Q/A Jan Ritsema

Gibt es einen Weg aus der Selbstausbeutung?

Die westliche Kunstwelt hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem ausgebreitet. In den 1950ern lebten in New York 800 Künstler, heute sind es 80.000. In vielen Ländern gibt es mehr Künstler als Soldaten. Die Armee der Künstler wird begleitet von einer Armee von Administratoren, Organisatoren, Kuratoren und Kritikern.

Zwischen den beiden Weltkriegen gab es in jeder katholischen Mittelstandsfamilie einen, der in der Armut des Klosters lebte und die Seelen der anderen rettete. Heute rettet er die Seelen der Seinen im prekären Leben der Kunst. „Mein Sohn ist Choreograf, er tanzt heute Abend in Bukarest“; „Meine Tochter ist Filmemacherin, sie ist beim Videofestival in Athen eingeladen“: Fantasien vom Dabeisein an der vordersten Front des Kapitals.

Nachdem Künstler als Vertreter des Kapitals bei der Gentrifizierung der großen Städte gedient haben, dienen sie nun als Vertreter und Entdeckungsreisende bei der Kolonisierung der restlichen Welt. Künstler sind Ausdruck und Verkörperung westlicher Werte, wie etwa des freien Individualismus. Sie tragen diese Werte in sich und verbreiten sie gutgläubig weiter. Sie sind oft als dessen Gegner getarnte Missionare des Kapitals. In ihnen zeigt sich die ganze Perversität des Kapitals.

Die Zeit der großen Künstler ist vorbei. Heute ist man höchstens drei bis fünf Jahre lang berühmt, um dann von anderen Talenten ersetzt zu werden. Künstler zu sein ist heute weniger eine Profession als ein Lebensstil. Der Künstler ist Herr über seine eigene Zeit und seinen eigenen Raum. Das klingt wie das Paradies, wären Künstler nicht ständig damit beschäftigt in scheinbarer Freiheit, dabei kaum bezahlt, verzweifelt Bewerbungen zu schreiben – frei und prekär. Der Künstler managt seine Tätigkeit rund um die Uhr. Er ist gerne mobil und zieht ein gutes Leben einem hohen oder verlässlichen Einkommen vor. Das ist die Zukunft, wie die neoliberalen, semio-kapitalistischen Ökonomien sie für ihre Arbeitskräfte planten: Alle sind ständig im Urlaub und managen dabei ganz auf sich gestellt rund um die Uhr ihre Arbeit, während das Kapital weiterhin über die Profite herrscht. Viel mehr Menschen werden von Sklaven der Arbeit zu Sklaven ihrer selbst werden. Künstler scheinen die Entdecker dieser neuen Ökonomie zu sein, ihre Versuchskaninchen und Werbeträger.

Künstler sind auch dezentralisierte Fabriken, die Verknappung herstellen. Unikate, schwer zu bekommen. Verknappung ist der Antrieb des Kapitals. Sie schafft ein Verlangen nach  dem Seltenen. Verknappung fördert auch Einzigartigkeit. Man ist etwas Besonderes wenn man sich mit seltenen Objekten umgibt. Außerdem erzeugt Verknappung Reichtum. Das Kapital braucht Ungleichheit. Es muss die Reichen feiern. Sie werden als Helden dargestellt, als die Erfolgreichsten. Nicht als die Diebe und Kriminelle, die sie sind. Die Reichen investieren in Kunst, an deren Mangel sie verdienen.

In fünfzig Jahren werden unsere Enkel mit demselben Unglauben auf diese Arbeitsverhältnisse zurückblicken wie wir auf Sklaverei und Leibeigenschaft. Die Zeiten, die Sartres berühmten Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ hervor brachten, sind fast vorbei. Menschen teilen mehr Zeit, Raum, Wissen und Information als je zuvor. Eine Art „Rationaler Altruismus“ setzt sich durch. Der Glaube, dass das Wohl anderer dein eigenes Wohl fördert; dass deine Gesundheit mehr wert ist, wenn andere auch gesund sind; dass deine Ausbildung mehr bringt, wenn auch andere eine gute Ausbildung haben; und dass deine Wirtschaft floriert, wenn auch andere  Zugang zu deinem Markt bekommen. Doch diese Ökonomie des Teilens mindert die Angst vor dem Anderen nur um den Preis, dass sie ihn rückverfolgbar macht und davon abhängig, dass andere ihn empfehlen.

Die gute Nachricht ist, dass der neoliberale Kapitalismus bei weitem nicht die einzige Wirtschaftsform ist, die wir haben. Es gibt andere, und eine ist sogar noch größer: die geldlose Wirtschaft. Wir tun vieles ohne Bezahlung, ohne dass wir darüber nachdenken oder eine große Sache daraus machen. Wir tun es einfach, weil wir es tun und weil wir denken, dass es richtig ist. Was den Umfang an Austausch und Zeit angeht, ist diese geldlose Ökonomie viel größer als die Geldwirtschaft. Denk Dir zwei Leute: Du und ich. Wir sind schon genug um anzufangen. Wir versuchen so viel zu teilen wie wir möchten. Es gibt keine Verpflichtung. Man muss nicht zu gleichen Stücken teilen. Teile langsam mehr, entweder indem Du den Grad der gemeinsamen Nutzung erhöhst oder indem Du neue Güter und Dienste hinzufügst, mehr Zeit und Raum. Nach und nach erlaubst Du anderen einzusteigen. Wir werden 10, 100, 1.000, 10.000 und so weiter. Gemeinsam haben alle mehr als sie vorher alleine hatten.

Wir wollen keine Zeitbank sein: Ich arbeite eine Stunde in Deinem Garten, Du kochst eine Stunde für mich. Nein, kein Vergütungssystem. Das gehört zur alten Welt, der Welt in der wir leben. Einfach tauschen. Es ist egal. Kein Kalkulieren, keine Verhandlung: einfach uneingeschränktes Teilen. 

 

Der Niederländer Jan Ritsema (*1945) ist Theaterregisseur, Choreograf und Performer. 2006 gründete er das von Künstlern geführte Residency-Programm Performing Art Forum in französischen St. Erme, wo sich jährlich rund fünfhundert Künstler unterschiedlicher Disziplinen zusammenfinden.