REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Im Stehen Bier trinken mit anderen Leuten kommt einem weniger wie Quatsch vor, wenn da ein Werk ist. 

Wenn also der neue Megastar der deutschen Literatur, die 24-jährige Ronja von Rönne, ihr Buch „Wir kommen" zum ersten Mal vorliest, und sich danach mit einem Feuerzeug in Form einer Pistole in einem Intervall, das man als Kette bezeichnet, Zigaretten anzündet, weil sie unter dem brüllenden Lachen junger Menschen und den distanziert amüsierten Gesichtern der Älteren fertig gelesen hat, dann kann man danach (und davor und dabei) einfach besser Bier in sich reinschütten.  

Tags davor, ebenfalls in einem Keller in Berlin Mitte, eröffnet die neue Künstlerbar Rosen, und obwohl ja alles wie üblich ist, und es also an nichts fehlt, fehlt eben doch etwas, und da erinnere ich mich, dass ja die Projektbars, die die Vorläufer bilden zu diesem Ort hier, stets etwas „anzubieten“ hatten - Times (Bilder!), New Theater (Theater!). Der Dirty Martini ist allerdings fantastisch, er schmeckt wie in einem Saloon in einem Lucky-Luke-Comic.  

In dem Ronja-Keller sitzt rechts von mir die Kulturkritikerin Anne Waak, links die Chefreporterin Dagmar von Taube und auf meinen Knien die Schriftstellerin Julia Zange. Ich nehme eine Einheit Orthomol immun, 2 Pillen, runterkippt mit diätetischem Shot, auch wenn ich gehört habe, dass das in der Galeristenszene anno 2000 bereits total hip war und also heute egal. Die Erzählerin in dem Buch erzählt ohne ein einziges Klischee auszulassen und ohne aber deshalb weniger geistreich der Gegenwart Herr zu werden, wie schwierig das ist – zu leben.

„Ich werde verrückt! Ich finde es so schwierig zu leben“, ruft der Schauspieler Fabian Hinrichs. Er also auch. Zwei Tage zuvor, tausendmal ruft er das in René Polleschs „Keiner findet sich schön" auf der Bühne der Volksbühne alleine auf- und ablaufend. Und:  

„Wer so eine Frisur hat, hat kein Leben“ 

„Irgendwann ist man kein Versprechen mehr.“ 

„Man sieht ja nicht mehr, ob sie zusammenbrechen oder sich gerade wieder aufrappeln.“

Das Schönste an der Kunst ist, denke ich, in der Künstlerbar ohne Werk sitzend, dass es, während praktisch alle Literatur davon handelt, also eben erzählt, wie schwierig der Ich-Erzähler es findet auf der Welt zu sein, dafür im Kunstwerk keinen so direkten Ausdruck gibt. Das lässt sich eins zu eins einfach schlechter übertragen. Und deswegen muss er diesen Kampf Protagonist vs. Schwieriges Leben – denn davon handelt ja die Existenz des Schriftstellers genauso wie die des Künstlers – vor allem auf der Bühne der Wirklichkeit aufführen. Und dafür wurde ja eben auch die Bohème erfunden, damit die Kaputtheit einen Raum bekommt, wo sie hell leuchtet. 

Dagmar von Taube erzählt mir, dass sie heute die Galina Balaschowa interviewt hat, die ja Ende letzten Jahres eine Retrospektive im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt hatte. Das finde ich wirklich das Genialste. Galina Balaschowa war 28 Jahre lang, von 1963 bis zu ihrer Pensionierung 1991, für die Innenausstattung der russischen Raumschiffe verantwortlich. Direkt nach Juri Gagarins erstem bemannten Raumflug. Ihren ersten Wohnraum für eine Raumkapsel entwarf sie über's Wochenende. Heute liebt sie Putin und hasst Gorbatschow. 

Christian erzählt von der Zeit als die Sowjetunion noch mit einem Traum verbunden war und zum Beispiel Alfred Barr jr., der Gründungsdirektor des MoMA, dort hingeguckt hat, wie ganz viele andere eben nicht aus Mitleid oder gar Hass, sondern weil man wirklich glaubte, dass dort ein neuer Mensch entstehen könnte. „The Lef is strong in the illusion that man can live by bread alone“, schrieb Barr. Man muss sich das vorstellen, von Brot allein, dass heißt eben nicht nur ohne Religion, ohne Kapital, das heißt vor allem ja auch: ohne Spirulina.

Wir suchen immer nach neuen Menschenkünstlern. Manchmal stoßen wir eine Tür auf, und da sitzen sie dann plötzlich: Um einen riesigen Tisch versammelt, auf dem wie von Alien gemachtes riesiges rotleuchtendes Porzellan steht: Ein Werk, aus dem frischer roher Fisch gegessen wird. Um den Tisch herum brutal offene, brutal meditative, krass unbrutale deutsche junge Leute. Sie wirken so weich und still und ungeschützt und ich merke, bisher wissen nur ihre Körper, was ihr Geist erst in den nächsten Monaten realisieren wird: dass sie nämlich nun dran sind. Dass die Welt gerade auf sie wartet. Sie haben Namen wie Leon, Henning, Okka, Jonas, Venus und Wieland. Alle kennen sich offenbar aus einer Kreuzberger Geheimzelle, von Kindesbeinen an. Sie sind Mitte 20 und reden, nein, raunen, in einer neuen Art gegenseitiger Anamnese miteinander. Ein Gespräch habe ich mitgeschrieben, passen Sie auf: 

„Ich habe Rheuma.“ 

„Ich habe auch Rheuma!“

„Jeden Tag mache ich drei Stunden Yoga, dann Osteopathie und Akupunktur. Es ist besser als Kunst.“ 

„Ich nutze die Grinberg-Methode, Einrollen, Physiotherapie für psychische Probleme. Als hätte jemand Beton in meine Brust gegossen. Schmerz-Therapie gegen Melancholie. Jetzt viel besser. Ich habe jetzt andere, neue, bessere Probleme bekommen.“

„Es geht um Sensibilisierung.“ 

„Geheilt zu werden ist das Schlimmste was dir passieren kann.“

Man sieht nicht mehr, ob sie zusammenbrechen oder sich gerade wieder aufrappeln.

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.