Q/A João Ribas

Wer ist der Dieb?
 Foto: Filipe Braga

Alle stehlen. Wi-Fi vom Nachbarn, Stifte aus dem Büro, Filme aus der Cloud. Überlegen wir einmal, wie viele Dinge gestohlen werden können: Herzen, Identitäten, Passwörter, Geld, Ideen, Blicke, Handys. Im Prinzip kann man alles von irgendwem stehlen. Nach Marcus Felsons und Lawrence Cohens klassischen drei Säulen des Verbrechens ist alles, was man dafür braucht, ein motivierter Täter, ein Objekt der Begierde und niemanden da, der aufpasst. Nicht Gelegenheit macht Diebe, vielmehr ist ihre Szenografie Grund für das Verbrechen; die relative Moral des Diebstahls, die seine improvisierte Durchführung ermöglicht.

Der Dieb ist tatsächlich ein Künstler des Mangels, ein Handwerker der Abwesenheiten. „Das Tun des Diebes ist eine Folge von kargen, aber glühenden Gesten und Taten“, schreibt Jean Genet über das Lyrische am Diebstahl. Wie ein Kunstwerk – eines, wofür es per se nie ein Publikum geben kann – entschädigt uns der Dieb für seine Tat mit Affekten: Angst, Sorge, Melancholie, Wut. Also ist der Dieb der wahrste Materialist, der den Wert der Dinge kennt, seien sie trivial oder grandios, libidinös oder nebulös. Obwohl zweifellos eine analoge Figur kündigt der Dieb die Asymmetrien der Cloud an, fügt sich nahtlos in die komplexe Ökonomie von Zirkulation und (Un-)Aufmerksamkeit. Dein Handy ist geklaut, dein Leben ist im Arsch. Die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts hat uns viel über den Künstler als Dieb gelehrt. Es gibt den Plagiator, der die Worte eines anderen stiehlt; und es gibt den, der sich die Bildereines anderen aneignet. Diese Art von Diebstahl beinhaltet Gesten und Handlungen, die sich zwischen Recht und Ästhetik bewegen, wie sich am vielsagenden Wortwechsel in der Verhandlung von Richard Prince und dem Fotografen Patrick Cariou zeigt, der den Künstler wegen Urheberrechtsverletzung anklagte:

Q: Wollten Sie eine neue Bedeutung oder Botschaft kreieren?
A: Nein.
Q: Noch einmal, was ist Ihre Absicht, was machen Sie daraus?
A: Ich möchte gute Kunstwerke machen, über die sich die Menschen freuen.

Diebstahl in seinen aktuellen (post-juristischen) kulturellen Formen tauscht neue Bedeutungen gegen gute Gefühle. Wenn wir jetzt den Künstler-als-Dieb kennen, was ist dann mit dem Dieb-als-Künstler?
Die Bande in Robert Bressons Film „Pickpocket“ (1959) betreibt eine Profession, die in der post-digitalen Welt kaum mehr existiert. Mit geschickten Fingern und der Präzision eines Tänzers gleiten sie zwischen die Falten eines Jacketts um eine Geldbörse herauszuziehen oder den Verschluss einer Armbanduhr in einer einzigen Bewegung zu öffnen. Das ist die verlorene Kunst des Diebstahls. Genet – der Prostituierte, Schreiber, Dichter und Dieb – bleibt sein größter Lobredner: „Es besteht demnach ein enges Verhältnis zwischen Blumen und Bagno-Insassen … Habe ich einen Sträfling – oder einen Verbrecher – darzustellen, so schmücke ich ihn mit so viel Blumen, dass er selbst zwischen ihnen untertaucht und als andersgeartete, übergroße Blume neu ersteht.“

 

João Ribas ist Deputy Director und Senior Curator am Serralves Museum of Contemporary Art in Porto. Zuvor war er Kurator am MIT List Visual Arts Center in Cambridge, Massachusetts (2009–13), und am Drawing Center in New York (2007–09).

Aus dem Amerikanischen von Roland Bartl