Q/A Rachel Rose

Wie malerisch sind deine Videoarbeiten?
 Portrait Rachel Rose

Im Malereistudium lernt man natürlich einiges, zum Beispiel die Gravitation des Bildrands zu verstehen. Beim Komponieren einer Einstellung oder eines Schnitts geht es immer um die Anordnung von Dingen innerhalb eines Rechtecks oder Quadrats. Oder das Wissen um Farbe – das sind Grundlagen der bildenden Kunst, die man von der Malerei lernen kann. Was ich mit der Malerei nicht kann, mit Video aber schon, ist die Technologie, die ich verwende, mit der Struktur und der Grundstimmung eines Projekts in Beziehung setzen. So kann ich die Stimmung in der Zeit modellieren. Ich betrachte den Schnitt selbst als Oberfläche, über die ich zum Inhalt vordringen kann, ihn als das sehen, was er ist: Form, Textur und Rhythmus im Verhältnis zu den anderen Schnitten. Ich versuche eine Arbeit so zu konstruieren, dass sie eine autonome Perspektive hat, fast als hätte sie einen eigenen Körper mit einer eigenen kaleidoskopischen Art zu sehen. Ich werde immer gefragt, mit welchen Programmen ich arbeite, aber es sind nur Adobe Premiere und After Effects und dazu noch Soundsoftware. Für „A Minute Ago“ (2014) verwendete ich ein VHS-Video von Philip Johnson, wie er kurz vor seinem Tod eine Führung durch sein Glass House gab, und rotoskopierte ihn aus dem Interview heraus. Dann filmte ich im Glass House und stellte das ursprüngliche Interview Einstellung für Einstellung nach: dieselben Aufnahmewinkel, dasselbe Licht, dasselbe Timing. Als ich Johnson für die Endfassung wieder einsetzte, war es, als bewegten sich diese beiden verschiedenen Zustände gemeinsam. Ich nehme mir nie vor, mit Bildern von Malereien zu arbeiten, aber dann tauchen sie zufällig doch immer auf. Vielleicht weil eine Malerei zwei Dinge auf einmal ist: physisches Material und ein bestimmtes Verhältnis zu ihrer Zeit und unserer Geschichte. Im Schnitt setze ich Malereien wie eine Schwelle ein, an der scheinbar ungleiche Dimensionen und Zeiten aufeinander treffen. In „A Minute Ago“ war es Poussins „Das Begräbnis des Phokion“ (1648), die einzige Malerei in Johnsons Glass House. Sie zeigt einen Leichnam, der zum Begräbnis getragen wird, wobei er in Poussins klassischem Realismus für immer am unteren Rand der Leinwand verharrt. Der Tote wird nie begraben, er bleibt unterwegs. Er ist eingefroren, so wie ich Johnson zeige: ein verschwommenes Gespenst, das für immer durch sein kristallenes Glasmausoleum schleicht. 

Aus die Amerikanischen von Christian Kolbalt

Rachel Rose (*1986) ist Künstlerin und lebt in New York.