REAL TIME

Kolumne
 Albert Oehlen Untitled , 2016 photo: def-image.com Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris
 Albert Oehlen Untitled, 2016 photo: def-image.com Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris
 Albert Oehlen Untitled, 2016 photo: def-image.com Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Stehen zwei Leute vor dieser neuen Zeichnungen von Albert Oehlen, Goethestr., Berlin Charlottenburg, in der Galerie Max Hetzler, und unterhalten sich. Der Eine ist lange im Geschäft und weiß alles. Der Andere, Jüngere, ist noch zornig und stößt deswegen mit dem Kopf hart gegen die Wandarbeiten:

 

„Ist das Bleistift auf Papier?“ 

„Nein, Kohle.“ 

„Ganz schön riesig, was?“ 

„Ja, 2 x 3 Meter.“  

„Der Maler, der hier zeichnet, hat im rechten Moment aufgehört. Das kann nicht jeder. Bei sowas kann man viel falsch machen. Und hier wurde ganz ganz wenig falsch gemacht.“ 

„Ah ja?“ 

„Die figurativen Elemente, die aufscheinen, sich wieder auflösen. Ist das dort ein Zahn, ein Fuß? Warum ist dieses Lamellenartige in der Mitte so übergenau gezeichnet? Das sieht ja mathematisch, das sieht ja eigentlich schon industriell aus. Hat Oehlen womöglich ein Werkzeug benutzt?“ 

„Warum sollte mir das nicht komplett egal sein?“  

„Weil du an die Abstraktion glaubst. Weil nur sie bestimmte Gefühle aufwallen lässt.“ 

„Findest du es nicht eigentlich sehr bourgeoise, wie du daherredest?“ 

„Dieses Malen hier, dieses Zeichnen, regt zur Kontemplation an. Man kann da lange reingucken. Dabei sind die Bilder geradezu anti-bourgeoise. Sie lassen auch Menschen, die nicht über eine kunstgeschichtliche Bildung verfügen, eine Bandbreite an Gefühlen empfinden.“

„Aber Oehlen hat doch mal Witze gemacht! Er war doch ein berühmter Witzeerzähler, ein geistreicher.“ 

„Schon lange ja nicht mehr. Andererseits, da ist doch alles noch drin. Heißer Typ, harter Typ, Polke-Schüler, Punk, Kippenberger, Bad Painting, Selbstporträt mit verschissener Unterhose und blauer Mauritius, usw. Usw! Ein Hardcore-Abstrakter war Oehlen sowieso nie. In seiner Malerei leben fast immer noch ausgestellte Fundsachen, die den Künstler von jeglichen Mystizismus freisprechen. Das Bild tut ja nur so. Das ist ja eben genau hier wirklich noch immer schwer am Irreführen. Siehst du da die Dalí-Referenz? Dort die frühen Modezeichnungen von Andy Warhol? Guck mal, da drüben läuft der Daniel Richter, wollen wir den fragen? Der wird dir das alles erklären.“ 

„Nein.“ 

„Nein?“ 

„Ich finds nicht lustig, ehrlich nicht. Was interessieren mich die Insider-Witze. Ich sehe: Einen Penis, der da von links oben so breit reinhängt ins Bild. Dein Werkzeug, das sind für mich Hoden, links davon ein halbes Herz und rechts die vertikal parallel stehenden Beine. Arsch ist auch da. Na und? Natürlich kann man sich bei Oehlen sicher sein, dass er wieder schlaue Fallen eingebaut hat. Natürlich geht es hier auch darum, Erwartungen aufzubauen und ins Leere laufen zu lassen. Und all die Widersprüche aufzumalen, zu zeichnen (!), die das Medium dieser Tage dafür bereithält. Das sehe ich ja. Aber warum soll mich das heute, fucking heute, interessieren? Ich sehe hier nämlich vor allem auch einen Haufen Leute, die andächtig tun vor Zeichnungen, die ein Maler in drei Minuten hingescribbelt hat. Und am Ende des Tages ist das dann Kunst der Mächtigen: Der Wissenden und der reichen Leute.“ 

„Oehlen hat einmal gesagt: ‚Wenn Malerei eine Form von Sprache ist, dann braucht sie keine zu ihrer Erklärung.‘“ 

