REAL TIME

Kolumne

An jedem zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Eigentlich müsste Erwin Wurms Ausstellung „Bei Mutti“ ja „Mit Papi“ heißen. Hier in der Berlinischen Galerie laufen vor allem Vater-Kind-Konstellationen herum, ein paar auch mit Mama, aber die meisten eigentlich ohne, weil: Es gibt richtig was zu tun, bauen, selbermachen. 

Das liegt an Wurms bekannten „One Minute Sculptures“, die der österreichische Künstler vor fast 20 Jahren erfunden hat. Diese Skulpturen entstehen erst, wenn die Museumsbesucher mitmachen. Machen sie natürlich supergerne. Und laufen also von Podest zu Podest, setzen sich auf einen Teppich und denken ein Minütchen an Spinoza, legen sich auf Tennisbälle oder klemmen sich Bücher von Philosophen zwischen Arme und Beine - um sich mithilfe dieser und anderer alltäglicher Objekte und den daneben stehenden  Handlungsanweisungen in lebende Kunstwerke zu verwandeln. 

Das Museum klingt dabei so Heimwerker-Kinderspielplatz-Hilfe-bei-Hausarbeiten-mäßig: „hast du, musst du, kannst du besser so, guck mal wie ich hier, bei mir, achso jetzt bist du schoooon wieder weggelaufen und GUCKST JA NIE HIN, wenn ich dir was zeigen will. Und achso, ja genau, die, ja dort, und jetzt schon wieder kaputt gegangen, ok, nochmal!“ Das Ganze sieht dabei sehr modern aus und wie städtisches Standortmarketing oder einfach Sonntagnachmittag oder die kommende Berlin Biennale. Schön sauber, lachi lachi, herrlich gute Laune, gleichzeitig irgendwie corporate und privat. Das hier ist doch das neue Deutschland, wie es sich selbst sich wünscht, mit freudigen maßvollen Körpern in Action, bisschen trottelig, aber auch lustig, weil ja schon schwierig mit den Verrenkungen, und dann klappt’s ja doch immer irgendwie.

Während dieses Frohsein also abläuft und die Skulpturen-Idee auch nach 20 Jahren einfach noch nicht alt ist, habe ich plötzlich eine Medien-Epiphanie: Vati spielt mit Kindchen Skulptur, Mama macht davon ein Video mit Handy. So weit so gut. Aber ich verstehe plötzlich: Die Eltern machen Live Videos für die Verwandten und schaffen damit gleichzeitig die Schrift ab. Die Eltern zerstören, indem sie Videos live streamen, die Schrift.   

Bei Erwin Wurm realisiere ich plötzlich: Wir lebten nun ganz kurz in einem ganz goldenen Zeitalter des Schreibens. In den vergangenen zehn Jahren wurde mehr geschrieben als jemals seit Anbeginn der Menschheit. Denn mit der Erfindung des Web 2.0. erstellen und verteilen die Abertrillionen untereinander vernetzen Benutzer ihre Abertrillionen Inhalte selbst. Vor allem auch: In Schreibformen wie Emails, SMS, Kommentaren, Statusupdates und Twitterzeilen. Das ist nun vorbei. Erst kamen die Bilder, und jetzt ist Video. Nun stehen wir am Beginn einer neuen Welt des Post-Writing und der gründlichen Privilegierung der Oralität. Die Menschheit, denke ich hier bei Erwin Wurm, wird also endgültig dumm. 

Größte Weltveränderungen geben sich bekanntlich in klitzekleinsten Details zu erkennen, zum Beispiel etwas später auf der Parkbank: Ein Teenie streicht vorbei. Etwas ist anders, verstehe ich nicht sofort, aber dann: Sie tippt (schreibt!) nämlich nicht mehr in ihr Device, sondern hält das riesige Telefon gleichbleibend vor das Gesicht, halb die Lippen, halb den Hals damit verdeckend, und spricht ohne Pause Voice-Nachrichten in das Telefon hinein. Dabei bewegt sie sich ultrasanft durch die Umgebung, diese dabei gewissermaßen permanent im Nebelblick. Hin und wieder mal auf den Screen schauen und auf Senden klicken. Sieht wirklich unglaublich elegant und neu aus. Sie kreuzt meinen Blick und flüstert: „Stop looking at me like I´m the future“.

