Isabelle Graw über „Kinder in der Kunstwelt“

Interview
 Foto von Heji Shin
 Foto von Heji Shin

Was bedeutet es heute ein Leben mit Kind, ein Leben in der Kunst und ein Leben zu führen? Warum sind Kinder und Künstlerexistenz so schwer zu vereinen? Oder stimmt das vielleicht gar nicht? In einer Interview-Serie widmet sich Spike Art Daily dem problematischen Verhältnis, das der Kunstbetrieb zu seinem Nachwuchs unterhält. Den Beginn macht Isabelle Graw. Die Kritikerin, Professorin und Herausgeberin von Texte zur Kunst erklärt, warum es Kinder einem mitunter sogar leichter machen, sich gegen die Logik einer Ökonomie zu stellen, die es auf unser Leben abgesehen hat.

Timo Feldhaus: Inwiefern hat sich Ihre Arbeitsweise durch die Geburt Ihres Kindes verändert? Oder ganz neoliberal gefragt: Hat es einen Vorteil für Ihre Arbeit, ein Kind zu haben?

Isabelle Graw: Ich war eine sog. „Spätgebärende“, wie es so schön stigmatisierend heißt, und meine Arbeitsweise hatte sich schon in den Jahren vor der Schwangerschaft dahingehend verändert, dass ich den Workaholismus früherer Tage bewusst abzulegen versuchte. Wobei an dieser Stelle auch eingeräumt werden muss, dass ich es mir mit Anfang vierzig aufgrund einer festen Professur und der weitgehenden Etablierung meiner Zeitschrift wahrscheinlich auch leisten konnte, nicht mehr Non-Stop zu rotieren. Wie zahlreiche meiner Kollegen hatte auch ich es noch in den 1980er und 1990er Jahren als Befreiung von meiner Herkunftsfamilie erlebt, ein ausschließlich der Arbeit gewidmetes Leben zu führen. Nichts wäre mir unattraktiver und abwegiger erschienen als die Idee eines arbeitsfreien Wochenendes oder das Konzept Freizeit. Ich hatte mich schließlich leidenschaftlich dem Schreiben, genauer, der Theoretisierung von künstlerischen Praktiken verschrieben und ordnete alles andere diesem Primat unter. Eine Folge dieser Arbeitszentrierung war der weitgehend instrumentelle Charakter meiner sozialen Beziehungen – ich hätte mich wohl kaum mit jemandem befasst, der mich nicht auch im Hinblick auf meine Arbeit interessierte. Die fließende Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, heute Kennzeichen einer neoliberalen Ökonomie, wurde damals aber auch als stimulierend erlebt – besonders abends in der Kneipe tauschte man sich über Gelesenes aus und profitierte davon für das eigene Schreiben. Dass ein derart den Arbeitserfordernissen gewidmetes Leben auf Kosten von anderen Bedürfnissen geht, etwa nach emotionaler Zuwendung oder menschlicher Anteilnahme, sollte mir erst im neuen Jahrtausend klar werden. Zunächst einmal war die Vorstellung, Mutter zu werden und entsprechend nicht mehr an vorderster Front operieren zu können, durchaus beängstigend. Mit einem Kind kann man nicht mehr an allen Events teilnehmen, was die eigene Präsenz und Sichtbarkeit reduziert. Dafür soll dem Klischee zufolge im Gegenzug die Arbeit mit Kind organisierter und strukturierter werden. Das habe ich selbst durchaus so erlebt, denn die begrenzten Stunden am Schreibtisch zwingen einen dazu, die Textproduktion unverzüglich anzugehen. Goodbye procrastination! Seit der Geburt meiner Tochter im Jahre 2006 habe ich mich entsprechend auf das Wesentliche zu konzentrieren versucht und nur jene Aufträge angenommen, die auf der Linie meiner Forschung liegen. Die eigenen Bücher hatten nun absolute Priorität und auswärtige Vorträge wurden nur in Ausnahmefällen angenommen. Neben der Angst, zu verschwinden, geht mit dieser Setzung von Prioritäten der Vorzug einer geringeren Arbeitsbelastung einher, sodass es einem physisch und psychisch besser geht. Man läuft zudem nicht mehr Gefahr, auf allen Hochzeiten zu tanzen und sich entsprechend zu verzetteln. Als Nachteil empfinde ich es allerdings schon, dass ich nicht mehr stundenlang ziellos herumlesen und das ganze Spektrum der Neuerscheinungen rezipieren kann. Dafür ist es auch wohltuend und richtig, am morgen nicht mehr sämtliche Feuilletons, wie in meinen Kreisen üblich, „kontrollieren“ zu wollen. Ich genieße es förmlich, den vermessenen Anspruch, überall mitreden zu können, zugunsten einer anderen Qualität in meinem Leben aufgegeben zu haben.

Timo Feldhaus: Diedrich Diederichsen schreibt in der aktuellen Ausgabe der von Ihnen mitgegegründeten Kunstzeitschrift Texte zur Kunst: „Ein Bohémien ist eine unzuverlässige Person. Sie ist unzuverlässig, weil sie unter Verhältnissen lebt und in der Regel zu leiden hat, deren Stabilität und Berechenbarkeit nicht gewährleistet ist. Ihre Lage erlaubt es nicht, zu antizipieren und ein Leben zu entwerfen.“ Ist das mit der Rolle als Mutter und/oder Vater vereinbar? Wie ist ein Kind überhaupt mit dem „künstlerischen“ Umfeld vereinbar?  

