Venedig Biennale: Giardini, San Marco & Mailand

Eissalat im Datenpark
 Empfang der Bergen Assembly auf Guidecca
 Robert Smithson: Dead Tree, 1969
 Adrian Piper, Guardini
 Serial Classic“, Fondazione Prada, Mailand
 Elisabetta Benassi, Belgischer Pavillon
 Fondazione Querini Stampalia
 Simon Denny, Neuseeländischer Pavillon
 Hito Steyerl, Deutscher Pavillon
 Jimmie Durham: „Venice: Objects, Work and Tourism“ in der Fondazione Querini Stampalia

Man kann diese Biennale als Klang erzählen. Das Gebrüll der Vaporetti, das einem die jährlich verdrängte Tatsache ins Gedächtnis ruft, dass diese Dinger einen nicht näher an die Stadt, sondern immer nur weiter weg von ihr bringen, und immer zu spät. Der an jeder Hausecke crossfadende Widerhall von Bargästen, Klavierstunden und dem Klackern von Absätzen und Rollkoffern auf Stein, wenn man zu Fuß geht. Das Stampfen und Schreien, das durch die Büsche an den Kai dringt, von der Zweifrau-Band, deren Konzert gerade den britischen Pavillon eröffnet hat, wie man später erfährt, schade, verpasst (Fun Fact am Rande zum britischen Pavillon: Leute unter 50 rümpfen bei den Zigaretten, die Sara Lucas in die Hintern ihrer Skulpturen gesteckt hat, die Nase. Damen über 50 freuen sich). Oder aber der „Soundbrei“, wie Okwui Enwezor seine Ausstellung programmatisch betitelt hat. Vollständiger Titel: „Soundbrei. Monitore flimmern sich an. Oder: Alte Künstler und junge Künstler, die alt aussehen.“

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Welchen Betrachter mag Enwezor nur im Sinn haben, wenn er Alexander Kluges Lang-Filmessay „Nachrichten aus der ideologischen Antike“, den doch alle Kinder als DVD unterm Kissen liegen haben, auf Abstellkammer-Größe asynchron in drei Projektionen zeigt? Ist das der schlecht gemachte Protoyp für eine noch zu kuratierende Großausstellung oder ist es die Restekammer all der Großausstellungen der letzten Jahre, in denen sich doch längst gezeigt hat, dass diese Form von zugeknöpfter kuratorischer Richtigmacherei mit Parteitagsrhetorik nüscht und niemand etwas bringt, nur müde macht und fad?

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Leerlassen ist natürlich auch keine Lösung. Im Österreichischen Pavillon hat Heimo Zobernig eine tief hängende Decke aus schwarzem Linoleum eingezogen und im Hof ein paar Bäume pflanzen lassen. Bisschen bequem, nein? Was immer die Repräsentationsroutinen waren, gegen die das anlaufen soll, sie gelten eh nicht mehr, und so läuft das ins Leere.

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Man kann diese Reise als Eis erzählen. Dann müsste man in der besten Eisdiele der Welt beginnen, die soeben eröffnet hat, zweieinhalb Zugstunden von hier, in Mailand, sie ist aus Gold und heißt Fondazione Prada. Das Pistazieneis schmeckt nach Meersalz und das Schokoladeneis nach Schokolade. Und es ist geschenkt, denn angeblich stimmt die Konsistenz noch nicht. Danke, streikende Werktätige der Deutschen Bahn, wär unser Zug gefahr’n, wär’n wir nicht hier.

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Nicht ganz zu unterscheiden, welche Fuge in dieser Koolhaasschen Collage noch nicht fertig oder unfertig belassen ist, insgesamt ist der Komplex aber sehr schön geworden und hat einen fantastisch proportionierten traumschlauchhaften Kinosaal. In der klugen Ausstellung „Serial Classic" posieren die schönsten Marmorhelden der Antike und ihre gipsernen Reproduktionen aus Jahrhunderten und stimmen uns schon ein auf das, was uns auf dem knirschenden Kies der Giardini erwartet, die festliche Aushandlung von Anmut und Ansehen.

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Vielleicht sitzen ja auch einige Lokführer in den vollen Rängen von Enwezors tribunalhafter, möbelhausroter „Arena“, wo monatelang das „Kapital“ tot gelesen wird und jetzt drei Opernsänger Olaf Nicolais Remake von Luigi Nonos „Non consumiamo Marx“ von 1968 aufführen. Vielleicht fängt einer von ihnen einen der Bumerangs, die Nicolai von anderen Werktätigen auf dem Dach des Deutschen Pavillons umher schleudern lässt. Vielleicht lassen auch sie sich den Aperol Spritz aus Karaffen in Plastikbecher füllen, am Belgischen Pavillon, wo Vincent Meessen und Katerina Gregos zeigen, was Kuratieren heute kann: eine kleine Verdichtung und Verflechtung unterschiedlichster Blicke auf die Geschichte von Situationismus und Kolonialismus in Kongo und Europa, Gemeinschaftswerk aus vielen Künstlerhänden, ohne Zentrum, einfach guter Code.

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Der Hit, sind alle sich einig, die später auf der belgischen Party in einem antifaschistischen Club übereinander drüber klettern, um eins der käsetriefenden Pizzastücke zu ergattern. Hunger! Ganz vergessen.

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Eigentlich schön, dass diese Biennale im Zentrum in sich zusammen fällt wie eine morsche Bibliothek. So heben sich dagegen die wenigen guten Ausstellungen am Rande ab. Enwezor scheint noch daran zu glauben, dass es reicht, ein paar Folianten aus dem Regal zu ziehen und sich das Wissen dann auf magische Weise in Wirklichkeit übersetzt. Dabei ist der Boden dafür doch schon lange weggezogen, seit wir zunehmend Datensätze sind, einsortiert in einem Serverschrank in Utah.

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Es sind die Arbeiten auf Augenhöhe mit der Infrastruktur des digitalen Überwachungsstaats, die in der Lage sind, durch Haut und Gegenwart zu schneiden wie splitterndes Glas: Simon Denny, der für den neuseeländischen Pavillon in der Biblioteca Nazionale Marciana am Markusplatz die Fantasyspiel-Ästhetik der NSA vorführt und zugleich am anderen Ende der Lagune die Renaissance-Fresken der Bibliothek auf den Gepäckbändern des Flughafens im Kreis fahren lässt. Oder Hito Steyerl, die im Deutschen Pavillon getötete Widerstandskämpfer als Anime-Figuren Parade tanzen lässt – und mit einem die ganze Black Box umlaufenden blau leuchtenden Raster schon mal darauf einstimmt, wie das bald sein wird, wenn man selbst am Bildschirm gelöscht oder neu designt werden kann. Hoch die Gläser! Noch haben wir Körper.

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Kolja Reichert ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.