REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Ich traf einmal die Künstlerin Bunny Rogers unterm Brandenburger Tor. Es war mitten im Sommer. Es war so: 

Sie torkelt auf ihren langen, dünnen Beinen durch die Stelen und trägt ein Cry-Baby-Frottee-Kleid für Kinder. Ein Freund begleitet sie. Er schultert eine Gitarre, hat wirres Haar und ein Notitzheft in sein amerikanisches Hemd gestopft. Von weitem sehe ich, dass Bunny immer wieder gegen ihn fällt. Er verabschiedet sich. Bunny und ich gehen in den Tiergarten, setzen uns auf eine Bank, ich packe zwei Capri Sonne aus. Kirsche und Safari, sie nimmt Kirsche. Capri Sonne schien mir am Kiosk zu Columbine zu passen. Denn über das Columbine High School massacre arbeitet sie ja. Sie sagt, sie liebt Capri Sonne, und spricht es so aus: Käipri ßon. 

Damals hatte sie ihre erste Soloshow in der Galerie Société, sie hieß „Columbine Library“, selbst genähte Rucksäcke hingen schlaff über Stühlen, die aussahen als wären es Abbildungen aus einem Comic, das aufgeschlagen in einem Kinderzimmer liegt. Zwei Videos, in denen eine animierte Figur Poesie vorträgt. Ein großes Regal mit traurigen Plüschtieren. Es regnete irgendwie in dieser Ausstellung. Und es ging um Unschuld. 

Bunny, muss man sich vorstellen, spricht mit der monotonsten amerikanischsten Stimme, die es auf der ganzen Welt gibt. Ihre Schultherapeutin fragte sie einmal, ob sie Depression habe, sie hat gesagt: Klar. Sie erzählt und erzählt, gaaaaaanz langsam, wie in Watte, und nickt zwischendurch immer wieder ein. Irgendwann nicke ich einfach mit. An uns vorbei flanieren die Männer auf den Bierkarussells, die einen Flamenco-Junggesellen-Abschied feiernden Frauen und wieder einmal ist nicht klar: Sind die oder wir die Verrückten. Der Löwe muss es entscheiden. Der Löwe aber guckt weg. Er wird auf uns aufpassen, weiß Bunny. Als sie später am Pariser Platz bei Rot in die Autos rennt, sagt sie: Es passt immer jemand auf mich auf. Früher wollte sie sich umbringen, früh sterben. Jetzt nicht mehr. Jetzt schon eigentlich auch noch, aber ihre Eltern brauchen sie. Bunny scheint perfekt zu sein. Sie kann gut häkeln und Webseiten bauen. Sie hat sehr viele Freunde im Internet. Sie sieht aus wie ein ukrainisches Model und ist Theoretikerin von Haarbändern, liest niemals und schreibt die todtraurigsten Gedichte. Und sie produziert immer wieder ganz tolle Stühle. „Möbel“, sagt sie, „funktionieren als Behälter von Geschichte. Die Stühle, Tische und Bücherregale in Columbine halten die Erfahrungen in sich.“  

Natürlich fühlte ich mich damals sehr dumm neben ihr, ich wusste intuitiv, dass sie mehr wusste. Zwar nicht in Worten, aber trotzdem. Oder gerade deshalb. Selbst Möbel wussten scheinbar mehr als ich. Und erst recht die Bäume. Sie standen still und schimmerten im hellsten Sonnenlicht und kannten das Geheimnis, aber ich kannte es nicht. Es säuselte in den Bäumen, sie flüsterten, aber ich konnte es nicht verstehen. Bunny steckte sich noch eine Marlboro Menthol an. Ich schmiss die Capri Sonne Safari in den Müll.

Der Mensch muss für Littleton, für Erfurt, für Emsdetten und für Columbine, für die irren Morde von Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17)  Erklärungen finden, die zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer in der Schulcafeteria und in der Bibliothek umbrachten. Bunny liefert die logischerweise nicht. Aktuell läuft ihre zweite Ausstellung bei Société: „Columbine Cafeteria“. Bunny Rogers ist ein Medium für die Subjektivität eines jungen Mädchens, aber auch die komprimierten Gefühle von jungendlicher Isolation und Unordnung, deren kollektive und konstruierte Affekte sie, statt sie auseinander zu fädeln, immer weiter und weiter durcheinander- und ineinander fädelt. Zu Ikonen. Man kann die Ausstellungen von Bunny Rogers nicht ansehen, ohne an den Film „Elephant“ von Gus van Sant zu denken. Und also ohne die dort immer wieder gespielte Mondscheinsonate zu hören.

Damals, als ich mit Bunny im bundesdeutschen Tiergarten saß, mit Preußen, Goethe, und den ganzen dicken Besuchern, da wusste ich, dass dieses zugedröhnte Mädchen die Teenage Angst atmet, die in Deutschland immer nur ein kalter Schauer ist und niemals warme Melancholie. Lana del Rey, Amalia Ulman, alle keine Ahnung, Bunny ist die wiedergeborene River Phoenix, die wahre, echte Winona Ryder, in deren Antlitz Trauer und Euphorie über die Welt niemals auseinanderzuhalten sind. Ich schaue in ihre großen grünen Augen, sie schaut durch mich durch. Ich sage, lass uns ein Foto machen, und sie springt plötzlich auf, und klettert auf den Löwen.

Vor zwei Wochen traf ich Bunny zufällig am Eiscemestand und tippte ihr auf die Schulter und sagte, Hallo Bunny, wir hatten uns doch vor zwei Jahren mal getroffen und geredet und sie schaute mich verständnislos an und lief weg.

Das einzige was ich immer verstehe, ist die Mondscheinsonate. Also denke ich in dumpfen Gefühlen an sie und an Millennials in millenarian times. Millenarismus heißt der Glaube an das nahe Ende der gegenwärtigen Welt, manchmal verbunden mit der Erschaffung eines irdischen Paradieses, manchmal mit der Apokalypse. Franz Liszt sagte bekanntlich über die Mondscheinsonate, es sei „eine Blume zwischen zwei Abgründen“.

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Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin. 

In der vorigen Kolumne ging es um einen Urlaub mit Angela Merkel. Das Proletariat. Jarvis Cocker. Und was das alles mit einem Aperol Spritz zu tun hat.