Real Time

Kolumne
 Standbild aus Mark Leckey, „Dream English Kid 1964 - 1999 AD“, 2015   

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Es ist ganz schön spät am Abend. Ich bin jetzt endlich bereit, das 7000-Zeichen Puzzle zu beginnen. Ich wische eine Salzperle von der Stirn. Alles entkrampft sich langsam. Wieder freundlich die eigenen Wände angucken. Denn der Talk am anderen Ende der Stadt, zu dem man ja eigentlich (als Zuschauer!) gehen wollte, sollte, musste, ist nun endlich vorüber.  

Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit - er zündet dieser Tage besonders verheerend an den Frontlinien verpasster Veranstaltungen. Die meisten Bomben im Kopf detonieren dort, wo man bereits „Teilnehmen“ gedrückt hat. 

Das schnell ausgebuchte Panel „Wie - Gegenwartskunst?“ hatte ich geschwänzt, war nicht in den Neuen Berliner Kunstverein, wo eine Starbesetzung sich mit der lächerlich großen Frage „Was ist Kritik?“ herumschlug. Ohne mich - auch die Transmediale, die, weil sie schlau ist, in diesem Jahr erstmals auf die Ausstellung von Kunstwerken verzichtet und nur noch Talks und Lectures ausrichtet. Die ganze Transmediale nun ein einziges „Conversation Piece“.   

Ausschließlich dialogisch sind die brennendsten Themen des Jetzt zu begreifen. Und vor allem: Zu erleben. Hingehen. Dabei sein. Irgendwas nach Hause mitnehmen. Ich rufe Armen an (im Geiste!). Armen Avanessian, du mein Bruder, du mein Philosoph! Immer wenn wir uns sehen, willst du mir das Phantasma einer prallen Gegenwart und eines emphatischen Jetzt austreiben. Aber immer wenn ich dich sehe, scharrst du einen Haufen von Menschen um dich, die beim Live-Philosophieren zugucken. Bitte erkläre diesen Grundwiderspruch.

Früher war die Frage stets: Wovon handeln wir? Seit neuestem will man wissen: Wo gehen wir hin? Das macht massiv Stress. Vor genau 100 Jahren wohnte Wladimir Iljitsch Lenin in der Zürcher Spiegelgasse, gleich um die Ecke vom Cabaret Voltaire, wo Ball und Hennings, Tzara und die Rest-Dadaisten etwas komplett Neues erfanden. Sie auf der Bühne, darunter ein paar Zuschauer, die mit Gegenständen nach ihnen warfen. Gemeinsam aber hatten sie: Ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Was die Dada-Akteure miteinander verband, war eine starke Vorstellung von einer Welt außerhalb der Kunst, für die sie unterschiedlichste Formen fanden, die sie jedoch stets gegen die eingefahrenen Selbstbezüglichkeiten der Kultur in Stellung brachten.

Gerade heute ist Dada das Thema, weil es unvorstellbarer denn je scheint, dass so etwas wie ein Außen überhaupt existiert aka ein Anschluss daran möglich ist. Deswegen gehen wir zu den redenden Menschen, um sie und die Atmosphären und uns darin zu spüren. Auf dass sich die Ahnung einer Hoffnung aus einem echten Mund direkt vor uns auftut. - Wohin jetzt?! 

Der Künstler Mark Leckey ist recht spät zum System Kunst gestoßen, er hat auch einmal zehn Jahre lang gar nichts produziert und gilt heute als Ahnherr einer jungen Generation von Künstlern, die immerzu schaffen schaffen schaffen müssen. In seiner ultramelancholischen neuen Videoarbeit bei Buchholz geht es allerdings wieder einmal nur um ihn selbst, seine eigene Geschichte aus reinen Gegenwarten, und wie er durch Technik und Pop zu einem Menschen wurde. 

Im Anschluss beim Dinner im Diener in Charlottenburg überschlagen sich die Gesprächsfetzen, Wolfgang Tillmans fotografiert irgendwann wild durch Wörter im Rauch. Es wird endlich gelabert, gebrabbelt und gelallt. Und dann im Schimmerlicht, wenn die berühmteste Kunstkritikerin Ingeborg Wiensowski, die einem gerade eben alles über Sturtevant (und vor allem alles über Sturtevant und ihre kleinen Hunde) erzählt hatte, den Joint mit einer erhabenen Lässigkeit an Isa Genzken weiterreicht, und flockigst an das Gespräch anknüpft, dann ist alles erreicht, was die Nacht will. Gemeinsam mit Mark Leckey verlassen wir das Restaurant. Er trägt eine Pyjama-Hose und lacht wie ein Dream English Kid

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.