Q/A Nik Kosmas

Warum haben Sie als junger erfolgreicher Künstler Ihre Karriere beendet?
 Nik Kosmas am Gewichtheben

Irgendwann stellte ich fest, dass ich einem Fremden nicht mehr überzeugend erklären konnte, was ich tue. Diese totale Subjektivität, „Werke“ in einem Feld herzustellen, in dem im Prinzip alles möglich ist – Kritisches oder Unkritisches, Ästhetisches oder Konzeptuelles, Materielles oder Immaterielles. Solange man es „Kunst“ nennt. Ich hatte das Gefühl, von den Möglichkeiten erstickt zu werden, ohne Bewertungskriterien zu haben. Vielleicht machte sich auch so etwas wie ein „Hochstaplersyndrom“ bemerkbar. Ich hatte den Eindruck, dass jeder jederzeit bemerken könnte, dass alles, was wir machten, Quatsch war. Solch tief sitzende Ängste kommen wahrscheinlich daher, dass Kunst allgemein nicht mehr so relevant ist. 

Als Teil des Kollektivs AIDS-3D gehörte ich zum Genre „Post-Internet“, in dem irgendwie „digitale Lebensstile und ihre Folgen verhandelt werden“. Zuerst machten wir da gerne mit, in unserer postapokalyptisch okkulten Tech-Dystopie-Manier. Dann entwickelte sich unsere Arbeit weiter zu Projekten wie „The Jogging“. Wir machten Skulpturen aus Laufschuhen, Wassertröpfchen und billigem Zeugs, die wir dann in großen Editionen für 3.000 bis 12.000 Euro verkauften. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es nicht nur keinen Sinn, sondern auch keine respektable Zukunft hat, immer nur Innovationen aus anderen Bereichen zu kritisieren oder sich arrogant darüber lustig zu machen. 

In meinen Jahren als Künstler spielte ich in der „Freizeit“ Schach und machte Sport. Diese Hobbys fand ich anziehend, weil sie so fokussiert sind. Ich las Bücher und versuchte, mein Training an wissenschaftlichen Prinzipien auszurichten, um klar definierte Ziele zu erreichen. Viel Zeit investierte ich auch, um etwas über Ernährung, Science Fiction, Weltgeschichte und Politikwissenschaften zu lernen. Das war bestimmt eine Reaktion auf die „hot mess“ der jungen Berliner Kunstszene. 

Wenn man ein gewisses Erfolgslevel erreicht hat, kann man Kunst nur mit einer Mischung aus Begabung, Egoismus und Pragmatismus weiterbetreiben. Man muss die Zweifel am eigenen ichzentrierten und marginalen Miniterritorium von maßgearbeiteten Hacks industrieller Prozesser und „Themen“ besiegen, um weiterhin „inspiriert“ und „relevant“ bleiben zu können. Dann erledigen die Upper-Class-Galeristen und Sammler, also die einzigen, die wirklich auf dich zählen, den Rest. Und das Wunder des Erfolgs geschieht, aber es bleibt zerbrechlich. Dein ganzer „Diskurs“ besteht in Wahrheit aus zu wenigen Leuten, als dass er stabil wie ein gesunder Markt sein könnte. Die eigene Existenz und der Lebensunterhalt sind daher in Wahrheit sehr fragil. Man kann nur überleben, wenn man immer in der „Kunstblase“ bleibt. Das heißt: für Stipendien ansuchen, unterrichten, hin und wieder einen Auftrag für den öffentlichen Raum annehmen (besonders, wenn du aus einem der kleinen, reichen sozialistischen Länder Europas kommst, die Künstlern absurde Summen zahlen, um Dinge von zweifelhaftem Nutzen herzustellen :)). Ich wollte also zurück in die „reale Welt“. Dort gibt es zwar viel mehr Wettbewerb, und, ja, man arbeitet für ein größeres, sprich anspruchsloseres Publikum (und daher sind die Dinge viel effektiver und wichtiger). 

Mein Freund Martin hatte aufgehört Skulpturen zu machen und eine Firma gegründet, die auf Amazon Transformatoren verkauft. Zwei Jahre nach seiner Firmengründung startete ich mit Daniel Keller – zusammen waren wir AIDS-3D – ein neues Unternehmen/Kunstwerk mit dem Namen „Absolute Vitality Inc“. Das war eine in Wyoming (Steueroase) registrierte Firma, die durch abstrakte Finanzmanipulationen in der Kunstwelt Profite machen sollte. Allerdings war das total uninteressant und ich wurde noch desillusionierter. Die Sache war sehr einfach und parasitär, die Erfolgskriterien hingegen blieben wieder völlig unklar. Martins Projekt war unspezifisch, aber die Kriterien waren mehr als klar: verkaufte Einheiten, Wachstumsraten, Amazon-Rezensionen mit fünf Sternen. Martin „machte“ das, über was wir uns nur lustig machten oder kommentierten.

Vor zwei Jahren begann ich dann Smoothies herzustellen und probierte dazu alle möglichen Additive aus – von n-Tyrosin bis Phycocyanin. Martin wollte mit seiner Firma expandieren, worauf ich ihm vorschlug, einfache Zusätze wie Maca oder Spirulina zu verkaufen. Er war dafür offen, und wir begannen auf panjiva.com zu recherchieren, wer die größten chinesischen Lieferanten in die USA waren. Wir ließen uns Unmengen von Produktproben schicken: von Seidenaminosäurepulver, das aus Spinnennetzen gewonnen wird und wie eine Mischung aus Melone und irgendetwas Ekligem schmeckt, über „Potenzmischungen“ für Männer bis zu den Zutaten für die „intelligente Droge“ CILTEP. Dann kamen wir auf Matcha, Grünteepulver, weil das die beste Marge hatte. Wir bestellten ein paar Proben aus China, aber sie schmeckten alle grauenhaft. Schließlich fanden wir gutes Matcha in Japan und gründeten gemeinsam mit dem Spitzentexter Bitsy und ein paar anderen Maru Matcha. Seit kurzem können wir endlich auf Amazon verkaufen und haben auch eine eigene Webseite. 

Außerdem schaffe ich Kniebeugen mit 120 kg Schulterauflage samt Wiederholungen und 150 kg beim Gewichtheben. Ich reiße also mehr als mein eigenes Gewicht und werde jeden Tag besser! 

Langfristig ist mein Ziel, gut definierte Nischen für Produkte zu finden, die viele Menschen „betreffen“ (es geht um den Körper): Tee, Schuhe, Nahrungsmittel, vielleicht mal Architektur und darüber hinaus. Ich trainiere und lerne die ganze Zeit und versuche meine Leidenschaft und Begeisterung für das, was ich tue, nicht zu verlieren. 

Aus dem Amerikanischen von Thomas Raab

 

Nik Kosmas (*1985 in Minneapolis, lebt in Berlin) gründete 2006 gemeinsam mit Daniel Keller das Künstlerkollektiv AIDS-3D. Ihre Installationen, internetbasierten Arbeiten und Performances pendeln zwischen den Themen technische Innovation, freie Sexualität, freie Marktwirtschaft und künstlerische Autonomie. AIDS-3D löste sich 2013 auf, seitdem betätigt Kosmas sich als Denker, Erzieher und Entrepreneur.