Ganz oben

Eindrücke von der Art Basel
 Karma International Judith Bernstein Feature in Basel 2015 © Art Basel
 Galerie Gregor Staiger Nicolas Party Statements in Basel 2015 © Art Basel  
 Kraupa-Tuskany Zeidler Avery Singer Statements in Basel 2015 © Art Basel
 RaebervonStenglin  Raphael Hefti Statements in Basel 2015 © Art Basel
 Société Bunny Rogers Statements in Basel 2015 © Art Basel
 Esther Schipper Galleries in Basel 2015 © Art Basel
 DO WE DREAM UNDER THE SAME SKY Art Basel in Basel 2015 © Art Basel
 Air de Paris, Friedrich Petzel Gallery, White Cube  Sarah Morris | Strange Magic, 2014 Unlimited in Basel 2015 © Art Basel
 Blum and Poe, Sadie Coles HQ, Andrew Kreps Gallery, Galleria Franco Noero  Darren Bader | To be titled, 2015 Unlimited in Basel 2015 © Art Basel
 Casey Kaplan Galleries in Basel 2015 © Art Basel

Beim ersten Glockenklang den Austernsaft von den prallen Backen gewischt, schreiten wir in die Zentrale des Kunstverkaufs. 

Es ist 11 Uhr und 15 Minuten, bei Luhring Augustine Gallery bestätigt der Kunsthändler einem Käufer: „Guter Deal, das wirst du nicht bereuen." Der Sammler schaut noch mal flugs auf seinen neuen Albert Oehlen und ist schon halb wieder raus aus der Koje. Ich verfolge ihn. Der mittelalte Mann ist nicht so einer, der gleich weiß, wo er hinwill, er lässt sich treiben, scheint keinen genauen Plan zu verfolgen. Er schaut auf die Wände, er hat gerade einen ganz schönen Batzen Geld ausgegeben, er parkt die Hände in den Taschen, wir laufen etwas, ich in einigem Abstand, mal hier rein, mal dort, mal wen annicken. Doch das Anhalten und Kurzmalreden wird hier und gerade jetzt auf das Wesentlichste reduziert. Willst du wissen, wie wichtig du wirklich bist, dann laufe in der ersten Stunde am ersten VIP-Preview-Tag über die 46. Art Basel. Mich grüßt keiner.  

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Bei Sprüth Magers verlassen wir die Spur des einsamen Sammlers. Denn hier gleich zwei Superstars: Michael Ballack und Günther Netzer, der seine Frau begleitet, sie bestürmen den Andreas Gursky. Ich frage: „Herr Ballack, darf ich nicht endlich mal mit Ihnen über Ihre Kunstsammlung sprechen?“ „Nein, das ist leider Privatsache. Mache ich nie.“ Der Ex-Capitano sagt das so freundlich, dass es schon passt. Er wird bereits zurückgezogen in die Booth. 

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Man sieht schreckliche Paintings von Jordan Wolfson bei Sadie Coles, langweilige Skulpturen von Ryan Trecartin bei Andrea Rosen und immer wieder die Zeichnungen von Camille Henrot, die von 17.000 bis 45.000 Euro an gleich drei Ständen angeboten werden. Gefällige, naive Abstraktionen, zuckersüsse Träume in Pastell, reproduziert im Rückgriff auf Ikonen des Abstrakten - sowas sieht man hier (und erst recht bei der Liste) häufig, bei Henrot verdrehen sie einem in der lapidaren Leichtfüßigkeit den Kopf.  

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Dann die Sektion „Statements": Bunny Rogers zeigt mit der Berliner Galerie Société etwa einen ziemlich traurigen schwarzen Stuhl (alles verkauft nach drei Stunden), vor dem Stand von Kraupa-Tuskany Zeidler steht Leonardo DiCaprio, er schaut sich die raumgreifende Installation von Avery Singer an, die die Galerie am Ende der Messe an eine öffentliche, europäische Institution verkauft haben wird. Der Schweizer Raphael Hefti hat eine sieben Tonnen schwere Stahlschneidemaschine, die sonst Waffen- oder Uhrenteile schneidet (Art Basel!) hingestellt, sie fräst so lange präzise an Stahlzylindern, bis sie nicht mehr da sind (die Leere!). Viele Leute (Männer) davor, die zuschauen wie die Maschine (die Metapher!) funktioniert.  

