Über Chris Dercon, unser Leben in Berlin Mitte, Gretchen Bender und das New Theater an der Volksbühne

 Die Volksbühne, heute, 29.4.2015, verkauft
 CHRIS DERCON UND CHRISTOPH SCHLINGENSIEF, MÜNCHEN, 2005 PHOTO: MARION VOGEL
 "Flimmernder Satellit in den Katakomben"    Gretchen Bender, Total Recall Installation shots Schinkel Pavillon (Prinzessinnenpalais) Courtesy of the Estate of Gretchen Bender Photo: Andreas Rossetti
 Gretchen Bender, Total Recall Installation shots Schinkel Pavillon (Prinzessinnenpalais) Courtesy of the Estate of Gretchen Bender Photo: Andreas Rossetti
 Gretchen Bender erinnert unabsichtlich an die ruinösen Räume der fantastischen 4. Berlin Biennale

Nach dem König der Kurator. Plötzlich wird eine längst zu den Akten gelegte Frage wieder akut: Was machen wir mit Mitte? Ein Spaziergang.

Das ist natürlich richtig toll, wie Chris Dercon, der weltgewandte Redner und charmante Belgier, bei seinem ersten Auftritt als Chef der Berliner Volksbühne am letzten Freitag die versammelte Hauptstadtpresse lahmlegt, die sich seit zwei Wochen in irgendwie ja auch geildeutscher Schwarzseherei und unnachahmlichen Unheilsfantasmen giert, ob der nun vollzogenen Ablösung des 100 Jahre herrschenden Frank Castorf, durch ebendiesen Leiter der Tate „besucherstärkstes Museum der ganzen Welt“ Modern.  
 
Hier, mit Blick auf den riesigen grauen Volksbühnenkörper in unserem Büro an der Rosa Luxemburg Str. auf einem Konstantin Gricic Drehstuhl sitzend, erinnere ich mich, wie ich zum ersten Mal dort drüben ein Stück von Schlingensief anschaute. Es muss um die Jahrhundertwende gewesen sein, ich weiß nicht mehr welches, aber dass das mehr als Theater war, so wie ich es bisher kannte, das weiß ich noch genau. Aus der Erinnerung heraus wird klar, wie wenig dieser ganze Männerschrecklichkeitsstreit, der da von Oberclown Peymann losgetreten wurde, zu dem Multimedia-Welttheater passt, das permanent oszillierend zwischen Installation und Performance und Text und Bild in der großen Blütezeit des Castorfschen Regietheaters dort aufgeführt wurde und immer noch wird. 

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Einen Katzensprung entfernt vom Roten Rathaus, wo Dercon seinen Amtsantritt einläutete, lässt sich dieser Tage eine Installation Gretchen Benders besuchen. Zum ersten Mal ist die Videoarbeit der 2004 verstorbenen amerikanischen Künstlerin in Berlin zu sehen, in den Kelleranlagen des Prinzessinnenpalais Unter den Linden, als Teil des Schinkel Pavillons. Der Besucher sieht vor sich vierundzwanzig in Reihen angeordnete Fernsehmonitore und drei Projektionsflächen im Hintergrund, die sich erst langsam monumental in die Sichtbarkeit flimmern. In achtzehn Minuten vollzieht sich ein rasender Bilderstrom aus Fernseh- und Filmmaterial, in schnellem Tempo zusammengeschnitten, vorwärts, rückwärts und in Zeitlupe abgespielt, perfekt begleitet durch die hypnotischen Industrial-Klänge von Stuart Argabright. In Benders Total Recall geht es um Power. Da ist jemand, der den um sie herum stattfindenden medialen Wandel genauso kraftvoll inhalierte, wie sie diesem entgegen zu pusten wusste. Die Größe entwickelt die Arbeit durch ihren Umgang mit den Zeichen: Diese eben nicht zu vertrashen und ihnen durch veränderten Produktionszusammenhang eine latent kritische Haltung abzuringen, sondern die neuen Medienkräfte sich anzueignen und ebenso kraftvoll in einen neuen Zusammenhang zu bringen. 

