem Netz gezogen und irgendwo mit irgendwelchen Firmen veredelt. Ich will nicht sagen nur noch – aber man muss mal gucken. 

Empfinden Sie das Internet eigentlich als sehr störend?  

Das Internet produziert nicht, es kann „nur“ kommunizieren, man müsste mal nachrechnen, wie viele Emails man pro Entscheidung kriegt. Es ist unglaublich. Plus Anrufe. Früher gab's kein Handy. Da hast du einfach gemacht. Ich habe mich immer zum produzierenden Gewerbe hingezogen gefühlt.

Kulturpessimismus?

Ich will jetzt wirklich nicht für klassische Malerei plädieren oder die klassische Skulptur. ist ja toll, dass heute ein Architekt ein Modell entwirft, alles in einen 3D-Drucker packt, seinen Namen da reinfräst und das in einer Galerie ausstellt. Mal gucken, ob sich das alles so hält.

_______INSERT_______

 

> Folgen Sie Spike bei Facebook <