REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Wir sitzen beim Malerfürsten, er hat Bolognese gekocht. Die Stilreporterin, die Lektorin, der Fotograf und die Kuratorin. Alle sind wir, wie das heute nun mal üblich ist, halbkrank und machen daher Detox und trinken daher wenig. Wir reden aber viel. Über die Großausstellung des Malerfürsten in Los Angeles, über Liebe in Zeiten der Merkel-Ära und übers Töpfern. 

Weil wir immer halbkrank sind, gehen wir nie mehr aus. Wie alte dicke Katzen. Wir wissen trotzdem alles, wie alte dicke Katzen. Wir wissen, wer jung und gesund ist, geht zum Open Workout des Ex-Künstlers Nik Kosmas. Oder zur Neueröffnung der Future Gallery, die jetzt so mächtig ist, dass sie auch am Schöneberger Ufer mitspielen darf. Bei beiden Events sind dieselben Leute, einmal schwitzend aus Angst, dass sie es im Leben zu nichts bringen und die Leute neben ihnen doch, und einmal aus Sportgründen, weil sie fürs Leben ihre Körper stählen unter der Peitsche des Trainers Kosmas.

Bei uns läuft Joe Jacksons „Night Music“. Es ist ein Künstlerisches Abendessen. Und irgendwann so gegen Ende fragt jemand viel zu direkt, was denn nun mit Clausnitz und der Attacke auf den Flüchtlingsbus wäre. Und wo eben noch Bonmots flatterten, da liegt neben spinnennetzfarbenem Rauch plötzlich bleierne Stille über leeren Tellern. 
 
An einem solchen sogenannten Künstlerischen Abendessen, das ja immer eine Feier der Uneigentlichkeiten ist, ist für Clausnitz kein Platz. Und man fragt sich warum. Einfache Antwort: Es wirkt so fahl, sich über rassistische Barbaren zu empören, denen jedes Gefühl fehlt, das den Menschen zum Menschen macht. Es ist zu todtraurig. Es lässt sich einfach keine Frage finden, es gibt keine zwei Seiten, das Ereignis scheint sich selbst genug. 

Gleichzeitig erscheint es wie ein grässliches Kunstbild. Die Bus-„Reisegenuss“-Digitaltafel, die das „Arbeit macht frei“ zitiert. Das Heim, zu welchem der Bus fahren sollte, leitete ein AfD-Mitglied. Sein Name: Thomas Hetze. Sein Bruder hat die Tölpel vor dem Bus organisiert. Und der deutsche Innenminister „kann Kritik an diesem Polizeieinsatz nicht erkennen“. Ermittelt werden soll gegen den 10-jährigen Jungen im Bus. 

Als wir wieder Zuhause sind, zuckelt das Bild von Zuckerberg auf den Screens. Wie er durch die Menschen läuft, die wie Roboter aussehen mit ihren Samsung VR Headsets. Das Bild sähe aus wie Konzeptkunst, wird geschrieben. Es wirke wie aus einem dystopischen Sci-Fi-Film.

Der Autor Dean Kissick hat in der letzten Woche einen Text geschrieben, in dem er sich wundert, dass Donald Trump ständig als Konzeptkünstler bezeichnet wird. Zuletzt schrieb die New York Times Trump sei „a surrealist. Not since Salvador Dalí has someone so ambitiously jumbled reality and hallucination“. Der langjährige PR-Chef von Putin ist nachweislich beeinflusst von der russischen Performance Art.

Man verwechselt die Wirklichkeit mit Kunst. Weil sie dieser Tage so undurchdringlich und komplex auf uns zukommt, dass man ihr und ihren Schreihälsen aus Hilflosigkeit dieses Etikett anheftet, und zum anderen die Wirklichkeit eben so gut gemacht scheint, dass man sie für eine Art neuartige virtuelle Realität zu halten bereit ist. 

Die Wahrheit aber ist mal wieder die allerlangweiligste: Es ist einfach nur die Wirklichkeit. Das ist kein Sci-Fi-Film, das ist Barcelona, Mobile World Congress. Das ist ein Bus, in dem Familien sitzen, und davor stehen schreiende bösartige Menschen. 

Wie also kriegen wir die Kunst von der Wirklichkeit zurück? 

Edelfeder Joachim Bessing, der täglich (!) eine fantastische Kolumne bei waahr.de schreibt, setzt sich auch mit Clausnitz auseinander. Und wünscht sich konkret, „dass eine Armada von Hubschraubern am Horizont dieser ostdeutschen Kuhdörfer erscheint, wie die apokalyptischen Reiter mit Rotorengewalt, und aus denen sollen sich Sondereinsatzkommandos abseilen und jedem Otto, der dort rumgrölt und Flagge zeigen will, die Mündung des Sturmgewehrs an die Stirn drücken.“ Er weiß aber auch:     

„Woody Allen sagt das ganz richtig in Manhattan: Eine beißende Glosse über die Nazis in Kentucky ist schön und gut, aber mit Baseballschlägern und Springerstiefeln nach Kentucky und die Nazis verprügeln, macht halt einfach mehr Eindruck auf die Nazis.“

Auch ich will Naziblut sehen. Ich will Medienbilder von vom Rechtsstaat zusammengetretenen glatzköpfigen Sachsen. Ich will aber vor allem auch, dass wenn ich das auf einem Künstlerischen Abendessen sage, mir etwas entgegnet wird, was ohne Umwege der Kategorie Sinn zugeordnet werden kann und der Stilllegung der Bilder entgegenarbeitet und letztlich dabei hilft, die Headsets vom Kopfe aller zu schlagen.

Initialschuld an der Misere trägt natürlich Karlheinz Stockhausen, der meinte, dass 9/11 das größte Kunstwerk der Welt wäre. Seitdem verlieren Künstler dramatisch den Mut, sich in irgendeine Beziehung zur Welt zu stellen. Wie bitteschön könnten sie auch etwas so Gewaltiges selbst erschaffen? Solcherlei Berührungsängste plagen politische Berater kaum, sie reiben sich die Hände und integrieren fröhlich künstlerische Strategien in ihr Reich. Denn sie haben verstanden, dass das Kunstfeld als jahrhundertealtes Synonym gilt für alles was Unverständlichkeit und Komplexität bedeutet. In diesem Umfeld lässt sich angesichts der aktuellen Weltlage gut agieren, in der weder ein Künstler, Autor, Philosoph oder Politiker in der Lage ist, ein Narrativ zu finden, um das Ganze erklärbar dazustellen.  

So machen 2016 keine Künstler mehr Kunst, sondern: andere Leute. Nämlich Politiker oder CEOs. Ihre Ausstellungen finden in Nachrichten und Wirklichkeiten statt. 

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.