Q/A Gustav

Worin liegt das Glück der Lohnarbeit?

Jeans Team sangen damals: „Oh Bauer / Nimm mich mit / Auf die Felder … Zu den Tieren / In die Wärme/ Zu dem Futter / und dem Stroh“. Da wird eine Sehnsucht formuliert, eine Sehnsucht nach Einfachheit und Eindeutigkeit. Man ist ja nicht nur Bauer von neun bis fünf, man ist immer Bauer. Das ist kein Beruf im klassischen Sinne, sondern ein Lebensentwurf. So gestaltet sich dann auch meistens eine KünstlerInnenexistenz. Kühe füttern – Bücher lesen, Getreide ernten – Texte produzieren … geträumt wird von elektrischen Schafen. Dinge, die dich umgeben, Menschen die du triffst, mit denen du dich austauscht, informell wie professionell, definieren deinen so zialen Status, werden Distinktionstools und Teil deines zu kultivierenden Feldes, deines kulturellen Kapitals.

Als Ein-Mann-/Ein-Frau-Unternehmen „KünstlerIn“, zu dem es wie selbstverständlich gehört, AutorIn, ProduzentIn und MarktschreierIn in einem zu sein, findet man sich in einer perma nenten Performance von existenziellem Antrieb (ein Bauer muss tun, was ein Bauer tun muss), personifiziertem Aufstiegsversprechen (Aner kennung, Hochkultur, Preise), medialer Selbstdarstellung und Inszenierung wieder, die sich bis in die vertraulichsten Ecken deines Wesens fortund festschreibt.

Unter dem Diktat des Neoliberalismus wurde dieses Format, diese Verschmelzung von Lebens-, Arbeits- und Verkaufsmodell, diese absolute Durchdringung und Vereinnahmung, eine Art Testballon für ein gesamtgesellschaftliches Konstrukt.

Als Konsequenz muss man sich erneut mit der Frage auseinandersetzen, wie man sich als KünstlerIn in dieser Ausgangslage definiert. Gustav war für mich immer auch ein Tool, das nicht unmittelbar mit meiner Persönlichkeit zu tun hatte, sondern das mir vielmehr ein Ausloten von Grenzen und Gesetzmäßigkeiten erlaubte. Dazu gehört auch ein mediales Bild mitzugestalten, es zu rekonfigurieren oder sich Prozessen auch mal bewusst zu entziehen. Anfangs war Musikmachen eine Notwendigkeit. Die bestgeeignete Möglichkeit Inhalte und Fragestellungen zu kommunizieren. Durch das Komponieren für Film und Theater ist Musik für mich großteils ein Job geworden. Nun kommt der konkrete Auftrag: Mach Musik. Die bisher gelebte KünstlerInnenexistenz, die Einheit von Privatem und Arbeit, hat sich wieder aufgesplittet. Ich geh zur Arbeit. Sitze acht Stunden am Tag im Studio. Mache das, was ich gut kann. Komponieren, Produzieren, Arrangieren. Danach geh’ ich heim. Klappe zu.

Das ist eine pragmatische Entscheidung – einerseits für eine Form von Handwerk. Andererseits ist es eine Art Befreiung, meine Gedanken, meine Notwendigkeit nicht entäußern zu müssen um im digitalen Strom, im Kapitalstrom, mitzuschwimmen.

Unter dem Bandnamen Gustav veröffentlichte Eva Jantschitsch die viel beachteten Alben „Rettet die Wale“ (2004) und „Verlass die Stadt“ (2009). Seitdem hat sie verschiedene Auftragswerke für Theaterproduktionen komponiert. 2013 erhielt sie den Österreichischen Filmpreis für den Soundtrack zum Film „Grenzgänger“ von Florian Flicker. Zur Zeit spielt Gustav in der Neuinszenierung der „Proletenpassion“ (1976) am Theater X in Wien.