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Ausruhen kann man sich dann bei Esther Schipper, vor den riesigen Seidenbildern mit Farbverläufen von Matti Braun, Philippe Parrenos goldenen Luftballon-Ensembles und in einer orangenen Installation von Daniel Steegmann Mangrané Orangensaft pressen und trinken . Das erinnert an draußen, an die rotgefärbten Brillengläser von Rirkrit Tiravanija, der eine offene Küchensituation vor dem Eingang installiert hat. Er wärmt hier seine alte Relational-Aesthetics-Idee auf, der Chef kocht sogar selbst, nur Abwaschen soll man alleine. Kleine Unterhaltung: 

„Rikrit, warum zur Hölle kochst du auf der Art Basel?“ 

„Weil sie mich gefragt haben.“

„Sagst du immer ja, wenn dich jemand fragt?“ 

„Ja.“ 

„…“ 

„Wenn jemand nett ist, dann mache ich das, wenn jemand ein Arschloch ist, dann nicht.“ 

Auf seiner Schürze steht wirklich: „Do we dream under the same sky?“ Ich verstehe die Frage kein bisschen. Wirklich: Kein bisschen. Vollkommen schleierhaft. Raf Simons läuft vorbei, sein Geruch, seine Hände, seine durchdringenden schwarzen Augen und seine reiche Haut. Er trägt dieser Tage immer dieselbe Hose und denselben Mantel. Wieder drinnen: Ein Sammler mit einer coolen Schirmmütze brüllt über den Gagosian Stand zu seiner Frau: „Ellen, If I lose you, I see you in Zurich.“ 

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Nina Pohl, die Erfinderin des Projektraumes Schinkel Pavillon sagt, dass man nach einem vollen Tag Messe nur mehr mit einem imaginierten Maschinengewehr umherläuft, Armen Avanessian, der Manager des Spekulativen Realismus, setzt Kopfhörer auf, schiebt den Oberkörper nach vorne, als würde er in den Krieg ziehen müssen. Hat er was gesehen? „Nichts.“ Die Art Basel ist aber ein Ort, der sich zu Erleben lohnt. Vor dem man sich nicht ducken darf. Wo man auf jeden Fall hin muss. Denn das hier ist Status quo. Zu viele fette Bäuche? Zu wenig Romantik? Zu viele heterosexuelle Paare? No! Das hier ist unsere Welt, nur eben unterm Mikroskop. Rein und unfein, in Extremform und Perfektion. Dieses Jahr 284 Miniatur-White Cubes der immer gleichen Galerien, nur enger, härter, konzentrierter. Man kennt sich nicht aus? Man kann nichts unterscheiden? Alles gleich flach, gleich zu teuer, es geht eh nur ums Geld, die Kritik verschwindet, es wird alles (jedes einzelne Kunstwerk, die Kunst an sich) immer schlechter? Genau das reden die Leute ja wirklich.  

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Das Schönste bleibt natürlich verborgen: Die Gespräche hinter vorgehaltener Hand. Ganz oben, über dem zweiten Stock, wo wirklich nur die VIPVIPs hingeführt werden und sie Picassos kaufen können, die die Welt schon lange nicht mehr gesehen hat. Oder ganz ganz unten, in geheimen Depots, von wo aus ein betrunkener Kunststudent mich anruft, wo er für 120 Euro die Stunde im Schweiße stehend unzählige eingepackte Kunstwerke mit immer wechselnden Namen versieht, die ihm per Telefon von geschäftigen dünnen Damen einer Megagalerie durchgegeben werden. 

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Es gibt keinen Ort auf der Welt, der im Juni 2015 wichtiger ist, um Kunst 2015 zu verstehen und es gibt keinen Ort, der weiter weg ist von Charleston, von den Aktionen des Zentrums für politische Schönheit, von dem, was Marina Abramovic gerade in einem Interview mit dem Guardian gesagt hat: “We live in difficult times, probably the worst time. So we can’t just be having good days, like Cézanne, Monet, Picasso, sitting in the countryside having the best wine, the best food, the best women. We really have to be warriors.” Man liest das, und man muss lachen. Es ist kein zynisches Lachen.

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Der Teil der Art Basel, der den Fokus genau auf jene Kunstwerke der Moderne und Nachmoderne richtet, ist in diesem Jahr von Marc Spiegler extra erweitert worden, sodass die Cézannes, Picassos und Basquiats noch mehr Platz finden. 

Wer sonst noch klassisch was merken will von Kunst, der geht zur Sektion „Unlimited", wo auf 15.000 Quadratmetern überdimensionierte Installationen oder Werke zu erleben sind. Gleich am Anfang sitzt oder liegt der junge Künstler Julius von Bismarck den ganzen Tag in einer rasend rotierenden Betonschale und versucht Alltagsdinge zu verrichten. Er muss aufpassen, dass er nicht kotzt, er hat oft den Kopf auf dem Tisch liegen, kann nicht mehr gucken. Aber man darf sich diese allzu wörtliche Parabel auf die Egomanie des Künstlers und die Messeerfahrung an sich nicht als Lösungsbild andrehen lassen.

Auf der Art Basel müssen einem einmal im Jahr die Augen ausfallen, es muss einem das Hirn zerschießen. Wenn die Kategorien nur ein winziges Mal durcheinander geraten, ist vieles erreicht. 

Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.