REAL TIME

Kolumne
 Roy Lichtenstein, „In the Car (sometimes Driving)“, 1963

An jedem zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute. 

Sie und er gehen spazieren, sie zeigt auf ein silbernes Auto und sagt: „So eins!“ „Das ist ein Infiniti“, sagt er. „What?“ „Der Name des Autos: Infiniti.“ „Infiniti, nie gehört. Aber genau so ein Auto will ich haben.“ Sie laufen weiter die Straße runter und fünf Minuten später klingelt das Mobiltelefon und eine echte Frauenstimme, die ihren Namen weiß, grüßt sehr freundlich und fragt, ob sie den neuen Infiniti Y40 testen möchte, könnte gleich morgen hier um die Ecke abgeholt werden. 

Geschockt lässt sie den Apparat auf die Straße fallen, hebt ihn wieder auf und schlägt das Angebot aus. Etwas später, wieder bei Verstand, ruft sie die Nummer zurück. Leider nicht vergeben. 

Im Internet lesen die beiden, Facebook gäbe schon zu, dass ihre App über das Mikrofon im Handy mithört, was um sie herum passiert. Was genau, wie lange, und ob die Tonspur dann an die FB-Server übertragen oder gar gespeichert wird, das weiß allerdings keiner. An Werbekunden würden sie die Daten nicht geben, nein nein nein. 

Vielleicht handelt es sich um eine Verschwörungstheorie. Aber sie haben es ja wirklich selbst erlebt! Oder war es ein lustiger Zufall? Oder Gott? Vielleicht hat sie der Allmächtige heimgesucht, weil sie und er ohne es zu wissen einen geheimen Code ausgesprochen haben. 

Als ich im Gymnasium war, arbeitete ich kurz mal für so eine dubiose Firma. Die Aufgabe war, den Tag über wahllos Leute anzurufen, um sie zu fragen, ob sie zum Beispiel Tiefkühlkost bester Qualität direkt ins Haus geliefert bekommen wollen von Mensch zu Mensch nur kurz einmal JA sagen und schon geht’s los. Viele Angerufene haben sich damals furchtbar aufgeregt am Telefon von wegen Privatsphäre und wo das Unternehmen denn wohl diese Nummer her hätte, denn einfach so die Seiten aus dem Telefonbuch abzutelefonieren, das wäre ja logischerweise überhaupt nicht erlaubt. Und ich denke TELEFON. BUCH. TELEFON. BUCH. Und ich denke ja ja ja.   

Später haben sie dann jedenfalls schon überlegt, ob sie den Wagen nicht doch hätten Probe fahren sollen. Es war wirklich ein gutes Angebot. Es war eigentlich wirklich genau das, was sie wollte. Sie hat es ja selbst gesagt! 

Die Angst ist, dass durch die Algorithmen Produkte aus der Zukunft entstehen, die die Brands aus der Gleichung „Meine Interessen“ und „Ihre Interessen“ generieren, und dadurch meine Lebenslinie und also auch meinen Charakter erst bilden. Dass die in meine Psyche eingreifen, ohne dass ich es merke! Dass es davor kein Entkommen gibt, scheint dabei entschieden. Die Frage ist ja eher, ob das nicht vor allem furchtbar langweilig wird. 

Weil ich einfach nie mehr Sachen gezeigt bekomme, die mich überraschen, von denen ich zuvor gar nicht wusste, dass ich sie gerne haben möchte. Es werden keine Brüche mehr möglich sein. Denn alles beruht ja auf den Daten und Daten sind Kurven und Kurven haben keine Brüche. 

Paranoia, weiß ich genau, wird Magersucht, Burnout oder ADHS schon bald vollends abgelöst haben als Krankheit unserer Zeit. Das neueste Ding: „Shared paranoias“. Die New York Times berichtete letzte Woche über eine Gruppe von Amerikanern, die nicht mehr glauben, dass sie einen Stalker haben, sondern sich als Opfer von „Organized Gang Stalking“ begreifen. Sie werden also 24-Stunden-totalüberwacht von großen Gruppen verschiedener Verbrecher. Diese würden dabei unterschiedlichste Waffen benutzen, hacken sich in alle möglichen Telekommunikationsinstrumente, haben Laser, elektromagnetische Wellen, tragbare Mikrowellen-, Plasma- und Röntgenstrahlwaffen. Die Community besteht aktuell aus ca. 10.000 Menschen, sie wächst, kommuniziert elaboriert, ist gut dokumentiert und durchzieht alle Klassen. Einer ihrer wichtigsten Grundsätze: „Höre nicht auf die Stimmen in deinem Kopf.“ Und: “Geh auf keinem Fall zu einem Psychiater.”

„Targeted Individuals“ (T.I.s), so nennen sie sich, glauben sie werden von einem Netzwerk gestalkt und schließen sich als Folge daraus zu einem neuen Netzwerk zusammen. 

Und eigentlich glaube ich, geht es doch mal wieder um Einsamkeit. Und deswegen übereigentlich: Liebe. 

Mein Freund A traf kürzlich seinen Ex-Freund wieder, ein junger Künstler, der seit neuestem immer häufiger seine neue Persönlichkeit der getrashten Drag-Queen in der Wirklichkeit spazieren führt. In seinem alten Leben war er sehr schüchtern und jetzt extrovertiert, laut, schrill und tuckig. Viele Leute sagen, P sei, wenn er nun Camilla ist, oft ein bisschen wie A früher. Dass ein Teil von ihm selbst nun in dieser wunderschönen Drag-Variante seines Ex-Freundes stecke, erlebe er selbst als faszinierend vampirisch. „Du kannst ihm eigentlich nicht mehr ins Gesicht, sondern nur mehr auf sein Gesicht schauen.“ Und das fände A traurig und schön zugleich. 

Nachdem er Camilla getroffen hat, ist er noch mit Freunden in einer kleinen Bar gewesen, dem EAGLE in Wien, und das war so: „Wir tranken Bier, dann nahm mich Roland mit in den Darkroom, es war total finster und roch nach Scheiße, ich hab geraucht und sah nur manchmal rote Formen durch die Glut meiner Zigarette, überall laute, dumpfe Männerschreie. Irgendwann sah ich die Umrisse eines Mannes, der gefistet wurde, ein ganzer Arm im Arsch, ein anderer wurde ausgepeitscht, 20 Männer standen drum herum und wichsten drauf, ich finde das alles schlimm, viele finden es normal, und die meisten müssen das alles ausprobieren. Warum muss jeder jeden und alles zu Tode ficken?“ 

Er ist der letzte Romantiker der Welt. Und er ist mein bester Freund. 

Während ich ihm zuhöre, schaue ich am Rande des Freibads sitzend auf den Pool und denke, dass in meinem Leben zuletzt wirklich viel zu häufig die Worte Önologie, Wechseljuicer, Flexitarier und Foraging vorkamen. Ich weiß nicht genau, warum es mich mit dieser irrwitzigen Glückseligkeit erfüllt, wenn ich die Schwimmbrillenköpfe in dem Fliesenbad ein- und auftauchen sehe und die Sonne auf das transparente Wasser in Strahlen scheint. 

Zu A sage ich am Telefon: „Denk an die Schmetterlinge im südamerikanischen Regenwald, sie flattern vor den Augen der Schildkröten, um dann ihre Tränen zu trinken.“  

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin

In der vorigen Kolumne ging es um die 9. Berlin Biennal: Emo, Ermüdung, Ernüchterung, Entschleunigung, und ein Endpunkt

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