„Das ist eigentlich ganz gut. Diese Bilder, vor denen wir hier stehen, während dort der Vito Schnabel mit seiner Entourage herumläuft und sich eins, zwei auswählt, sie bilden ja das Spiegelbild zu der zuletzt so oft durch einen ‚Internet-Assoziationszusammenhang‘ erklärten Kunst. Also DIS, Hito Steyerl, oder Ryan Trecartin – das sind ja, und das ist das Tolle an ihnen, Kunsthasser, eigentlich. Die wollen mit der Kunstgeschichte überhaupt keinen Dialog. Sondern mit der Welt, mit Pop, mit Realitäten, mit Jetzt. Wie sich das kapitalistische System selbst abbildet, diese Images, die interessieren die doch. Da wollen die mitmachen. Malerei ist überhaupt kein Thema. Auf der Berlin-Biennale-Webseite steht es ja: 120 Artists, 1 Painting. Ich finde das gut! Malerei ist eben kein Ort für Widersprüche, kein Ort, wo sich eine Welt darstellen lässt, in der alles auf tollste und teuflischste Art miteinander verbunden ist. Diese Kohlezeichnungen hier, die sind eben das andere Ende des Spektrums. Die sind das Außen.“ 

“Weil sich das eben auch kein 20-Jähriger traut. So viel Leere zu lassen. So viel Geste. Wirklich mal 20 von diesen luftigen Schinken zu malen. Die Vorstellung, wie der Oehlen da im Atelier steht und das herstellt, das finde ich das Geilste. Das ist wirklich das Beste, was es gibt! Was denkt der in dem Moment?“ 

„Aber was ist denn mit Christian Rosa und Oscar Murillo? Die machen doch genau dasselbe!“ 

„Ihre Bilder sind leer. Jeder weiß das. Oehlen ist wie Lagerfeld gerade in Paris. Alle haben irre Angst vor seinem Tod, denn er ist eben wirklich wirklich gut. Besser als die anderen. Und deswegen werden sie auch zu lebenden Säulenheiligen eines zerstäubenden, verrotteten Systems, dem der Sinn abhanden gekommen ist.“

„Unsinn. Diese Welten halten sich ganz hübsch ewig selbst am Leben.“

„Ja, wahrscheinlich. Aber das, wovon du da eben gesprochen hast, und ich nichts verstehe, das wäre wirklich das Ende der Kunst. Eine Kunstpraxis, die permanent begründbar ist, die sich nur noch zur Welt verhält, und zu Marketing und Werbung und am Ende des Tages etwas beitragen will, die schaufelt der Kunst an sich dabei ihr Grab. Wenn Kunst als Teil des Funktionssystems Zwecke, und seien sie noch so gut gemeint und begründet, realisieren will, ist es vorbei mit ihr. Sie unterwirft sich wie alles andere der Logik erfolgreicher Praxis. Sie verkörpert nicht mehr die andere dunkle Seite. Gewissermaßen ja, kein Außen mehr.“ 

„Sagt wer?“ 

„Zum Beispiel Carl Hegemann von der Volksbühne. Sobald ihr eine Rolle zugewiesen wird, sobald sie Verantwortung tragen soll, wird sie zu Servicekultur. Alta! Wie die Volksbühne bald unter Chris Dercon.“ 

„Weißt du, was ich am Ende ahne? Der Oehlen ist eben doch Pop. Der Auftrag der Kohle, der Farben, die Markierungen, die Kanten, die Aufteilungen und Verläufe, das Rumradieren. Das sind Töne, Riffs, Anschläge und Stimmen. Das will eine Sprache sein, die fernab der Sprache ist, oder? Die alleine funktioniert, wie Musik.“  

„Ja genau.“ 

„Eingängig, aber schnell hingehauen, den intuitiven Moment, die Zeit inhalierend.“ 

„Ja.“ 

„Welcher Popsong wäre dieses Bild wohl?“ 

„Vielleicht ‚And you don’t understand, ’cause it’s bigger than you‘ von John Martyn. Auf dem Album ‚Road to ruin‘, 1970.“ 

„Ja.“ 

„Bis dann.“ 

„Mach's gut!“ 

„Und hey, weißt du eigentlich, die erste Ausstellung von Albert Oehlen, 1981, bei Max Hetzler in Stuttgart, sie hieß: ‚Bevor ihr malt, mach ich das lieber.‘“ 

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Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.