Isabelle Graw: Eine Bohémienne in Diedrichs Sinne bin ich wohl nie gewesen – eher schon habe ich in den späten 1980er und 1990er Jahren für einen bohemistischen Lebensstil optiert. Von Unzuverlässigkeit konnte ohnehin keine Rede sein – ich war vielmehr immer schon zwanghaft pünktlich und verantwortungsbewusst. Womöglich greift hier eine Gender-Dimension: Während der männliche Bohémien abtaucht und sich nicht festlegen lässt, fällt es der weiblichen Bohémienne schwer, ihre Deadlines verstreichen zu lassen. Auch das Verhältnis zur Planung scheint mir in ähnlicher Weise gegendered zu sein: Nicht nur bei zahlreichen Bohème-Männern, sondern bei Männern generell trifft man häufig auf Planungsphobie, wohingegen sich zumal die berufstätigen Frauen mit Kind durch hohen Planungseifer auszeichnen. Womöglich reagieren die Männer mit ihrer Planungsresistenz passiv aggressiv auf den Aufstieg der Frauen, den sie auf diese Weise latent blockieren. Die Vorstellung, dass Kinder und bohèmistische Künstlerexistenz miteinander unvereinbar seien, ist im Übrigen nicht neu. Schon in der Frühen Neuzeit findet sich die Vorstellung, dass der (stets als männlich gedachte) Künstler für seine Liebe zur Kunst einen lebensweltlichen Verzicht leisten muss. Wenn er dennoch eine Familie gründete, gefährdete dies jedoch seine künstlerische Glaubwürdigkeit keineswegs. Das Gegenteil war bei  den ohnehin selten anzutreffenden Künstlerinnen der Fall: Wenn sie neben ihren Kunst-Kindern noch eigene Kinder gebaren, hatten sie erst Recht keine Chance auf Anerkennung. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachvollziehbar, dass die Mehrheit der Künstlerinnen bis in meine Generation hinein kinderlos geblieben ist. Zwar erfahren junge Künstlerinnen mit Kind heute, etwa an meiner Hochschule, ein hohes Maß an Unterstützung. Das Thema „Kinder“ wird jedoch in den Gesprächen und Diskussionen weitgehend tabuisiert, so als ließe sich „gute Kunst“ nur ohne Kinder machen. Ich halte es diesbezüglich eher mit Adorno, der darauf bestand, dass die Produktion von kritischer Theorie nicht den Verzicht auf persönliches Glück bedeuten dürfe. Nur würde ich anders als Adorno persönliches Glück nicht nur mit einer glücklichen Liebesbeziehung, sondern auch mit Kindern assoziieren wollen. 

Timo Feldhaus: Ulrike Meinhof spricht hier sehr bewegend von den existentiellen Problemen, Kindererziehung und Leben zu verbinden. Resümee ist das berühmte: „Es ist schwer, schwer, unheimlich schwer“. Sehen Sie die Probleme heute noch genauso vorliegen, oder gar verschlimmert dadurch, dass es etwa für den Kunst- und Kulturarbeiter keinen Feierabend, keine Freizeit ohne Arbeit mehr gibt? Oder ist es im Gegenteil so, dass die Zeit auf dem Kinderspielplatz Freiheit und Denkraum erzeugt? 

Isabelle Graw: Ich finde es schwierig, mich beim Thema „Berufsleben mit Kind“ auf Ulrike Meinhof zu beziehen, weil diese erstens in einem noch patriarchalischeren Umfeld lebte und zweitens aus einer persönlichen Notlage heraus die Verantwortung für ihre Kinder abgab. Anders als Meinhof könnte man heute die Auffassung vertreten, dass Kinder es einem nicht schwerer, sondern leichter machen, sich gegen die Logik einer Ökonomie zu stellen, die es auf unser Leben abgesehen hat. Ein Kind zwingt einen nämlich dazu, Grenzen einzuziehen und gelegentlich Schutzräume – Zonen der Privatheit und der Unerreichbarkeit – einzurichten. Ebenso gut könnte man aber auch gegenläufig argumentieren und Eltern zu den idealen Subjekten der neuen Ökonomie erklären, da sie ständig im Einsatz sind und auch ihren Konsum kindbedingt steigern. Selbst die Kita lässt sich als Networkgelegenheit nutzen, um unverhoffte Kontakte zu knüpfen, die einem auch beruflich nützen. Und auch wenn man sein Handy während des Kindergeburtstages abstellt, bleibt man doch eingebunden in eine Ökonomie, die für ihre Wertschöpfung bei den Subjekten ansetzt – und damit auch bei Eltern und ihren Kindern. Ein Kind bindet einen offenkundig noch mehr in die gesellschaftlichen Verhältnisse ein, erlaubt es einem aber auch, auf Abstand zu ihnen zu gehen.

Timo Feldhaus: Was ist das Lieblingskunstwerk Ihrer Tochter? 

Isabelle Graw: Die Lieblingsarbeit meiner Tochter Margaux-Albertine ist eine platinglasierte Keramik von Rosemarie Trockel, die am Tag ihrer Geburt (18.8.2006) angefertigt wurde und bei mir auf dem Schreibtisch steht.

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