REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

Als die Messen zu Ende sind, fahren wir mit dem Zug von Brüssel nach Antwerpen. Es ist dieselbe Route, die der Erzähler in W.G. Sebalds letztem Roman „Austerlitz“ nimmt und die ihn am Ende in den Zentralbahnhof Antwerpens hineinführt, der ja einer der schönsten Bahnhöfe der ganzen Welt ist, und in dessen Wartesaal Sebalds Erzähler zum ersten Mal seinen Protagonisten Austerlitz trifft und dieser in dem Antwerpener Centraalstation en passant ein Beispiel für den „Baustil der kapitalistischen Ära“ ausmacht. Vor dem ausladenden, fast irremachend großem Bahnhofscafé, das mit Sicherheit das schönste auf der ganzen Welt ist, entsteht dann auch das Foto dort oben. Nachdem es passierte. 

Denn wie der Zufall es eben will, findet in der flämischen Metropole gerade in diesem Augenblick der nur ein Mal im Jahr und auch dadurch berühmte Designer Stock Sale statt. Lokalgrößen von absolutem Weltrang, wie Raf Simons, Dries Van Noten und Stephan Schneider, aber auch solche wie Walter van Beirendonck oder Ann Demeulemeester und Haider Ackermann, ein Gutteil also der so genannten Antwerp Six, die vor 25 Jahren und eigentlich seitdem von dieser klitzekleinen Stadt Antwerpen aus eine definierte Schule der Ästhetik in die Welt hinaustragen, was ja heutzutage an sich schon ein so genanntes Ding der Unmöglichkeit ist, laden an diesem Nachmittag zu reduzierten Preisen in großzügige Räume am Hafen.  

Wir also mit Unschuldsaugen in den Docks, überstürzt von riesiger Schönheit. Meine Freundin bleibt, noch bevor sie zu den Frauen weiterschreitet, für einen Moment schockgefroren vor einem Mantel für Herren stehen. Sie schaut zuerst verwirrt, etwas später realisiere ich: verliebt, diesen Mantel an. Ich streiche derweil mit Fingerspitzen über die angebotenen Kleidungsstücke, probiere Hemd und Hose, verschiedene Anzüge verschiedener Muster und tausche in der improvisierten Umkleide mit einem alten eleganten Herren einige Teile, die ihm zu groß und mir zu klein sind. Familien kommen herein und ganz dumm vor Aufregung und Glück bilde ich mir ein zu verstehen, warum die Leute in Brüssel und Antwerpen so viel besser aussehen, weil sie eben einmal im Jahr geschlossen in diese Docks pilgern und diese edlen und gleichzeitig einfachen Kleider einkaufen, die auf so unbeschreiblich feine Art genau richtig am Körper herabfallen. 

Und von Weitem sehe ich nun wieder meine Liebe, die hier namenlos bleiben soll, obwohl ihr wunderschöner und seltener Name doch mit M beginnt wie Mantel. Sie hat ihn nun bereits um ihren Körper gewickelt. Voluminös und kantig biegt der gummierte Stoff sich um die schmalen Schultern, ein raffiniertes blaues Muster als Ornament. Der eigentlich klassische Schnitt führt durch das latente Vielzugroßsein ins Bekloppte, dem geschulten Auge gibt es dadurch aber genau den Raum, dieses eben auch als japanisch, im Sinne einer Comme-des-Garçons-Dekonstruktion zu deuten, um dann am Ende zweifellos eine grandiose Skulptur zu erkennen, die den Körper gewissermaßen katastrophisch, und gleichzeitig elegant umschmeichelt. 

Nähertretend bemerke ich, dass sie keine Wörter hat dafür, die ihr Mund aussprechen könnte, sondern dass diese ihr stattdessen ins offene Gesicht geschrieben stehen: Sie hat sich darin, und im Blick in den Spiegel, eine neue Version von sich gefunden. Oder eine ganz alte. Vielleicht sieht sie sich, in Angedenken einer idealen Idee ihrer selbst, die sie als kleines Kind einmal hatte. Vielleicht fühlt sie sich einfach genau richtig? Das mit anzusehen ist wie Naturschauspiel. Das dann eben noch den verflixten Reiz des Geldes versprüht. Denn dieses Stück kostet ja trotz Sale zwar nicht mehr über Tausend, aber doch noch viele Hundert Euro. Und das haben die Berliner Jungkuratorinnen nicht einfach so auf Tasche, leider.  

Das ausgegebene Geld macht aber alles noch besser, denn es generiert unsichtbaren Wert und innigere Beziehung zum Stück. In diesem Moment, das begreifen wir beide, als wir uns ansehen, ist sie sich absolut bewusst ein totales, freies Subjekt im Kapitalismus zu sein. Popistische Mythenbildung, kommerzielle Interessen und die jahrhundertealte Geschichte aus Stoff und Schnitt verschränken sich mit Zeitgeist und Ich-Idee in diesem Moment in absoluter Vollkommenheit: Sich als das Kind seiner Zeit zu empfinden. M sieht hier im Dock, das muss man sagen, gleichzeitig bezaubernd und verzaubert aus.  

