REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Vorgestern traf ich meinen Freund Tomas, den isländischen Schauspieler mit keinem Kopfhaar, und er erzählte von seinem Umzug nach LA. Da wurde ich traurig. Er ist ja nicht der Einzige. Aber der Einzige, der im kommenden X-Men-Film mitspielt und von dem also dasselbe zu sagen ist, was man über die Eröffnung der Dependance der Galerie Sprüth Magers in Los Angeles denkt: Es wird schon laufen. 

An alle anderen ist dieser Text gerichtet als ein warnendes Rufen: Tut es nicht! Lasst die Koffer ungepackt stehen. Los Angeles ist nicht die Lösung. 

Noch am selben Tag schrieb die junge Künstlerin Deanna Havas in ein soziales Netzwerk: „Lmao rich Euroexpats moving to LA it's all fun and legal weed until you realize there are 743 inmates on death row.“

In dem Moment wusste ich, mein Rufen wird niemanden abhalten. Ich schreibe ja nur für sehr wenige potenzielle Todeszellenkandidaten, dafür für umso mehr Euroexpats aus wohlhabenden Familien, die, so hat es unser Assistent Elias selbst erzählt, wenn sie nicht sowieso superreich sind, deswegen nach LA ziehen, weil der Standort Hollywood so viele Nebenjobs böte, dass es zahllose kleine Leben nebeneinander ermöglicht. Nebenleben eben. 

Und dann ist LA eben einfach auch extrem lustig: 1969 wurde hier das Internet erfunden. Und Yoga und Kale Juice. Adorno hat über das „richtige Leben im falschen“ geschrieben angesichts der trostlosen Innenräume Beverly Hills’. Hollywood, die Oscars, diese irre ranzige Idee von Glamour, wo erst vor zwei Tagen, im Rampenlicht und somit sozusagen supertransparent, wieder einmal vorgeführt werden sollte, dass nichtweiße, nichtmännliche, nichtheterosexuelle Menschen fast gar nicht existieren. Das innerstädtische Bahnnetz war ja mal das fortschrittlichste, bis die mittlerweile kaputte Autoindustrie die Stadt nach ihrem Bild umurbanisierte, also alle Schienen rausreißen und entfernen ließ, sodass die Autofahrer heute die von ihnen geschaffenen Menschenzombies in der den Bürgersteig entlang sortierten größten Zeltstadt der Welt, Skid Row, nur durch Fensterglas sehen müssen. Diese Autofahrer, die vereinzelt auf endlos lange Arbeitswege geschickt werden, um es ihnen unmöglich zu machen sich zu organisieren, zu demonstrieren oder in ungeplanten persönlichen Kontakt zu treten um so das (Gefühl!) niemals auszusprechen, was sowieso unterdrückt immer anwesend ist: Die APOKALYPSE. 

Nirgends lässt sich die Abwicklung der Ära amerikanischer Hegemonie unter einem feineren Brennglas bestaunen. Deswegen machen sie ja dort, in der Zentralstelle des Post-Empire, auch ausschließlich Kunst über Leere. Die dann niemand kauft. Denn Reichtum zeigt sich in Los Angeles anders als gewöhnlich: etwa durch exzentrische Ernährungsgewohnheiten oder extremes Fitness-Verhalten. Es gibt nur sehr sehr reiche Sammler, und die interessieren sich nur für sehr sehr teure Kunst. Die gucken sich überhaupt nichts an unter 700.000 Dollar, jeder weiß das. Es wird nie wieder eine Paramount Ranch geben, keine Messe ist egaler als die ALAC. Weil es keine Mid-Preis-Sammler gibt in LA. Nur LeodiCaprio und den Wiener Künstler mit dem Ferrari, nichts dazwischen. Nichts! 

Weil man aber geneigt ist, es als ideal zu empfinden, in seiner Zeit aufzugehen, sich von ihr formen und bilden zu lassen, und diese unsere Zeit nun mal die grundwidersprüchlichste ist, ist Los Angeles die ideale Stadt. Das aktuelleste Beispiel dafür: Die Netflix-Serie LOVE. 

Dort suchen zwei Thirty-Somethings die Liebe. Die Liebe! Als sie sich in Folge 2 einen Joint teilen, sagt Mickey zu Gus: “Du bist wie ein vierzigjähriger Zwölfjähriger“. Das stimmt natürlich nicht, aber es stimmt natürlich total. Love ist wirklich schrecklich zum Angucken, aber nicht blöd. Es setzt sogar absolute Höchststandards in der Kategorie westliche spätrömische Dekadenz. Die Serie entdeckt argumentativ stichhaltig in der amerikanischen Kultur den größten Verhinderer romantischer Liebe, lässt diese Erkenntnis aber zugleich von ihren eigenen Protagonisten praktisch durchstreichen. Durch totale Verfeinerung sind diese in die vollständige Verwirrung und letztlich die allergrößte Verzweiflung hineingeraten. Weil sich das unter dieser Sonne aber höchstens diffus melancholisch anfühlt, lässt sich in dem Wissen darum noch ein gar nicht mal schlechter Witz genau darüber machen. Beim Sex. Während sich wirklich alle Bewohner der Stadt ankleiden wie kleine Kinder. Und auch reden wie Kinder. Und drogenabhängig sind. Das ist Los Angeles, das ist die Welt wie wir sie verdienen, in 2016. Die ideale Hölle.  

Wer allerdings eine Stadt verstehen will, muss vorher mit einem Gärtner sprechen. Auch er hat gesagt, als er etwas Laub vom Beton des Balkons fegte, was sowieso jeder weiß: Die Palme kommt gar nicht von hier, die Palme muss, weil sie nicht hierhergehört, permanent bewässert werden. Das Wasser ist bald weg, der Wasserkrieg wird beginnen. Schaut man an jeder Palme LAs hinauf, dann sieht man es bereits jetzt überall: Oben in den Wipfeln der Palmenbaumkrone vertrocknet sie. Und oben in Beverly Hills töten die Kojoten noch immer die Pudel der Bessergestellten, des Nachts, weil LA noch immer wildes Land ist. 

Was bleibt ist das Wetter, logisch, denn das ist ja nun wirklich fantastisch. 

Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts versuchte der Maler und Galerist William N. Copley den Surrealismus nach Hollywood zu bringen. Die Ausstellungen, die er in seiner Galerie zeigte, sind bis heute legendär. Vor allem: legendär erfolglos. Er handelte mit dem europäischen Unbekannten. Aber warum sollte das in LA jemand interessieren? Weil er das selbst einfach nicht verstehen wollte, schickte ihm die Stadt ein unzweideutiges Zeichen: 

„Es schneite in Beverly Hills an dem Tag, als wir die Max-Ernst-Ausstellung eröffneten. Nie zuvor hatte es in Beverly Hills geschneit. Seither ebenfalls nicht. Ich bin sicher, dass es nie wieder dort schneien wird.“

Er hatte unrecht. Seitdem zählte die Wetterstation in Downtown sechs Mal Schnee in der Innenstadt von Los Angeles, 1962 zum letzten Mal. Seitdem hat niemand mehr versucht, etwas Fremdes, Lebendiges dort einzuführen. Deswegen die Vordergrund-Unterhaltung, die Autos, die Vorgärten, die permanente Anwesenheit der Securitys. All die Barrieren, die die Oberfläche schützen. Es herrscht die Ruhe der Reichen, die Schwere der Sonne, die totale Luftabgeschlossenheit.

Geht nicht nach LA. 

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.