Portrait Tobias Madison

Nein wie in Ja
 AP News
 NO, 2013 (mit Emannuel Rossetti) Kunststoff, Leuchtmittel, Plexiglas Alle Abbildungen Courtesy der Künstler und Galerie Francesca Pia, Zürich
 Installation view “NO; NO;      H”, Kunsthalle Zürich 2013
 Yes I Can! , 2009 Acrylic on polyester fabric
 Untitled , 2015 Betadine (disinfectant, iodine-containing), PVC, epoxy resin, wood Photo: Annik Wetter
 Feedback , 2012 (with Emanuel Rossetti) Installation view “Speculations on Anonymous Materials”, Fridericianum, Kassel 2013 Photo: Achim-Hatzius
 Dilemma 1 , 2015 Neoprene, zipper
 Tobias Madison Photo: Mathilde Agius

Es ist schwer zu sagen, was Tobias Madison eigentlich macht. Der Schweizer Künstler pendelt auf ganz eigene Weise zwischen Verweigerung und Teilnahme, Entzug und Entblößung, Community-Spirit und Outsourcing-Kalkül. Damit arbeitet er an den Rändern der Formate entlang, die er vorfindet – des Werks, der Ausstellung, aber auch der Figur des „jungen“ Künstlers.

„Ich gehöre nicht zum Geschäft. Ich bin das Geschäft“ ist der beste Satz in „Blade Runner“. Rachael sagt das, als ihr klar wird, dass sie eine Replikantin ist. Wir sind nicht mehr weit von 2019 entfernt, dem Jahr, in dem der Film spielt, und inzwischen sind wir alle das Geschäft geworden. Als Prosumenten von Informationsmassen sind wir damit beschäftigt, unsere Erinnerungen, Gefühle und Ängste zu replizieren und zu verkaufen, um in der Aufmerksamkeitsökonomie sichtbar zu werden und zu bleiben; vielleicht sogar mit Geräten, die das Label „Nexus“ tragen (die Kolonie, aus der die Androiden in Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ stammen). Wer sind die kopflosen „Surfer“ in Tobias Madisons jüngster Serie „Dilemma“ (2015), wenn nicht wir selbst? Die identischen hautfarbenen Neoprenanzüge, die von innen nach außen gestülpt in Reihen an der Wand hängen, erinnern an Chris Burdens bedrohliche Installation aus Polizeiuniformen von 1993, auch wenn die Grenzen zwischen Pro und Kontra, Polizist und Täter, Vernetzung und Überwachung seit langem verschwommen und verinnerlicht sind. Damit stellt sich die Frage, wie sich die zwanghafte soziale Mediatisierung aller unserer Erfahrungen – auch von Kunst – aufhalten oder verlangsamen lässt, der Strom ständiger Sichtbarkeiten, der abflaut kaum ist er aufgetaucht. So wie die gefälschten Erinnerungsfotos, die die Replikanten in „Blade Runner“ – durch ihre Technologie selbst zu einem kurzen Leben verdammt – so liebevoll bei sich tragen.

_______INSERT_______

Madison sagt über die Arbeiten von Elaine Sturtevant, die er als persönlichen „Über-Hero“ bezeichnet: „Feedbackschleifen und Differenzproduktion sind keine interessanten Phänomene mehr, um eine Leere zu erzeugen, sondern Teil einer Technologie, die uns in zerfallende Subjekte verwandelt, eine Technologie, die tatsächlich den Raum zwischen uns kleiner macht.“ Diese Bemerkungen stammen aus einem Gespräch mit dem amerikanischen Kritiker Bruce Hainley in Madisons Monografie NO; NO; H E P (2015), die seine Ausstellung „NO; NO;      H“ in der Kunsthalle Zürich 2013 rekapitulierte und fortsetzte. „NO; NO;     H“ war nicht nur eine elliptische Ausstellung, die während ihrer Laufzeit zweimal uminstalliert wurde, sondern auch eine Reihe von über die Stadt verteilten „Events“. Sie nahm die Formate einer Bar, eines Clubs, von Filmscreenings und geführten Touren an, die Innen und Außen, Institution und Street Cred, Kritik und Vergnügen verknüpften. Zum Zeitpunkt ihres Gesprächs hatte Hainley gerade „Under the Sign of [sic]“ veröffentlicht, seine meisterhafte Monografie über Sturtevant, deren Ausstellung „Image Over Image“ nur einen Monat vor Madisons Debut in der Kunsthalle Zürich stattfand. Indem er sich eine der stärksten Stimmen im Sturtevant-Diskurs für seinen Katalog aneignete, legt Madison weiter Bild über Bild, Ausstellung über Ausstellung, Kunstdiskurs über Kunstdiskurs – eine Strategie der Nachahmung, die eine clevere Hommage an die verstorbene amerikanische Künstlerin wie auch an ihren Kampf gegen jede simplifizierende Übersetzung von Kunst in Sprache ist. Wenn, wie Kunstkritikerin Stéphanie Moisdon in Parkett schrieb, Sturtevants Verdopplungen eine Differenz schaffen, Widerstand provozieren und „ein kritisches Verhältnis zur Kunst und ihrem medialen Kontext herstellen“, fügt Madison einen weiteren Spiegeleffekt hinzu, indem er Sabotage und souveräne Selbstvermarktung mixt. 2008 begann er eine Serie von Malereien auf „appropriierten“ (also gestohlenen) Radisson-Hotelfahnen mit dem Titel „Yes I Can!“ und schleuste die Fahnen in den Kreislauf des Kunstmarkts ohne ihre Werbebotschaft auszulöschen.

