Venue: 1877 in Oslo

 Steffen Håndlykken und Stian Eide Kluge Alle Abbildungen: Courtesy 1857
 Austellungsansicht „Sunbathers II“, 2015
 Außenansicht Tøyenbekken 12
 Sean Landers, Around the World Alone (The Goucesterman) , 2015 Installationsansicht ”An Account Of Discovery And Wonder”

1857 ist ein von Künstlern geführter Raum in Oslo, der die Konventionen des Ausstellungsmachens herausfordert. Die beiden Gründer Stian Eide Kluge und Steffen Håndlykken sprechen mit Esperanza Rosales über Platzhalter, hässliche Bastarde und das Steuern des Schiffs.

Vor fünf Jahren habt Ihr Euren Raum in einem ehemaligen Holzlager im Osten von Oslo eröffnet. Was waren damals Eure Motivationen und wie haben sie sich seither verändert?

Steffen Håndlykken: Die Idee entstand, als wir völlig unerwartet diesen unglaublichen Raum in Grønland, im Zentrum von Oslo, entdeckten: ein früheres Holzlager mit einem riesigen Betonbau, der in den 1930er Jahren an eine verfallene, kleine Hütte aus dem 19. Jahrhundert hinten drangebaut wurde. Die Ausmaße des Raums, das Licht und seine Rohheit brachte uns auf all diese großartigen Ideen für Ausstellungen, die man hier machen könnte. Wir haben auch erkannt, dass wir damit eine interessante Position zwischen etablierten Institutionen und den informelleren, von Künstlern geführten Räumen, in der Stadt einnehmen könnten.

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Ihr habt einen poetischen Zugang zu Pressetexten und schreibt verschlungene, fast literarische Texte. Warum lasst ihr so viele Fakten weg?

Steffen Håndlykken: Man kann als Künstler viel Spaß damit haben, Ausstellungen zu organisieren und zu produzieren. 1857 ist ein andauerndes Gespräch zwischen Stian und mir über Ausstellungskonventionen und Displays. Das wirkt sich auf alles aus – welche Künstler wir einladen, wie wir deren Arbeiten zeigen und all diese kuratorische Handwerk, bis zur Architektur, der Beleuchtung, das Design und die Präsentation. Mit dem Pressetext verbringen wir wahrscheinlich die meiste Zeit, wenn wir eine Ausstellung vorbereiten. Es geht nicht wirklich darum, in den Texten etwas unerwähnt zu lassen, es ist nur so, dass das gängige Genre, ein Hybrid aus Werbung, Keilerei und kunsthistorischer Auslegung, ein besonder hässlicher Bastard ist. Noch bevor man eine Ausstellung überhaupt anschaut, werden oft schon die Texte gelesen. Und oft werden sie in der Show gelesen, oder wieder gelesen, was Beschreibungen der Ausstellung total redundant macht. Man weiß, dass es drei blaue Monochrome sind wenn man vor ihnen steht, oder? Wir wollen, dass ein Text parallel zur Ausstellung läuft, er soll zur Reflexion oder zum Zweifel über das Ausgestellte führen. Und außerdem ist es schön, wenn der Leser etwas lernt. Wenn wir auch manchmal schwärmerisch sind, mögen wir Texte, die auch Fakten bringen und nicht reine Poesie sind.

Stian Eide Kluge: Der Pressetext ist nur ein Platzhalter, eine leere Box als Teil der Familie, neben Titeln, Checklisten, Künstlern und Öffnungszeiten. In eine leere Box kann man alles werfen. Es gibt keine Regeln, nur Traditionen und Erwartungen. Text, der auf eine Seite limitiert ist, ist ein wunderbares literarisches Konzept und eine Herausforderung.

Wir erwarten viel von unserem Publikum, aber wir behandeln es auch als intelligenten Zuschauer. Nicht als Empfänger, sondern als Teilnehmer.

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Wie gehören diese Aktivitäten zu Eurer künstlerischen Praxis?

Stian Eide Kluge: Wir laden Künstler nicht einfach zu Ausstellungen ein, für uns sind das eher Kollaborationen. Künstler sagen oft, dass sie gerne mit uns arbeiten, auf einer anderen Ebene als mit Institutionen und Galerien. Wir geben ihnen mehr Freiheit.

Führt Eure Arbeit als Ausstellungsorganisatoren zu einem Konflikt mit Eurer eigenen künstlerischen Praxis? Sind Überschneidungen verlockend, oder ist das kein Thema für euch?

Stian Eide Kluge: 1857 sollte nie unsere Praxis verändern, aber zwang uns tatsächlich zu einer Art Pause: Zuerst, weil wir den Raum renovieren mussten und dann, als dieses gigantische Schiff letztendlich in See ging, mussten wir lernen, wie man das Gefährt steuert und lenkt, wir mussten lernen dessen Kapitän zu sein. Das brauchte auch Zeit.

Steffen Håndlykken: Ursprünglich hatten wir ein Atelier für uns selbst gesucht, und vielleicht naiv gedacht, wir könnten mit unserer eigenen Produktion weitermachen während wir den Raum betreiben. Aber es war nie Thema, unsere eigene Arbeit im Programm von 1857 zu zeigen. Es hatte auf jeden von uns eine andere Wirkung, aber zweifellos stehen wir beide als Künstler heute woanders als zu Beginn des Projekts.

Stian Eide Kluge: Bei mir führte diese unerwünschte Auszeit für meine Produktion zu einer sehr produktiven Veränderung meiner Praxis.

Wie seht Ihr die Zukunft Eures Projekts?

Steffen Håndlykken: 1857 ist ein Produkt unserer Diskussionen über die Eigenheiten und Grenzen des Ausstellungsformats. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass wir dabei zu einem endgültigen Schluss kommen. Wir werden wachsen müssen, institutioneller oder professioneller werden, um das Programm am Laufen zu halten. Wir sind immer noch abhängig von der Hilfe unserer Freunde, aber es wird der Zeitpunkt kommen, wo wir sie bezahlen müssen, um ihre Freundschaft und Arbeitskraft nicht zu verlieren. Stian Eide Kluge: Wir hoffen, dass wir den Mietvertrag behalten können. Wir hoffen auch, dass das Gebäude denkmalgeschützt bleibt, aber es sind auch andere Interessen im Spiel. Und gleichzeitig wollen wir uns nicht auf diesen Ort festlegen. Müssten wir in konventionelleren Räumen arbeiten, würden wir genauso gute Ausstellungen machen.

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Aus dem Englischen von Ruth Ritter

Die New Yorkerin Esperanza Rosales eröffnete 2012 die Galerie VI, VII in Oslo. Steffen Håndlykken (*1981) und Stian Eide Kluge (*1977) betreiben seit 2010 den Ausstellungsraum 1857 in Oslo.