REAL TIME

Kolumne

An jedem zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Es kann ja auf gar keinen Fall ein Zufall sein, dass der neue Film von Woody Allen, „Café Society“, sowie das neue Buch von Christian Kracht, „Die Toten“, zur exakt selben Zeit spielen, nämlich Anfang der 1930er Jahre. 

„Café Society“ handelt von Hollywood, auch bei Kracht soll es um das Geheimnis des Films als die prägende Kunstform der Moderne gehen, angesiedelt ist der Plot in Berlin, bei den einstigen Großmeistern Murnau und Lang. 

Die Nachricht über die Existenz dieser beiden brandneuen Kulturprodukte erreicht mich am selben Tag. Und zwar in Rom. 

Als ich diese sogenannte ewige Stadt zum letzten Mal besuchte, trug ich einen riesigen Rucksack auf dem Rücken, ein zerknittertes Interrail-Ticket in der Hand und eine große Sehnsucht nach einem Mädchen im Herzen. Mit der Fähre war ich von Griechenland gekommen. Internet gab es damals noch keins.

Rennt man heute durch Rom, kann man an nichts denken, außer, dass dies alles der Inbegriff des sterbenden Old Europe ist. Hier, das ist jawohl das Alleroffensichtlichste, wird unsere Welt untergehen. Denn hier passiert seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten rein gar nichts mehr. Die Stadt, gebaut als Erinnerung, oder eben: eine begehbare Betriebsanleitung zur Zerstörung der Zeitgenossenschaft. In Rom gibt es ja keine einzige Galerie, die sich um Contemporary Art kümmert. Und keinen einzigen jungen Künstler. Der einzig coole Typ ist der Papst, der ja linker ist als alle Politiker auf der Welt. Wie kann das sein? Mit hiesigen Kuratoren sprechend, ergibt sich das Bild eines Ortes, der heillos in komplexen Streitigkeiten und Seilschaften verstrickt ist und dessen Geld ausschließlich für die Instandhaltung der Vergangenheit reicht. Hilfe kommt aus dem Ausland. Der Wiener Galerist Emanuel Layr und der New Yorker Gavin Brown haben fast zeitgleich kleine neue Räume etabliert. Doch die Menschen in den Straßen sitzen hier noch haargenau wie in Fellinis Film „Roma“ bereits mittags absurd riesige Mengen von Nudeln und Fleisch und weißem Brot in sich reinstopfend und diese mit Weißwein und Cola (gemischt!) herunterspülend. Das Vita, es soll hier ewig megadolce bleiben.

Während ich mich in dunklen Visionen verliere stellt meine Begleitung mir ein Bein, ich schaue sie erschrocken an, sie meint: Obacht, mein Kleiner, Rom wird niemals untergehen. Hier, sagt sie, ist schon viel zu viel passiert. Deine Apokalypse kannst du getrost wieder nach Berlin verpflanzen. Oder Paris. Oder LA. 

Zum Beispiel, sagt sie, und erzählt kurz von Nero: Als 16-Jähriger hat er durch eine Intrige seiner Mutter Agrippina die Nachfolge des Kaisers Claudius angetreten. 55 n. Chr. soll er seinen Stiefbruder vergiftet haben. Etwas später wollte er seine Mutter mit einem eigens dafür präparierten Schiff versenken lassen. Klappte nicht, also wurde sie in ihrer Villa ermordet. Seiner ersten Frau ließ er die Pulsadern aufschneiden und sie in heißem Dampf ersticken. Seine zweite Frau, so wird behauptet, hätte Nero durch einen Fußtritt in den Unterleib getötet (sie war schwanger). Nach ihrem Tod heiratete er die Witwe eines Konsuls, den Nero zuvor bei einem Gastmahl zum Selbstmord gezwungen hatte. Und dann natürlich noch das Feuer: 64 n. Chr. verwüstete es zehn der vierzehn Stadtbezirke und machte Rom zu einem anderen Rom. Nero schob es den Christen in die Schuhe und ließ sie massakrieren. Alles war kaputt. Und dann ging es eben wieder einmal erst richtig los. 

Das Tollste an den Römern ist aber, dass man einfach gar nichts glauben darf, was in ihr begehbares Supermuseum namens Stadt hineingeschrieben ist. Man geht ja davon aus, dass die Hälfte aller antiken Angaben zur römischen Frühgeschichte falsch sind. Das Hauptproblem besteht nur eben darin, dass man nicht weiß, welche Hälfte nun wahr ist. Romulus und Remus? Man weiß es einfach nicht genau. Gründungsmythos = Fiktion. Unter der Führung des ersten Kaisers Augustus und der Mithilfe von Staatsgeschichtsschreibern und Dichtern wie Horaz, Ovid und Vergil, haben sie sich selbst eine „offizielle“ Wunschbild-geschichte überlegt, der ja auch heute lustigerweise jeder so einigermaßen folgt. 

In der kleinen Straße, in der wir hier wohnen, gab es einmal sieben Kinos. Davon ist noch eines in Betrieb. Ein anderes wird hausbesetzt, aber viel los ist da nicht. Das Kino, die alte Illusionsmaschine, hat auch mal bessere Zeiten gesehen, und natürlich kann man sich fragen, warum Woody Allen und Christian Kracht sich gerade heute wohl darum kümmern. 

Der Regisseur und der Schriftsteller, und so viele junge zeitgenössische Künstler fiktionalisieren die Vergangenheit, praktisch nachträglich, wühlen in Mythen und erzählen ausgedachte, leicht virtualisierte Geschichten, die unser Bild von der Vergangenheit dann neu prägen. Sie arbeiten am Mythos, wohl auch, weil ihnen die Jetztzeit wie spätrömische Dekadenz vorkommt. Ganz im Gegensatz zu den Akzelerationisten, die davon ausgehen, die Zukunft würde unsere Gegenwart bestimmen, suchen sie in der Vergangenheit nach Gold, in dem sich dann leicht verzerrt unser Heute spiegeln soll.

Nur wenige (vielleicht zu wenige?) trauen sich bisher, die Zukunft ganz zu kappen. Ein Russe verhielt sich dabei in der letzten Woche wie ein waschechter Römer. Auf einem Festival in Oblast Lipezk, bei dem in historischem Gewand mittelalterliche Kämpfe nachgespielt wurden, fühlte sich dieser Kämpfer so gestört von einer umherfliegenden Drohne, dass er sie mit einem gezielten Wurf seiner Lanze vom Himmel holte. Viele hielten die Befreiungsaktion für übertrieben. Andere sprachen ihm zu: Eine Drohne dürfe eben ein Event nicht filmen, bei dem die Geschichte gefeiert würde. 

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin

In der vorigen Kolumne ging es um die zwei Trendthemen des Gallery Weekends.