_______INSERT_______

Madison mag das Wort „Verweigerung“ lieber als „Widerstand“, weil es mit einem Nein beginnt.

„Nein wie in Ja, Nein als eine Praxis/ Haltung. Nein wie in Nein-nicht-als-Nein-Akzeptieren- Können“ hieß es im ersten von mehreren Newslettern, die er während „NO; NO;      H“ verschickte – ein weiterer Zweig der Ausstellung, der einerseits funktional (er lieferte Informationen und schuf Aufmerksamkeit) und andererseits ambivalent war (da er konventionelle Kommunikationsformen verweigerte). So entstehen, mit Hakim Bey gesprochen, Temporäre Autonome Zonen, die von Anhäufung und Genießen geprägt sind, wo die Anwesenheit von Künstler und Publikum zu Begegnungen führt, die nicht leicht aufzuzeichnen, zu analysieren oder schnellstmöglich zu verwerten sind. „Autonomie ist immer etwas Temporäres, das immer wieder neu erfunden werden muss, aber bitte mit Freude“, sagt Madison zu Hainley. New Jerseyy, der mittlerweile fast legendäre Off-Space, den er 2008 mit dem Kurator Daniel Baumann, dem Künstler Emanuel Rossetti und dem Grafiker Dan Solbach gegründet hatte, wurde am 31. Dezember 2013 mit einer großen Abschiedsparty gebührend verabschiedet.

_______INSERT_______

Im April 2015 kehrte Madison in die inzwischen von Daniel Baumann geleitete Kunsthalle Zürich zurück, um im „Theater der Überforderung“ mitzuspielen, einer einmonatigen Performance unter der Regie von Barbara Weber, mit täglichen, offenen Proben und fünf Premieren. Es war ein freies Re-Enactment des experimentellen Theaterstücks „La Marie- Vision“ des avantgardistischen japanischen Dichters, Dramatikers, Fotografen, Schriftstellers, Filmemachers und Helden der Gegenkultur Shūji Terayama (1935–83) mit erklärt ungewissem Ausgang. Das Stück, dessen Titel von einem französischen Lied inspiriert ist, dreht sich um die Beziehungen zwischen dem männlichen Transvestiten-Prostituierten Marie, seinem Teenagersohn und seinem Diener. Ursprünglich wurde es 1967 von Terayamas queerer Schauspieltruppe Tenjō Sajiki aufgeführt (der Name ist eine japanische Übersetzung von „Kinder des Olymp“, dem 1945 gedrehten Film Marcel Carnés, der ein Pariser Theater zur Metapher für die Französische Résistance machte). In Zürich war das Ensemble eine Mischung aus Schauspielern, Künstlern und Schriftstellern. Gemeinsam mit dem Künstler Matthew Lutz-Kinoy und dem Bühnenbildner Elia Schwaller arbeitete Madison vor allem an der Gestaltung des Sets, einem weißen atmosphärischätherischen Gebilde, das Vorder- und Rückseite der Bühne verschleierte und das Terrain Vague eines Projekts verkörperte, bei dem „das Theater, die Ausstellung, die Kostüme, das Bühnenbild und die Bar ihre Rollen tauschen mögen“.