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Bei Vimeo habe ich mir später ein Video angesehen, aufgereiht auch dort eine unheimliche Power: Dara Birnbaum, Hal Foster, Robert Longo and Rirkrit Tiravanija sprechen eine Stunde ganz euphorisch über Bender, die noch immer ein bisschen Unentdeckte der Pictures Generation. Direkt klicke ich ein anderes Video. Eine Sendung der Reihe Durch die Nacht, in der Chris Dercon Matthias Lilienthal trifft, der seine größten Triumphe an der Volksbühne feierte, dann das HAU erfand, nun als Intendant an den Münchener Kammerspielen sitzt und wohl nicht unwesentlich an dem Dercon-Coup der Kulturchefs Renner und Müller beteiligt ist. Lilienthal hat sich für seine Arbeit die Figur des Kurators bereits angeeignet, bevor man Dercon diese Profession vorwirft. Und sicher muss man auch fragen, was diese neue volksbühne, der nun ihr ungeheuerliches Ensemble abhanden kommen könnte, denn in einem Hangar im stillgelegten Flughafen Tempelhof, einer neue „digitalen Bühne“ und dem Babylon-Kino den weiß Gott vielseitigen Multimedial-Programmen der Berliner Festspiele, dem „Tanz im August“-Festival und eben dem HAU noch hinzufügen soll. Denn die machen ja schon ganz schön viel von dem, was Dercon prinzipiell vorhat. Berlin will mehr Alexander Kluge, weniger Hans-Ulrich Obrist, das ist klar. In dem Gespräch aus dem Januar 2014 mit Lilienthal merkt man allerdings bereits, wie dem Belgier das alles auf den Geist geht, das ganze Geld da um ihn herum, auf dem Balkon der Tate auf London herabblickend. Lilienthal fragt ihn irgendwann:

„Kennst du die Volksbühne? Dieses Ost-Berliner Theater.“

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Die Arbeit von Gretchen Bender ist auf vielerlei Weisen eine wunderschöne, wie sie da gerade unter einer der wichtigsten Strassen Berlins präsentiert ist. Diese junge Frau hat im fiesen Kapitalismus-NY der Mitachtziger in ihrem Zimmer mit einer neuartigen Technik die neuartigen Zeichen der Corporate Culture gehackt und auf ihrem VHS Rekorder zusammenschnitten: animierte und manipulierte einige der ersten computeranimierten Firmenlogos, produziert für CBS, NBC und AT&T, zusammen mit Filmtitel in Großbuchstaben und Helvetica-Schrift, und die periodisch inaktiven schwarzen Löcher der Displays. Im Gegensatz zu den Strategien der Appropriation, mit denen ihre Kollegen der Pictures Generation arbeiteten, behandelt sie jedoch in ihrer Arbeit Bilder und Texte in völliger Entkoppelung von ihren Quellen als reine Informationsflüsse, die sie regulierte und lenkte. Es ist beim Zuschauen nicht möglich, nicht an die Arbeiten von Simon Denny zu denken, und die aufgetürmten Flatscreenwelten des nicht weit entfernten Media Marktes im Alexa. Zurück aus der Vergangenheit scheint hier genau im rechten Moment ein Satellit gelandet, der seine Nachfolger, die so genante Post Internet Art, am Peak ihrer Besprechung findet. Dieser Generation wurde 2011 mit der Leistungsschau Based in Berlin wohl etwas zu früh ein Lokal-Denkmal zu setzen versucht. Denn man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil dieser, heute gar nicht mehr so jungen, mittlerweile global agierenden Künstler, von der Frankfurter Städelschule oder direkt aus den USA kommend, sich in Berlin zusammenfanden, um intuitiv etwas zu erschaffen, von dem man sich gerade fragt, ob es eher ein ästhetischer Stil oder ein Netzwerk-Code ist. 

