Der erste Tag des Berliner Gallery Weekend

Zeig mir den Weg nach Ngoro Ngoro

„Ruhe!“, ruft jemand über die Köpfe der parlierenden Medien-, Kunst- und Fernsehgestalter, die sich gerade aufgekratzt an die nicht leicht einzuordnende Tatsache gewöhnen, gegenüber des Cinema Paris am Kudamm in der Privatwohnung von Axel Springer herumzustehen und Salon zu spielen. An diesem Vorabend des Gallery Weekend wird „Blau“, die neue Kunstbeilage der „Welt“ präsentiert. Den besseren Wein gibt es an diesem Vorabend des Gallery Weekend freilich am Rosa-Luxemburg-Platz, wo Spike und der Kunstverein Yvonne Lambert Ausstellungen eröffnen und rund um die Uhr Bloody Marys ausschenken. Auf dem Balkon in Charlottenburg raucht Kunstkritiker Oliver Koerner von Gustorf in Chanel mit feinen blauen Streifen und erinnert sich, wie er mit dem Herrn im Anzug da drüben 1981 als Punk in der Stadt ankam. Hulkar Sabirova, Sopranistin der Deutschen Oper, fängt an zu singen: „Frühling, lass dein blaues Band hernieder“. 

Wahrlich, Berlin fächert sich gerade nach oben auf, es ziehen so viele Etagen ein wie Olivers Shirt Streifen hat. Draußen vor der Stadt, raunt man, ist eine zweite Stadt entstanden, nördlich des S-Bahnrings, aus Kunst gebaut und unvorstellbar vielen Menschen, Ngoro Ngoro, der geheimnisvolle Berg. Früh biegen am nächsten Abend Galeristen vom Gallery-Weekend-Empfang im Kino International ab um sich zu lösen aus der Welt der unsichtbaren Stechuhren und hinauszufahren in die Wildnis. Wir sehen uns in Ngoro Ngoro.

Dort draußen in Weißensee, hört man, lebe das Berlin der Achtziger auf, doch am wiederum entgegen gesetzten Ende der Stadt, in Moabit, ist New York Chelsea. Michael Haas hat hier eine gewaltige Industrieetage mit feinem braunem Holz ausgelegt und ein halbes Dutzend Riesengemälde von Franz Gertsch aus Museen ausgeliehen. Der 85jährige Gertsch sitzt auf einer Bank und betrachtet seine „Silvia I“ von 1998, die auf drei mal drei Metern skeptisch prüfend zurück blickt. Bis ins kleinste Detail in 12-Monats-Arbeit durchwirkt und belebt wie ein heran gezoomtes JPG-Bild, aus der Ferne unter Starkstrom stehend, machen Bilder wie die wütende „Irene“ von 1980 noch mal klar, was gründliches, unironisches Malerhandwerk vermag. 3,8 Millionen Franken kostet Gertschs neueste Malerei eines Waldwegs.

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François Morellet muss seinen 89jährigen Geburtstag zuhause feiern, er hat seine Ausstellung „DASH DASH DASH“ bei Blain Southern am Modell eingerichtet. Das repetitive Durchexerzieren geometrischer Formen in schwarzem Linol an den Wänden der Riesenhalle, naja, aber unbedingt hoch in den zweiten Stock und hinten in den Private Viewing Raum gehen. Da hängt eine Neon-Arbeit, deren Flackern man mit Fußpedal steuern kann (von 1964!) und sparsame, konzentrierte Zeichnungen, wie sie einst Sol LeWitt inspirierten (20 000 Euro, klingt fair).

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Beides ist weit entfernt vom jungen, amerikanisch-nordeuropäischen Berlin, das man aus dem Internet kennt. Zum Beispiel den Graffiti-Puffy-Paint-Lebkuchen der Ida Ekblad, mit der Max Hetzler seinen Bleibtreustraßen-Space ausgekleidet hat, in seiner derzeitigen Bemühung, sich ein Stück vom Glücksperlen-Kuchen der Jugend zu sichern. Um die Ecke in Hetzlers größeren Räumen in der Goethe-Straße wird zur Eröffnung Wasser in Flaschen gefüllt und verkront. „Let us meet inside you“, steht innen auf dem Etikett. Liegt es an den ernsten Räumen, dass Navid Nuurs vollgepackte Ausstellung wie eine Aneinanderreihung aus dem Trickbuch für Kunstbescheidwisser-Gags wirkt? In der schroffen Grotte von Plan B an der Potsdamer Straße fügen sich Nuurs Arbeiten viel organischer ein.

 

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Trotzdem, hallo, wie sehr die ganze angestrengte Kunstbemühung einem die Härchen aufgestellt hat wie die Magnetspäne, die Nuur von einem großen Stein ragen lässt, das merkt man, wenn man nach Kreuzberg kommt und den entspannten Thomas Bayrle trifft. Seine Kartonarbeiten bei Barbara Weiss sind verspielt und modellhaft und meiden jede abgeschlossene Geste. Eine richtige kleine Autobahnlandschaft hat er gebaut, auf der kleine Autochen verkehren, darüber ragt ein Kruzifix als Leitschild: links zur Maut, rechts zur Kirche. „Die jüdische-christliche Kultur hat ja die Technik hervorbracht“, erklärt der milde alte Mann. „Für mich führt schon immer ein direkter Weg von der Gotik zum Fließband.“

 

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Zum Abendessen in Charlottenburg rauscht Katja Blomberg vom Haus am Waldsee verspätet ein, sie kommt aus Ngoro Ngoro und schwärmt in hohen Tönen. Draußen sitzt Yngve Holen mit Ida Ekblad im Café Bleibtreu. Man müsste jetzt besprechen, wie viel seine netzüberspannten Frontteile von Körperscannern neulich bei Neu Isa Genzkens Skulptur aus einer Flugzeugwand mit Fenster verdanken, die Daniel Buchholz zeigt. Und ob die Art, wie Genzken doch noch ein bisschen Folie ans Fenster drapiert und eine Metallplatte daneben hängt, nicht fast schon manieriert wirkt, zu sehr Kunstbestreben.

 

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Aber es ist nach Mitternacht, Zeit dorthin zu fahren wo Fragen keine Rolle spielen, wo Menschen um brennende Feuer stehen wie in einem gealterten Science-Fiction-Film. Weit über 200 Künstler haben hier frei von allen Hierarchien einander eingeladen um was abzuladen auf dem 5000-Quadratmetergelände in der Lehderstraße 34, wo Jonas Burgert sein Riesenatelier und die Spendierhosen an hat. Während unten in Kreuzberg Johann König zur Eröffnung der St. Agnes-Kirche den Champagner in Strömen ausschenken lässt, entfaltet sich hier die ganze Peristaltik des Kunststandorts Berlin. Man irrt durch Kellergewölbe, dem Sound von „A Whiter Shade of Pale“ hinterher, zu dem auf einem Monitor ein Penner liegend Farbe kotzt. Der Kunst, die nebenan in Petersburger Hängung die weite Halle füllt, ist ihr Interesse an der Welt kaum anzumerken. Es ist, als laufe man durch Courbets „Das Atelier“. Die Massen, die kiffend auf Sofas lungern, sehen aus als wären sie schon immer hier gewesen und als würden sie für immer bleiben. Die Menschen, aus denen diese Stadt gebaut ist, die wie ein Kartenhaus in sich zusammen fällt, wenn jemand den Fuß weg zieht.

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Kolja Reichert ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.