REAL TIME

Kolumne

Jeden Dienstag schreibt Timo Feldhaus über das Wichtigste auf der Welt: andere Leute.

In dem Berliner Concept-Store „The Corner“ stellt die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ihre neuesten Porträts vor. Unter dem Namen „Berliner Gesichter“ sind unter anderem der Künstler Jonathan Meese, der Friseur Udo Walz und der Galerist Johann König verewigt. Alle schauen aus wie Mitte zwanzig. Viele der Gemalten hat sie einfach gegoogelt und direkt vom Screen porträtiert. Wahrscheinlich auch den Berghain-Türsteher Sven Marquardt. Jedes Bild kostet nur 3.500 Euro. Ihr Freund Jeff Koons hat die Ausstellung kuratiert. 

Bei den Thurn und Taxis handelt es sich bekanntlich um die größten privaten Großgrundbesitzer Deutschlands und die größten Waldbesitzer Europas. Als ich an der strenggläubigen Katholikin vorbeilaufe, höre ich sie sagen: „Ich kann an einem Tag ein Bild malen, mehr nicht, denn das saugt sehr viel Energie raus.“ 

Aus den 54 Galerieausstellungen des Gallery Weekends kristallisieren sich in diesem Jahr besonders zwei Trendthemen: Selbstverschönerung und Apokalypse. Sie bilden einen empfindlichen Schleier, der sich über die Tage legt wie das Wetter, unentschieden zwischen Eiskaltscheiße und Sommersonne.  

Zuerst zur Optimierung: Rachel Harrison zeigt in der Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler ein hölzernes Gerät mit Gymnastikringen, davor eine Kugel wie ein Gewicht aus orangefarbenem Zement. Die zentralen Skulpturen sind aber auf einem Tisch mit Stühlen dran aufgereiht, in einem der Galerie gegenüberliegenden grauen Konferenzraum, der sonst wohl als eben solcher genutzt wird (KTZ befindet sich im 4. Stock eines Bürogebäudes am Alexanderplatz). Die kontrastierenden bunten Skulpturen, denen weiße gefaltete Handtücher wie aus dem Gym anbei liegen, wirken wie melancholische Anzeiger einer Zeit, in der ein Konferenzraum noch Potenzial hatte, das nun in den digitalen Raum verlagert ist. Echtes Treffen. Was bedeutet diese erste Solo-Show einer der wichtigsten Bildhauerinnen ihrer Generation für die Galerie, die sich bisher besonders auf junge, weniger etablierte Künstler mit Hang zum Digitalen definierte? Jemand sagt: „Express your fitness in everyday life.“ 

Besonders schnell unterwegs ist Ed Fornieles. Viele nennen ihn dieser Tage den fitten Fornieles. Bei Arratia Beer bietet er eine Reise in die Kultur der Selbst-Verwaltung, die den Körper und den Geist als kontrollier- und stimulierbare Systeme begreift. Als der junge Künstler von London nach LA zog, habe er sich sehr vielen Diäten unterzogen, mir rät er die Bulletproof-Methode, die in mühevoller Forschungsarbeit im Silicon­ Valley entwickelt wurde. Auf FB benutzt Ed schon lange diesen listigen Fuchs-Avatar, hier kommt er auch überall vor. Einmal zum Beispiel sitzt er meditierend neben einem Skelett, beide auf Bürostühlen, darunter steht: „Dont cry over the past, it’s gone.“ Es überkommt mich ein ganz tiefes Gefühl zu meiner eigener FOMO-Seele und den vielen Schrecken, die ihr in den letzten Jahren und Stunden widerfahren sind. Damit soll jetzt Schluss sein! Man kann auch ein Starter-Paket für eine Diät erwerben, jedes davon fragt dich: “Who do you want to be?”

Die meisten von uns wissen vor allem: Wir sind nicht mehr jung und noch nicht alt. Es gilt die Jetzt-Zeit extrem gehaltvoll zu nutzen. Man selbst muss ja wirklich, weil es das Leben eben seit Jahrtausenden so vorschreibt, immer besser werden, nur ist das heute dann gleichzeitig umschattet von einer Breitseite Bewusstsein für die Apokalypse, deren Kommen noch nie so weit in die Gegenwart hereinzureichen schien. Und in dieser grundsätzlichen Großgereiztheit, die zwischen Weltverneinung und Weltbejahung, zwischen Weltflucht und Weltbezogenheit schwankt, lässt sich einfach prima Kunst gucken.  

