REAL TIME mit Jon Rafman

Kolumne
 Foto: Christian Werner
 Foto: Christian Werner
 Foto: Christian Werner

Für diese Serie trifft der Spike-Redakteur Timo Feldhaus Menschen, um kurz etwas Zeit mit ihnen zu verbringen. Zum Start: Ein Spaziergang durch Los Angeles mit dem Künstler und Filmemacher Jon Rafman, der Bekanntheit dadurch erlangte, dass er Bilder von Google Street View ausstellte. Er beweist, dass nicht alle so genannten Post-Internet-Künstler grundsätzlich geschichtsvergessen sind.

Der Grafikdesigner Dan Solbach stellt uns einander auf der Paramount Ranch vor, einer Kunstmesse, die auf dem Gelände einer alten Westernstadt am Rande von Los Angeles installiert ist. Die Sonne scheint strahlend auf unsere Köpfe. Wir sähen uns so ähnlich, lacht er, und als wir uns sehen, lachen auch wir. Einen Tag später treffen wir uns auf der Terrasse des Line Hotels. Neben dem kanadischen Künstler sitzt eine Frau, wir trinken Cappuccino aus großen weißen Papierbechern, vor uns rasen Autos. Ein bisschen reden: 

„Bist du Optimist, Jon?“ 

„Nein. Wir haben Dinge erschaffen, die uns fertig machen und die gehen nicht weg. Ich glaube auch nicht, dass sie durch den Einsatz von Technologie verschwinden werden.“

„Inwiefern hat moderne Kommunikationstechnologie die Liebe verändert?“

„Als das Telefon erfunden wurde, glaubten Kritiker, dass es unmöglich sei, das face-to-face-Gespräch zu ersetzen. Heute sprechen wir kaum mehr, sondern Schreiben am Telefon. Das erzeugt eine neue Intimität, die zuvor nicht existierte, weil die Präsenz der anderen Person, die Erfahrung durch ihre Stimme oder reine Anwesenheit vielleicht zu groß war. Vielen eher schüchternen Menschen mit seltsamen Interessen erlaubt das mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, ohne gleich aufeinander treffen zu müssen. Auf der anderen Seite: In Tokio will niemand mehr Sex haben, Intensitäten werden geringer, und ich habe dafür Verständnis. Vielleicht birgt das ironischerweise aber eine Lösung: Wir zerstören den Kapitalismus, dadurch dass einfach kein Begehren mehr da ist.“

„Ist das nicht ein hart ethnozentrischer Blick, den du auf die Untiefen und die Irren des Internets richtest?“ 

„Sicherlich ist das hochproblematisch und schreibt sich in eine bestimmte Form des Orientalismus in der Kunst ein.“

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Rafman gräbt nach den abwegigsten Subkulturen des Internets, seine Videoarbeiten über SecondLife oder das populäre Projekt „The Nine Eyes of Google Street View“ sind offen online zu schauen. Seine Praxis wende sich aktuell aber eher dahin, virtuelle Realitäten selbst zu erschaffen, als diese zu durchsuchen. In LA inspiziert Rafman dazu neueste 3D-Kameras. Gerade liest er im Web gerne liveleak und loureads. Beides ist nicht schön anzuschauen. Aber was ist schon das Schöne im Spiegel der Geschichte? Ich erinnere mich an ein frühes Gedicht von Baudelaire, es trägt den Titel „Meine Geliebte ist kein strahlendes Geschöpf des Luxus und der Mode“ und steht bereits im giftigen Glanz des Hässlichen und Kaputten.

Wir stecken mit drin, in der Science Fiction einer sehr nahen Zukunft. Es geht nicht mehr darum sie vorherzusagen, sondern sich die Gegenwart genau vorzustellen. Am Morgen bist du verliebt, am nachmittag liest du ein Buch, dazwischen FB, danach isst du einen Apfel und mit Glück verschwimmt all das zu Kontext, dann wird in deinem Stream aus Data Meaning und es ergibt sich die Möglichkeit eines ruhigen schönen Abends alter Schule. Jon trägt riesige weiche Turnschuhe und ein Hemd mit Flamingos darauf. Es sieht schön aus. Er trägt es offen. Dieser junge Mann hier mit dem schelmischen Grinsen bedeutet auf eine Art das gute Gewissen, der Gegenbeweis dafür, dass so genante Post Internet Künstler grundsätzlich geschichtsvergessen sind. Es kann nicht mehr darum gehen, aus dem Gegenwärtigen das Ewige herauszuschälen. Aber warum eigentlich nicht? Erscheint nicht weiterhin das Gesicht der Welt in den flüchtigen Erscheinungen ihrer Alltäglichkeiten? Das Internet ist das größte Banale, das es jemals gab. Sagt Rafman. Da heraus transkribieren wir unsere Zeitgenossenschaft. Im Keller der Wohnung seiner Eltern sitzt der Web-Surfer an seinem Crusty Keyboard, trinkt billige Limonade und lässt seinen Körper zugrunde gehen. Im Spiegel seines Screens leuchtet das Bild eines Flaneurs, der vor 100 Jahren die Arkaden Paris’ durchschreitet und nur Ruinen erkennen mag. Ein Internettroll, ein Cyberflaneur, der eine neue Art der Verfeinerung visiert. Rafman schaut ihm beim Zuschauen zu und macht das Antlitz einer leidenden Epoche sichtbar. Baudelaire betrachtete seine Zeit als verworfen, weil sie zu einer durch und durch ökonomischen, materiellen Welt geworden war. Der Internetphilosoph Evgeny Mozorov meinte zuletzt, dass mit dem Aufkommen des Web 2.0 und Social Media die eigentliche Idee des Websurfing vorbei ist, weil seitdem alle Informationen aus dem Internet per Algorithmus bereits dirigiert, alle Wege bereits gezeichnet sind. Dieses brutal neue Internet steht also schon im Schimmer der Melancholie? Rafman nickt feierlich gen LA-Sonne: 

„Die Leute sagen, das Internet-Zeitalter sei so neu, die Technologie habe alles verändert - ich denke, es ist sehr wichtig zu sehen, dass viele dieser Dinge in verschiedenen Formen bereits in der Vergangenheit existierten. Etwa die Informationsflut, die oftmals als Definition der Internet-Ära dient, ist so alt wie die Entstehung der modernen Stadt. "

Trotzdem. Natürlich geht es weiter darum, die Auswüchse und die Ausdrücke zu sammeln, zu jagen, einfach rumzugucken, mitzuschauen. Rafman liebt zum Beispiel den Ausdruck "doing it for the LOLs“. Er spricht ihn vor sich her, wie ein Mantra, und freut sich. Man müsse die Idee des LOL und seine Arbeit daran als Verfeinerung begreifen. In ein paar Stunden ist Superbowl, wir laufen noch ein bisschen über den Boulevard. 

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Fotos: Christian Werner 

 

 

Jon Rafman wird vertreten von Zach Feuer Gallery in New York, Seventeen Gallery in London, Balice Hertling in Paris and Future Gallery in Berlin.

Kommende Ausstellungen am: 

3. Mai bei Future Gallery, Berlin 
10. Mai mit Keren Cytter bei Zach Feuer Gallery, New York
19. Juni Soloausstellung im Musée d’art Contemporain de Montréal, Montreal