Die wirkliche Heldin der Schreibzerstörung wird aber die dicke, lachende Frau mit der Chewbacca-Maske sein. Symptom und Symbol zugleich. Wie sich die Texas Mom and Star-Wars-Enthusiastin durch ihr Live-Video gackerte, wollten 141 Millionen Leute anschauen. Zuckerberg war entzückt, er lud sie zu sich nach Facebook ein, ins Headquarter. Sein neues Live-Video-Format ist ja erst seit ein par Wochen für jeden nutzbar, immer häufiger erscheint es in den Timelines unserer Freunde. Er braucht nun ganz viele Frauen mit Chewbacca-Maske. Denn der 32-Jährige Multi-Milliardär ist Video-Freak, man sieht ihn kaum noch ohne Oculus Rift aus dem Haus gehen, seine Vision ist, dass in „fünf Jahren der größte Teil des geteilten Contents Video ist“. Dann werden wir in der absoluten Gegenwart, grandiosesten Unvermitteltheit und totalen Distanzlosigkeit angekommen sein. Warum dort noch schreiben? 

Denn dann zählst endgültig nur noch Du. In Real Time, ohne inszenierte Sprachspiele, ohne doppelten Boden, dafür volle Präsenz. Als Feedback fliegen Emojis über den Screen wie bei den Videodiensten Snapchat und Periscope, die durch das neue Facebook-Video bald auch untergehen werden. Zuckerberg sagt, Video wäre vor allem für Familien so praktisch, deren Mitglieder unter Umständen weit weg voneinander wohnen (oder bei der Arbeit), und so  aber trotzdem immer live dabei. Total da. „Künftig wird man eine ganze Szene, ein ganzes Zimmer aufnehmen, und sich in dieses hineinversetzen wollen. Man wird das, was man macht, live streamen wollen, man wird Menschen in diesem Raum interagieren lassen wollen.“ 

Ich denke an die Familie in Singapur, über die die East Asia Tribune kürzlich berichtete. Für sie ist es gute Sitte, dass alle live dabei sind, wenn der Sohn zum ersten Mal Sex hat. Auf dem Foto stehen Groß und Klein im kleinen Zimmer und sitzen neben dem jungen Paar auf der Bettkante, während dieses ihren ersten Orgasmus haben. Alle sahen sehr beschäftigt und ratgebend aus auf dem Bild, und die Liebenden sehr glücklich. 

Ich wache auf. Ich sitze bei Wurm oder auf der Parkbank. Der Sommer ist da. Ich weiß ganz sicher: MTV gibt es schon lange nicht mehr. Der Sommer in der Stadt ist wie kleine flinke, saubere Bio-Eichhörnchen, die an der Großhirnrinde knabbern und am Ende mit ihren buschigen Schwänzen entlang streichen und Blitze sprühen lassen. Und dann kommt ein Gewitter und macht alles weiß und laut. Und dann kommt der nächste Sommertag.  

Die Welt heute ist einfach komplexer als vor 20 Jahren. Damals galt es nur die Handlungsanweisung von Wurm zu verfolgen um eine verlangte Pose einzunehmen, heute muss man dazu noch auf Mutti hören, die am Bildrand der lebendigen Skulptur sagt, wie und was fürs Internet an Gestik noch drübermodifiziert werden muss. Immer doppelte Schwierigkeit. Wurm, so liest man in Interviews, ist zwar ein Fan von Angela Merkel, vom Internet eher nicht so. Im anderen Raum hängt die klassische Skulptur eines zerbeulten Handys an der Wand, sie ist brandneu, berühren darf man sie nicht. 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin. 

In der vorigen Kolumne ging es darum, dass es kein Fall sein Zufall kann, dass der neue Film von Woody Allen sowie das neue Buch von Christian Kracht zur exakt selben Zeit spielen.

 

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