Also Apokalypse: Dazu muss man die Bilder des Malers Victor Man bei MD 72 schauen, der so romantisch und zeichenvoll und schwarz malt. Vor dessen Bildern Sammler am Sonntag weinen, weil natürlich alles längt verkauft ist. Ich habe es selbst gesehen. Er bezieht sich unsichtbar auf Geschichten der Flucht. man muss in die Feuerle Collection gehen, das neue Museum, ein zweiter Berliner Bunker. Ich selbst habe zwar nichts übrig dafür, nackte schwarz-weiße Araki-Frauen neben allerhand kaiserlich-chinesischen Möbeln anzusehen. Aber es ist düster dort. Handys funktionieren nicht und einmal müssen alle still sein für eine Minute und jedes Licht wird ausgeknipst in einem engen Gang. Bomben. Geht zu Oscar Murillo und schaut die pechschwarzen riesigen Flaggen an, die Bettgestelle, die aussehen wie die gebrochenen riesigen Arme von Soldaten in Armeekasernen und durch die ganze Galerie führen. Geht zu Stephen G. Rhodes und seinem Kabinett der Chaoswelt bei Eden Eden. Auch dort gilt es ein riesiges Holzgerüst zu erklimmen, durch Stofffetzen zu schleichen, es ist laut, es ist fies, Schrottparkplatz unserer Ängste, im Keller das Video eines Pegida-Aufmarschs, dort eine Playmobil-Verpackung, darauf die flüchtende Familie aus dem bekannten „Refugees Welcome“-Scherenschnitt.

Es endet im Garten der Kunst-Werke, dort laden „DIS, Gaby, and the 9th Berlin Biennale Team“ zur bJuice Detox Bar. Die Leute haben alle Entgiftungssäfte in Ekelfarben in der Hand, die gesund machen sollen und dünn. Drüben sitzt Nik Kosmas und isst aus einer Tupperware selbst angebauten Reis mit grünen Blättern. Früher trug er synthetische Tech-Wear, heute Baumwolle. Aus den Boxen tönt sphärische Musik, in die immer wieder Namen von Künstlern der kommenden Biennale eingewebt sind. Ich frage Lauren Boyle von DIS: „Ist nicht Detox eigentlich Quatsch und etwaige Heilerfolge erwiesenermaßen ausschließlich Placebo? Ist nicht diese ganze Selbstoptimierungskacke total von gestern?“ Lauren gibt zur Antwort: „Es ist ein sehr widersprüchliches Getränk. Man scheint sich gut zu fühlen, wenn man es trinkt und sieht sehr umweltfreundlich dabei aus.“
 
Aber es ist ja auch gar nicht De- sondern Re-Tox, merke ich. Den Drinks können auf Wunsch Shots von Champagner zugemischt werden, während im Spike Office noch am selben Tag exquisiter Grüner Tee von Thirsty Moon aufgebrüht wird, der exakt die Farbe von Schaumwein hat. Alex Hunter weiß außerdem: Wenn, dann nimm IV-Booster, intravenöse Infusionen, sind von Miami bis London gerade der neueste Schrei. Man kann sie nach Hause bestellen oder direkt an den Strand, und sich dann dranhängen lassen. Blutreinigung am Beach, hilft sofort. 

Wer hier im Hof fehlt, ist Ed. Wir sahen uns noch auf der Party in Rummelsburg, am Ende der Welt, im alten Funkhaus Berlin, wo etwas abseits am Waldrand bei Sonnenaufgang ein Lagerfeuer glimmt und D und A und ich drum herum sitzend über die HIV-Erkrankung von Wolfgang Tillmans sprechen und über den Tod und über die 80er-Jahre und warum über Aids irrerweise überhaupt nicht mehr gesprochen wird. In der FAS hatte er nur einen Tag zuvor ein großes Interview gegeben, in dem er sagt, er habe die Erkrankung so lange geheim gehalten, wei er seine Kunst schützen wollte, „weil die Kunst von Künstlern, die an Aids gestorben sind, im Nachhinein oft mit einem Bewusstsein von Tod gesehen wird.“ Wahrscheinlich ist Ed dann zu Hans-Ulrich Obrist ins Starbucks gelaufen, wo er immer in der jeweiligen Stadt, in der er sich gerade aufhält, den „Brutally Early Club“ ausrichtet, sobald der Kaffeeladen eben aufmacht. Wir konnten das nicht tun. 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin. 

In der vorigen Kolumne ging es um einen teuren Mantel, einen Ausflug zu den Kunstmessen in Brüssel, über die Psychologie des Sammlers und was das mit Beyoncés neuem Album zu tun hat.