_______INSERT_______

Für seine kommende Ausstellung in der Kestnergesellschaft in Hannover beschäftigt sich Madison wieder mit Terayama, um mit dem Thema des „enfant terrible“ zu arbeiten, dieses abgedroschene Label für den Künstler als jugendliches, unorthodoxes und rebellisches Genie und Symbol für die Freiheit des jungen Erwachsenenalters. In „T.A.Z.“ schreibt Hakim Bey über „wilde Kinder“: „Um Aufruhr sowohl als Quelle von Stil & voluptuöse Schatzkammer zu begreifen, als Grundlage unserer andersartigen & okkulten Zivilisation, unserer konspirativen Ästhetik, unserer ausgeflippten Spionage – bedarf es (stellen wir uns dem) entweder der Aktion einer Art von Künstlern oder der Aktion von Zehn- oder Dreizehnjährigen.“ Im Januar wird Madison zusammen mit Tomo Arakawa als Kameramann ein Remake von Terayamas Kurzfilm „Emperor Tomato Ketchup“ von 1971 drehen, in dem sich Kinder gegen ihre Eltern und sexuelle Unterdrückung auflehnen, die Regierung übernehmen und dann selbst Erwachsene grausam unterdrücken und missbrauchen. „Warum Kinder? Weil das Kind das antiautoritäre Andere schlechthin ist, eine Figur, die man nicht als Projektion benutzen kann“, sagt Madison. „Ich habe das Drehbuch so abgeändert, dass jedes Kind mehrere Rollen hat und verschiedene volkstümliche Figuren spielt, wie im Märchen. Es soll ein Tanzfilm werden. Es ist ein Experiment.“

_______INSERT_______

Madison kann aber auch alleine arbeiten. Buchstäblich solo. So sang er auf der Eröffnung seiner ersten Ausstellung bei Francesca Pia in Zürich a capella das Lied „Plastic Palace People“ von Scott Walker („Don’t pull the string/Don’t bring me down/Don’t make me land“), bevor er die Pressemitteilung zur Ausstellung vorlas. An den Wänden hingen Arbeiten aus der Serie „Untitled“ von 2015 aus Holz, Polyurethan, Epoxidharz und Betadine, einem Wunddesinfektionsmittel mit Jod. Sie sehen aus wie verdunkelte Fenster, transparent und opak zugleich, eine weitere Hommage an Sturtevants nach-Duchamp’sches „Fresh Window“. Keine Chance auf einen Blick nach draußen, über die Oberfläche hinaus, unter die Haut des Künstlers. Das Lied voller Pathos durchbrach die übliche sterile Kommunikation und sprach die Gefühle des Publikums an, war aber auch ein bewusst gesetzter Zug, um den Künstlerhype zu brechen und ihn gleichzeitig mit trockener Coolness zu befeuern.

_______INSERT_______

Solo bedeutet natürlich allein, und Madison zog erfolgreich alle emotionalen Register. Ich erinnerte mich an Andy Kaufmans Auftritt in der David- Letterman-Show 1980, als der Stand-up Comedian das Scheitern seiner Karriere eingestand, seine Zerbrechlichkeit allzu sehr hervorkehrte und schließlich das Publikum um Spenden bat, bis jemand von Lettermans Team einschritt. Madison: „Das Lied ist technisch schwer zu singen. Ich wollte die Erwartungen herunterschrauben – die große Galerieeröffnung, Leute, die kommen, um zu sehen, ob man scheitert oder es schafft –, aber auch eine fragile Atmosphäre erzeugen und die Stimmung killen.“ Die Entscheidung für Scott Walker war ein weiteres Statement, denn „gerade als die Gegenkultur normaler und zu Mainstream wurde, wurde Walker radikal konservativ und stilisierte sich als Außenseiter.“ Ich vermute, dass man sich genauso als Insider stilisieren kann. Jedenfalls habe ich mich gefreut, Madison als Model für Brionis Herrenmodekampagne FW2015 zu sehen. Ein Glamorama-mäßiger Volltreffer, um den guten alten Bret Easton Ellis zu zitieren: „Out is in. In is out. … Wenn man dir das erklären muss, dann bist du womöglich in der falschen Welt.“

Aus dem Englischen von Nikolaus G. Schneider

_______INSERT_______

Tobias Madison, geboren 1985 in Basel, lebt in Zürich und Los Angeles. Ausstellungen: Kestnergesellschaft, Hannover (solo) (2016); KW Institute for Contemporary Art, Welcome to the Jungle, Berlin; Troedsson Villa, Kitchen Show, Pot au Fou, Nikko, Japan; Galerie Francesca Pia, Zürich (solo) (2015); Freedman Fitz patrick, Deficiency Depletion, Los Angeles (solo); Carnegie International, Pittsburgh; Fridericianum, Speculations on Anonymous Materials, Kassel; The Power Station, Drip Event (mit Emanuel Rossetti & Stefan Tcherepnin) Dallas; The Green Gallery, TalkTalkTalk (mit Kaspar Müller), Milwaukee; Kunsthalle Zürich, NO; NO; H, Zürich (solo) (2013). Vertreten von: Galerie Francesca Pia, Zürich; Freedman Fitzpatrick, Los Angeles; The Modern Institute, Glasgow.

Barbara Casavecchia ist Autorin und lebt in Mailand

Dieser Text ist der Printausgabe SPIKE ART QUARTERLY N° 46 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.