REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Grolmanstraße 59, im goldenen Westen, gleich um die Ecke der Galerie Max Hetzler, eröffnet das Restaurant „Le Petit Royal“ mit einem, wie man sagt, Softlaunch. „Le Petit“, denn es handelt sich dabei um den kleinen feinen Verwandten des berühmten „Grill Royal“, Treffpunkt der Stars. Und im Gewimmel dieser Stars treffe ich plötzlich eine alte Freundin. 

In den Augen sieht man, wenn einer vom Weg abkommt. Wenn er die Gleise des Gesprächs zu früh verlässt und der Blick, statt konzentriert, querfeldein in der Gegend herumtastet. Hier nun schaut die Freundin zum Beispiel überhaupt nicht auf die leckeren 10.000 Austern, die draußen rund um das „Le Petit Royal“ für alle ausliegen. Ich nehme sie also etwas abseits, zwei Muscheln und Weißwein to go. 

Es sei nicht viel passiert in der letzten Zeit, sagt sie, es ist nur, dass sie nicht mehr so oft rausgehe, denn es wird ihr so schnell laut. Sobald eine Stimmung zu entfesseln drohe, und die große Gereiztheit wieder einsetze, müsse sie weg, nur, dass es zuhause dann oft auch nicht leiser würde. Viel Zeit verbringe sie im Internet, jedoch auch dort: Keine Ruhe. Je kleiner die Geräte, sagt sie immer wieder, desto lauter schreien sie einen an. Während sie das sagt, wirft sie die leere Auster in einen Vorgarten. Und spricht weiter.  

Sie wäre ja nicht verrückt, nur wache sie in letzter Zeit in der Nacht eben sehr oft auf und wäre dann hellwach und denke in kürzester Zeit und viel zu schnellem Wechsel über die unterschiedlichsten Dinge nach: Maria Scharapowa, die aufgeschobene Arbeit, Brüssel, Outsider Art, Husten, Donald Trump. Und über Alternative Rock. Und wie unvorstellbar es ist, dass so etwas heute existiert. Heute gäbe es nur mehr die Alternative für Deutschland (AfD).

Zuletzt bleibe sie häufig an so kleinen Geschichten hängen, wie Kleider aus Wolle an spröden Tischkanten. Das sagt sie wirklich. Vorgestern zum Beispiel wäre sie nicht darüber hinweggekommen, dass der berühmte Künstler John Baldessari (neben Henry Rollins übrigens, dem Sänger der Ultra-Straight-Edge-US-Punk-Band Black Flag) in dem neuen Levi’s Werbefilm mitspielt. Der sei doch sehr sehr alt und bereits sehr sehr reich. Warum nimmt er sich die Zeit? Will er die Leute abseits der Kunstwelt auf sich aufmerksam machen? Will er die Leute von Levi’s Jeans überzeugen? Will er das Geld? Will er das Geld spenden? Aber, fragt mich meine Freundin auf der Straße, will er denn gar kein Held sein? Will er nicht außen vor bleiben? 

Sie habe kürzlich den Trailer zu dem monumentalen Action-Highlight des Kinosommers, „Ben Hur“, gesehen. Verraten von seinem eigenen Bruder, befreit sich Judah Ben Hur aus der Sklaverei und will Rache nehmen. Wie LeodiCaprio in „The Revenant“ auch schon immer nur Rache nehmen will und Rache nehmen, das wisse sie ganz fest, sei, gerade heute, doch wirklich das Allerletzte. Und dann denke sie manchmal an Peter Lustig. Und dass dieser Peter Lustig bis eben noch die Inkarnation von allem war, was von den 68ern übrig geblieben ist, und sie überlege dann, dass es ja schon komisch wäre, dass historisch der Aufstieg der AfD mit dem Tod von Peter Lustig zusammengefallen ist, denn die AfD wolle ja bei all dem Blödsinn, den sie blöken, am Ende einen Paradigmenwechsel, und zwar das Ende der Herrschaft der Alt-68er und deren Gesellschaftsexperimente. Die Jugendorganisation der AfD heiße ja „Junge Alternative“ (JA). Und alle JAler glauben zu wissen: Wer heute rebellieren will, ist rechts. „Wir sind die Anti-68er, die Sex Pistols unserer Generation.“ Das sagen die. Und sie denke dann an diese neuen Wörter wie Staatsversagen, Volkskörper, Lügenäther, Gesinnungsethik und fände es eben selbst extrem, also wirklich beinahme schon extremistisch unangenehm, tendenziell eine müde, latent linke Idiotin zu sein.

Noch jede Generation von Künstlern habe sich über eine Rebellion definiert. „Where have all the art punks gone?“ - das schreibe der Guardian ja wirklich. Und wenn sie so etwas lesen müsse, dann würde sie, innerlich, praktisch ausrasten. Dann fühle sie sich verwirrt und alleingelassen mit zu vielen einander widersprechenden Gedanken. Dann wisse sie auf so eine einfache Frage am Ende, ganz am Ende, eben doch keine Antwort.  

Und in der neuen Ausgabe von Texte zur Kunst würde ein Mensch namens LilInternet immer wieder vom Hyperrealen und vom Hyperphysischen reden und sie konnte nicht umhin, dabei ständig an die Dance-Gruppe Scooter zu denken. Also dann eben an HP Baxxter. Und dann aber plötzlich auch an den österreichischen Rechtspopulisten HC Strache. HP Baxxter und HC Strache. HC Strache und HP Baxxter. Und dann wäre sie eben wieder in so einer Schleife drin und es sei ja nicht so, als bemerke sie nichts von dieser Schleife, in der sie dann gefangen wäre. Sie finde nur eben, praktisch bei vollem Schleifen-Bewusstsein, keinen Weg aus ihr heraus. Über Minuten, Stunden, ja, manchmal Tage.

Wir sind wieder angekommen bei den Austern und dem „Le Petit Royal“. An der Wand hängt, wie eine Referenz an die Rakete von Cosima von Bonin im Restaurant Pauly Saal, einer dieser in Netz eingepackten runden Teile eines CT-Scanners des deutsch-norwegischen Künstlers Yngve Holen. In der Mitte ein Loch von einer ganz ausgesprochen großen tiefen Leere. Und meine alte Freundin schaut also durch die Menschen, durch die Scheibe in dieses Loch an der Wand und lacht plötzlich in der Art, wie sie es früher auch immer gemacht hat, so leicht schief, als würde sie dabei an etwas ganz anderes denken.

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin. 

In der vorigen Kolumne Real Time ging es um zwei Leute, die sich vor den brandneuen Zeichnungen von Albert Oehlen streiten.