Wie bewältigen 7 Milliarden vernetzte Körper eine Krise ohne Ende?

Als die neoliberale Wirtschaftspolitik 2008 an ihre Grenzen stieß, sagten alle: „Das ist das Ende einer Ära.“ Aber die Titanic braucht ewig um zu sinken, daher war den meisten von uns nicht klar, was wir da eigentlich sagten. Was zu Beginn wie eine Bankenpleite aussah, wurde zu einem langfristigen Sozialabbau in Ländern auf der ganzen Welt. Darauf folgten kaskadenartig die politischen und militärischen Konsequenzen: die Schuldenkrise in Griechenland, der Arabische Frühling, Occupy, die libyschen, ukrainischen und syrischen Bürgerkriege, die Flüchtlingskrise in Europa, der Aufstieg des IS-Terrors, der Rechtsruck in Lateinamerika, der Brexit, und die jüngsten US-Wahlen, von Kanonenschüssen in alle Richtungen flankiert. Jedes neue unfassbare Ereignis trifft uns wie ein medialer Faustschlag von Dutzenden verlinkten Devices – und noch bevor wir es speichern, verstehen, einen Plan haben oder eine Entscheidung treffen können, folgt der nächste Schlag, und der nächste, und der nächste. Wie funktioniert Demokratie in diesem Sog von Bedeutungen?Wer ist der Anhänger? Wer der Anführer?

Die turbulenten Ereignisse von 1968 entfesselten bis in die frühen 70er Jahre hinein eine ähnliche Welle von globalem Chaos. Aber damals waren die Ideologien des Kalten Krieges stärker als die Utopien der sozialen, sexuellen und psychischen Revolution, und brachten letztendlich eine repressive Stabilität zurück. Heute, im Schatten des Klimawandels, hat niemand solche Ressourcen aufrichtiger Inspiration oder eisernen Glaubens. Die Politik ist offenbar unter dem totalen Angriff der Nachrichten kollabiert.

 

Wir können nichts anderes tun als unsere Betroffenheiten weiterschicken, Message auf Message, von Körper zu Körper, wie explodierende Pixel in der Hitze unendlich pulsierender Bildschirme. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das bald zu Ende ist.

 

Der Globalismus hat eine noch nie dagewesene Konzentration von sozial und ökologisch unerträglichem Reichtum hervorgebracht, eine Oligarchie außerhalb jeder Kontrolle.Er ist zu korrupt zum Regieren, zu ungerecht um noch erträglich zu sein und zu mächtig um beendet werden zu können – ohne einen detaillierten, radikalen und allgemein verständlichen Plan, der länger als 24 Stunden, länger als 24 Jahre, Einfluss auf tausende Herzen haben könnte. Niemand wird einen solchen Plan umsetzen können, indem er einfach nur auf den Wellenlängen der Gegenwart schwingt. Wir sind am Beginn einer Ära, die große Philosophien und messianische Religionen hervorbringen wird. Die Geheimgesellschaften von heute verschwören sich nicht, verschlüsseln nichts, planen keine spektakulären Kampagnen oder mediale Coups. Sie treffen sich kontinuierlich und öffentlich, um ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, Gedanken auszutauschen, systematisch Trends zu verfolgen und Weltbilder zu erzeugen. Sie lernen sich anzupassen, sich zu erneuern und am wichtigsten – die Bemühungen ähnlicher Gruppen zu erkennen, ohne unbedingt sofort übereinzustimmen.

Ein anderes Selbst kann nur im Widerstand zum psychischen Tsunami der andauernden Krise entstehen. Sich aus dem neoliberalen Neuronennetz auszuklinken heißt nicht, neue Tatsachen, welterschütternde Ereignisse oder sekundenbruchteilschnelle Veränderungen zu ignorieren. Es bedeutet, Körper und Geist wieder einzuklinken in die notwendige und unvermeidliche Transformation des Systems Erde.

Aus dem Amerikanischen von Ruth Ritter

 

BRIAN HOLMES ist Kulturkritiker und lebt in Chicago.

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly #49 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.