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Bender war 20 Jahre davor an den exakt gleichen Sachen dran. Bender ahnte viel. Sie benutzte den Titel Total Recall bereits 1987 in der ersten Ausstellung ihrer Arbeit im Projektraum The Kitchen in New York, drei Jahre bevor Paul Verhoevens gleichnamiger Blockbuster über Erinnerung und ihre Technisierung und Manipulierbarkeit in die Kinos kam. Ihrer Zeit gewissermaßen doppelt voraus und nun in Berlin gleichzeitig noch nostalgisch schimmernd - wie die Filmbilder in den dunklen Katakomben unter der Stadt leuchten, wie da der Staub vor den Screens dramatisch in Erscheinung tritt, erinnert das wohl unabsichtlich an die ruinösen Räume der 4. Berlin Biennale, die den Geistern der Stadt nachspürte, genau dadurch erstmals zur offenen Touristenattraktion wurde und hier unten nun einen melancholischen Wiederhall findet. 

Nun macht es kaum Sinn nach weiteren inhaltlichen Überschneidungen zu suchen. Die Dinge, sie schieben sich einfach übereinander in unsere Leben, Gespräche und Wirklichkeiten. Da drüben steht das Powerhouse Berliner Stadtschloss, bald soll es fertig sein, aktuell sieht man nur seine rohe Fratze. Noch vor gar nicht langer Zeit habe ich Castorfs 10-Stunden-Gastspiel Berlin Alexanderplatz im halb abgerissenen Palast der Republik gesehen. Es war Sommer, es hat Sinn gemacht. Dieser strikt um sich selbst kreisende Planet, die totale Kante und absolute DNA, das Unimitierbare - die Volksbühne - die Bert Neumann in einem Interview dieser Tage vielleicht am schönsten und unaufgeregtesten beschworen hat, sie ist nun eben bald Geschichte. Wenn ich vom Sitzen und Schreiben im Büro an der Rosa-Luxemburg-Straße einen Spaziergang mache, kreise ich um die Orte, die Dercon mit „letztem ungentrifizierten Teil in Mitte“ gemeint haben könnte: Der Buchladen Pro qm, der Sex-Shop, Mariella, die beste Schneiderin in Mitte, die Parteizentrale der Linken und das Babylon. Wenn man am Hinterausgang der Volksbühne vorbei schlendert, kommt einem eigentlich immer einer dieser abgekämpften Schauspieler, im Schweiß und mit irrem und schönem Blick und Jogginganzug entgegen. Plötzlich wird eine längst zu den Akten gelegte Frage wieder akut: Was machen wir mit Mitte? Was kann dieses Areal noch? Was macht Spike? Was wird Dercon tun?   

Dass nun alle schreiben und reden ist doch gut. Theaterstreit! Theatermann, kein Theatermann. Von Event spricht, wer schlau ist, sowieso nicht.

 

Die Diskussion, die nun über eine Hochbudgetierung der Volksbühne ausbricht, und die auf Kosten der Basis der armen Künstler gehen könnte, die noch weniger Stadtsponsoring erhalten, während die großen Künste ins Theater einziehen - es sind dieselben Fragen, die bei Based in Berlin geführt wurden. Deren Protagonisten treffen sich seit zwei Jahren in einem kleinen Off-Theater in Neukölln, das von den Künstlern Calla Henkel und Max Pitegoff betrieben wird. Und hier sitzt dann auch der Ausgangspunkt der Angst: Was man sich immer mal wieder euphorischbetrunken an der Bar des New Theater als Illusion einer besseren Welt imaginiert hatte: Dass das hier, was aktuell eben am coolsten und beklopptesten, kleinsten aber irgendwie auch besten ist, doch eigentlich an die Volksbühne gehört. Was auf der Landkarte des  klaustrophobischen, genialen Castorf natürlich niemals verzeichnet gewesen wäre. Es war ja nie so, dass in der Volksbühne nicht immer auch KUNST stattgefunden hätte, aber diese ganz bestimmte und komplette Abgeschlossenheit vor diesem, nun mit Hipstertum (Expats gabs in der Volksbühne überhaupt noch nie!) nur unzureichend beschriebenen Komplex, die war ja wahrscheinlich auch gerade gut so. Denn gerade heute sehnt sich die Meute nach geschlossenen Räumen. Aber genauso gut ist eben: Die Idee, dass das New Theater nun wirklich in der Volksbühne ein Gastspiel haben könnte, die ist nun mit Chris Dercon ein Stück viel denkbarerer Realität.