Und in diesem Moment denke ich, wie ich die Mode bewundere, weil sie dieses absolut richtige Gefühl zur falschen Welt hervorbringen kann. Weil sie eben doch demokratischer ist als der Komplex Kunst, an dem wir so selten kaufend partizipieren. Und dann denke ich aber wiederum an diese kaum bekannte Menschengruppe, die wir ja alle am Kunstbetrieb Mitarbeitenden viel zu selten kennenlernen, die aber doch das ganze System letztlich wie eine Sekte aus Geheimdienstlern zusammenhalten: Die Sammler. Wenn sie über die Messe gehen, durch Boothes wie Brands, Galeristen wie Designer, dann geht es doch nicht um Geld, sondern genauso wie bei Dries im Dock nur um Gefühle. Und von den belgischen Sammlern, so geben es mehrere Galeristen zu Protokoll, gäbe es ja ausgesprochen viele mit ganz ausgewiesen intellektuellem Geschmack und Interesse.

Später wieder in Brüssel sitzen wir in dem geheimen Restaurant, das das belgische Künstlerduo Jos de Gruyter und Harald Thys in einer Privatwohnung eingerichtet haben. Während wir das Essen einnehmen, das von der Bestellung und also dem ersten Cosmopolitan bis zum Dessert, eine Creme mit in Rotwein eingelegten Birnen, exakt sechs Stunden dauert und von einem herrlich bekifften Kellner serviert wird, unterhalten wir uns über das gläserne Passagendach, das die Geschäfte unten in der Galerie trocken hält, über den zugleich naheliegensten und niederträchtigsten Artikel auf Artnet und eigentlich auf der ganzen Welt, der sagt, „Who to Network With at Art Brussels“ und natürlich sprechen wir auch über das neue Visual Album von Beyoncé und wie es auch dort ja vor allem um Stimmung geht. Also eigentlich handelt es davon, wie Fantasie, Gesellschaftsgeschichte und privates Leben verschränkt werden. Von Mutter, Vater, Kind. Von den Südstaaten. Und der Identität einer schwarzen Frau. Von Betrug. Von Männern. Wobei Männer in den 100 Minuten auf völlig neue und geradezu revolutionäre Art im Bild praktisch nicht vorkommen. Von der Selbstvergewisserung und Selbstermächtigung einer Frau, die Popposen einnimmt und plötzlich, und zwar ganz anders als Rihanna oder Taylor Swift, diese Oberfläche verlässt und mit so einem unglaublichen Selbstbewusstsein in das Kameraauge schaut, dass sie sich unmittelbar selbst als freie Frau und gleichzeitig totales kapitalistisches Subjekt offenlegt. Beyoncé ist demonstrativ im Zusammenhang. Hat sie ihn im Griff? Sie steht in einem Verhältnis zur Welt, sagt sie, vor allem in einem Verhältnis zu sich selbst. Drüber weht immer der Wind, und durch die Halme, durch die Bäume, und sie spricht ultrapathetisches und gutes Zeug zwischen dieser religiösesten Gospel- und Mutmachmusik und über die quasireligiösen Naturbilder, genauso, wie man es aus den Filmen des Regisseurs Terrence Malick kennt, in denen das Gesellschaftliche auf so verführerische Art auch immer nur als die Rückseite der Natur erscheint. Das Licht ist weich, gütig und sanft. Erhaben und von surrealer Trance die Bilder und die Heiligkeit der Familie, wie eingetaucht in vielleicht falsches, womöglich richtiges Gold.

Am Ende des Tages lesen wir in dem neuen Buch des Soziologen Heinz Bude, das die Stimmung dieser Welt so gut einfängt wie ein Song von Beyoncé, in dem es die Stimmung dieser Welt zum Thema hat und die „Gefühle der Welt“ im Titel trägt. Dort steht geschrieben, dass, was die Gesellschaftsverhältnisse auf dem Globus angeht, alles besser und schlechter zugleich wird. Und dass das neue Fragen des Selbstseinkönnens aufwirft und einen anderen Sinn fürs Offenlegen und Zusammenfügen mit sich bringe. Ein lange nicht vernommenes romantisches Motiv der Durchpoetisierung der Welt, des Kommens von den Rändern und der Rekonstruktion der verstreuten Bruchstücke sei jedenfalls unverkennbar. 

Der Held Jacques Austerlitz, das ist ja weltbekannt, trägt übrigens schwere Wanderschuhe, eine Arbeitshose aus verschossener blauer Baumwolle sowie „ein maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett“. 

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin. 

In der vorigen Kolumne ging es um die Künstlerin Bunny Rogers, um die Mondscheinsonate und um Millennials in millenarian times.