Real Time

Kolumne
 Filmstill aus "Menschen am Sonntag", 1930
 Nan Goldin Picnic on the Esplanade, Boston 1973

Jeden zweiten Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Die Literatur-Lektorin lädt zur Landpartie nach Buch. So heißt der Ort wirklich, und es ist der äußerste nördlichste Zipfel Berlins.

Wir brechen also auf im schwarzen Mercedes: die Schauspielerin, der Fotograf, die Kuratorin und die Food-Bloggerin. Und ich denke, dass in dem wunderschönen Film „Menschen am Sonntag“ – der, nachdem man ihn egal wann gesehen hat, für immer innere Vorlage bleibt, sobald man mit Freunden am Sonntag raus fährt aus Berlin – die Laiendarsteller nicht nur schönere Frisuren, sondern vor allem auch bessere Berufe haben als wir. 1930 erschien der neusachliche Film des ganz jungen Billy Wilder und erzählt stumm in surreal überblendeten Schwarzweiß-Bildern von Erwin dem Taxifahrer, und seiner Freundin, dem Mannequin Annie, der Komparsin Christl, der Schallplattenverkäuferin Brigitte und dem Weinvertreter Wolfgang.

Ob sie wohl, als sie damals losfuhren, auch schon Role Models hatten, die sich über ihre eigene Gegenwart und die dazugehörigen Lebensentwürfe legten? Sie hatten auf jeden Fall einen tragbaren Plattenspieler dabei. Wir skippen derweil zwischen echter und virtueller Welt anhand des brandneuen Augmented-Reality-Spiels „Pokémon Go“. Sie fuhren damals nach Süden, wir nach Norden. Zu James. So der Name des brandneuen Biergartens. Und das liegt an James Hobrecht, ein Stadtplaner, der die stinkenden Abwässer Ende des 19. Jahrhunderts erstmals aus Berlin hinaus kanalisiert hat und dafür noch heute noch zu ehren wäre, erzählt die Betreiberin, die jahrelang das Stil-Imperium Andreas Murkudis koordinierte, außerdem Inhaberin eines Kosmetiksalons am Prenzlauer Berg und seit einiger Zeit Stadtflüchtige ist.

Es gibt Bio-Bratwurst und Wassereis von Paletas. Die zickige Hündin der Schauspielerin wackelt grasend über den Rasen und schnappt nebenbei nach Fliegen. Die Kuratorin läuft immerfort weg von ihrem Apfelstrudel, dem Handy nach durch die Umgebung. Sie sucht Pikachu. Das Spiel „Pokémon Go“ braucht keine inneren Vorlagen mehr, die reale Welt ist Spielfeld, durch Google Maps und die Handykamera verfügbar gemacht, erscheinen auf dem Telefondisplay nun in real time immer kleine Figuren. Die Kuratorin hält das Smartphone in ihre Richtung und muss sie mit gezielten Ballwürfen treffen. Google greift in der Zeit auf völlig neue Art ihre kompletten Metadaten ab. Egal!

Zum Schwimmen am See müssen wir durch Buch laufen, und die Einheimischen wirken auffallend aggressiv. Ein großer Mann mit vielen Muskeln will die kleine, verzogene, und wirklich schrecklich kläffende Hündin erwürgen. Sie kann sich retten, wir laufen schnell weg. Und auf dieser nunmehr doppelten Flucht zum See werden wir öfter noch angeschnauzt, angefahren und mit Blicken gestraft. Wir als Gemeinschaft, als Bild, symbolisieren offenbar etwas, was ihnen hier nicht passt.

Könnte es womöglich an den fast schlossartigen Bauten liegen, die wir just kreuzten? Ein historisches Klinikareal, das in der Zeit von „Menschen am Sonntag“ unzählige Heilanstalten und Lungensanatorien beheimatete, heißt heute Wohnpark „Allées des Châteaux“. Seine Bewohner schätzen das gehobene Wohnen im Waldambiente und leben als Gated Community. In der Gegend habe sie kürzlich eine Foraging Tour gemacht, erzählt die Food-Bloggerin. Das ist, wenn Städter sich unter strenger Anleitung eines Waldkenners durch die Originalnatur mampfen.

