"rumors and murmurs", Martin Beck im Mumok

Review

Detail aus Flowers (set 1) (2015)

„Nichts ist ohne Form. Doch zu manchen Zeiten rückt sie stärker in den Vordergrund.“ So beginnt Daniel Baumann seinen Essay in der letzten Ausgabe dieses Magazins, und so lässt sich auch in die Arbeit des in New York und Wien lebenden österreichischen Künstlers Martin Beck (*1963) und dessen Einzelausstellung im Mumok einsteigen. Auch für Beck als Vertreter der um 1990 aufkommenden Kontextkunst, die ihr Interesse auf die sozialen, kulturellen und ökonomischen Produktions-, vor allem aber Rezeptionsbedingungen von Kunst richtet, ist auch und gerade die Frage nach der Form relevant: Sie bündelt den Inhalt und gibt dessen Grenzen vor.„Formatieren ist ein manchmal brutales und manchmal ergiebiges Unterfangen [...] es ist ein Prozess des Ausschließens [...] aber auch ein Prozess des Klärens“, so Beck im Katalog.

Umgekehrt gilt auch: In jeder Form lauern Ideologie und Inhalt, was den kritischen Blick wie bei vielen 90er-Jahre-Künstlern auf Präsentationsfragen lenkt und das Ausstellungsdisplay zum zentralen Thema macht. Ein wesentlicher Werkblock im Mumok ist somit historischen Ausstellungsformaten gewidmet, in deren Mittelpunkt das Video About the Relative Size of Things in the Universe (2007) steht. Darin bauen zwei Künstler ein 1940 entwickeltes fexibles Ausstellungssystem auf und wieder ab. Zwischendurch werden die beiden zu einem Künstlergewerkschaftstreffen eingeladen, das sie aus Zeitmangel und mit Verweis auf ihren straffen Arbeitsalltag ablehnen – das modernistische Leichtbaudisplay als Symbol und Vorbote unserer durchökonomisierten Gegenwart, Rationalität in ihrer befreienden und zugleich einengenden Dimension.

 

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Becks Interesse an solchen Übergangsmomenten, an denen Form in Inhalt, vor allem aber auch ein Inhalt in den anderen kippt, zeigt sich mehrfach. Etwa an Strategy Notebook (2015), ein Video auf einem HD-Screen, in dem vor wechselnden monochromen Hintergründen Wörter wie „adapt“ oder „interpret“, die aus einem 70er-Jahre- Managementratgeber zur Kreativitäts- steigerung stammen, im Stil klassischer Konzeptkunst erscheinen. Auch bei der Fotoserie Flowers (2015), die das Entstehen eines prächtigen Blu- menbouquets in seinen verschiedenen Stadien – vom Wassereinfüllen in die 
Vase bis zum fertigen Arrangement – in neusachlicher Detailschärfe dokumentieren, ist ein Wechselspiel der Bedeutungen im Gange, das auf dem Mehrfach-Status von Blumen als Dekoration, Repräsentationsgegenstand und Produkt manueller Arbeit basiert.

Natürlich liegt in dem Vorgang des Vorselektierens und Zusammenfügens auch eine gezielte Parallele zum Ausstellen selbst. Das führt zurück zur eigentlich entscheidenden Frage: Welche Form wählt Beck für seine Schau? Wie auch bei den Arbeiten ist es eine hochpräzise Form. Die spezifische Abfolge von Werken an der Wand und im Raum, die zum Teil, wie die beiden spiegelblanken Paneele am Boden, nur strukturierende Funktion haben, ist wie aus einem Guss. Alles ist an seinem Platz, hat seine richtige Größe vor der richtigen Wandfarbe, eine Ausstellung wie eine Fest- oder Leiterplatte: rational, elegant, hochwertig. Mit Beck müsste oder könnte man fragen: Welche Inhalte liegen hier im Display verborgen? Wohin kann diese Form noch kippen, wenn alles selbstverständlich in einem ökonomischen Zusammenhang steht? Sie ruht einfach in ihrer perfekten Ästhetik, gehalten zwischen einer kritischen Vergangenheit und einer womöglich repolitisierten Zukunft. 

 

Martin Beck
"rumors and murmurs"
Mumok
6.5. – 3.9.2017

 

 

MAXIMILAN GEYMÜLLER ist Autor und Kurator. Er lebt in Wien.

Dieser Text ist in Spike Art Quarterly #52 erschienen, erhältlich in unserem Onlineshop.

 

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