q/a Jack Halberstam

 Jack Halberstam Foto: Assaf Evron

Was können wir von Kindern über Widerstand lernen?

Was nach Rebellion oder Widerstand klingt, schiebt man in unserer Kultur gern auf Kinder ab, nennt es unreif, irrational und fragwürdig. Daher halten wir Widerstand oft für ein simplizistisches Verständnis von Machtverhältnissen und wenden uns komplizierteren Konzepten von Beherrschung und Unterwerfung zu. Tatsächlich verstehen Kinder viel mehr vom Beherrscht-, Regiert- und Gelenktwerden als die meisten anderen. Bis zur Pubertät haben sie kaum Macht, kein Mitspracherecht und sehr wenig Autonomie. Ihre Leben sind nach dem Terminkalender ihrer Eltern geplant und durchorganisiert. Kinder werden heute nicht wie früher "gesehen, aber nicht gehört“, sondern bevormundet, ohne ernstgenommen zu werden. Während man sie von einem Programmpunkt zum nächsten karrt, von Freunden zum Schwimm-unterricht, vom Schwimm-unterricht zur Familienfeier, bleibt ihnen kaum Zeit zu fantasieren, nachzudenken oder sich in ein Spiel zu versenken. Kinder müssen sich entweder fügen oder sich wehren. \

Was Kinder vom Leben, von Verkörperung, Kunst und Macht wissen, wird nur selten gefördert, sondern eher als naive Version dessen abgetan, was Erwachsene ohnehin schon wissen.

Dabei erleben Kinder die Welt offenbar ganz anders als Erwachsene, begeistern sich für andere Materialien, lachen und weinen in anderen Situationen. Warum fühlen sich Kinder zum Beispiel so hingezogen zu Kitsch (Glitzer), zum Klebrigen (Pampe aller Art), dem Chaotischen und Animalischen? Haben Kinder immer einen schlechten und anderen Geschmack als Erwachsene? Haben Kinder einen taktilen Zugang zu Ästhetik und zu Erfahrung schlechthin (Fingerfarben zum Beispiel), den Erwachsene verlieren sobald sie in konventionellen Ordnungen leben, die auf Stabilität und Ruhe bauen, nicht auf Chaos und Durcheinander? Und warum muss eigentlich das Kindische für all das herhalten, was man angeblich ablegen muss, um erwachsen zu werden? Anders gesagt, Kinder kennen sich mit Widerstand aus, weil sie Widerstand leisten müssen, wenn ihr Leben für sie und nicht nur für ihre Eltern erfüllend sein soll. Kinder wissen, dass Widerstand aus wiederholtem Neinsagen besteht, dass er laut und chaotisch ist und dass ein "Nein“ zur richtigen Zeit jede Familienunternehmung beenden kann. Klar, wenn wir älter werden, wird der Widerstand schwächer. Wir verlieren unseren Trotz, und wo wir früher Nein sagten, geben wir heute nach.
 
Das Wilde der Kindheit, die nonverbalen, antinormativen, regellosen Choreographien der kindlichen Erfahrungswelt, geht unter den Doktrinen von Anständigsein, guten Manieren und angenemessenem Umgang schnell verloren. Tatsächlich braucht man Eltern, die undiszipliniertes Verhalten fördern statt es zu unterdrücken. Und Kinder, die sich nicht fügen, nicht brav sind und sich nicht den Ideologien unterwerfen, die ihre Eltern von ihren Eltern übernommen haben. Das lernen wir von Kindern: Will man Widerstand leisten, muss man wild bleiben.— 

Aus dem Englischen von Robert Schlicht

JACK HALBERSTAM hat eine Professur für Amerikanistik, Ethnicity Gender Studies und Vergleichende Literaturwissenschaften an der University of Southern California. Halberstams letztes Buch "Gaga Feminism: Sex, Gender and the End of Normal“ ist 2012 bei Beacon Press erschienen und diskutiert Lady Gaga als Beispiel für einen neuen Feminismus, der für Gender- und sexuelle Fluidität einsteht.

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 46 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.