Richtig braungebrannte Haut, denke ich mit Blick auf die Landpartie, hat nur der sehr Reiche und der ganz Arme. Beide arbeiten wenig und verfügen daher über genug Zeit, sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen, bis die Haut dann knackt. Alle dazwischen hausen zu viel in dunklen Räumen und dann eben zwei Wochen Südsee im August, und danach sind sie rot. Wie der Kontostand. Ganz ähnlich verhält es sich doch mit Informationen. Nur wer sehr reich ist, also Boss, und wer nichts hat, also Bettler, bekommt schön wenig Infos. Nur das Elementarste, radikal Vorgefilterte. Die lebenswichtigen, superentscheidenden Sachen. Nur wenn also alles von alleine, oder eben gar nichts mehr läuft, ist man gefeit vor Informationsentropie, an der wir Übrigen leider leiden und deswegen wenigstens am Sonntag aufs Land flüchten müssen vor Mails, Status-Update, Tweets, Leaks, SMS und so weiter. 

Nun aber schnell ins Wasser getaucht! Der Gorinsee ist eine gelbe Soße und stinkt, aber wirkt trotzdem erfrischend. Am Ufer treffen wir eine lange nicht gesehene Freundin. Was wir denn so machen? Ja, was sie denn wohl mache? Sie werde Berlin schon bald verlassen um in Paris einen berufsbegleitenden Weiterbildungsmaster in Sexologie in Angriff zu nehmen, und dort dann auch weiter als Escort-Girl arbeiten, wie sie das auch hier seit geraumer Zeit mache, aber Berlin ist dann doch eher begrenzter Spaß, und in Paris könne sie eben endgültig Arbeit und Studium und Freizeit komplett eins werden lassen. 

Sie lacht, und ich habe noch nie jemanden so selbstermächtigt reden hören über das ja doch älteste Gewerbe, und den irgendwie auch ältesten Beruf und irgendwie ja auch die allergrößte Fiktion, die man sich nur vorstellen kann.

Sie hat ihre Rolle in die eigenen Hände genommen. Und wir freuen uns alle sehr für sie. Zur Feier des Tages lese ich die Wörter vor, die ich gerade aus dem Kulturteil der ZEIT herausgeschrieben habe: „Altmensch, Premiummensch, Alteuropäer, smart people, „Mensch“, Kontrollverlust, Kontinent, Kerneuropa, Selbstverwirklichung, Selbstdressur, Selbstwirtschaftung, Sexiness der Performance, Post-Demokratie, Neo-Aristokratie, Ich-Unternehmer.“ Und dann noch die Frage: „Sind wir zu selbstverliebt, um andere zu lieben?“

„Na ja“, sagt sie, „bei mir geht es ja doch eher um Orgasmen“.

Wir müssen dann bald los. Die Schauspielerin hat noch Coaching. Am Abend leihen wir uns aus Berlins bester Videothek (die wir schon Jahre nicht mehr betreten hatten) den Film „Menschen am Sonntag“ aus, um zuhause angekommen zu merken, dass er wider Erwarten natürlich in bester Qualität auf Youtube zu sehen ist. Wir schauen ihn also lieber dort und auf handlichem Gerät im Bett. Fest steht: Wir haben exakt dieselben Frisuren wie die damals. Und: Der Film ist in den zehn Jahren, die zwischen Erstschauen und heute liegen, einfach nochmal 50 Jahre älter geworden. Das liegt wohl daran, dass es vor zehn Jahren noch keine Zukunft gab, die uns so permanent pokémon in der Gegenwart heimsucht.

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.

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