Artist's Favourites von Metahaven

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 Digital betacam, Farbe & S/W 68 min, stereo Fotos: Johan Grimonprez & Rony Vissers © 1997–2003 Johan Grimonprez
  Digitaldruck auf Aluminium, Aufsteller Courtesy Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin
 Farbe, Magnete, Acryl, Vinyl und Metall auf Brett
 Die PowerPoint-Folien der amerikanischen National Security Agency
 Der Teppich von Bayeux , 11. Jahrhundert, Stickerei auf Leinen

JOHAN GRIMONPREZ

»Dial H-I-S-T-O-R-Y«, 1997

»Was die Terroristen gewinnen, verlieren die Schriftsteller.« Johan Grimonprez’ rastloser Dokumentarfilm über Flugzeugentführungen fuhr 1997 wie ein Blitz in die Documenta von Cathérine David. Als Vorgeschmack auf die 9/11-Ära und den so genannten Krieg gegen den Terror dokumentiert er das Entstehen eines Zeitalters globaler politischer Unzufriedenheit und nimmt deren mediale Auswirkungen unter die Lupe. Formal folgt der Film einer geradlinigen Chronologie von Flugzeugentführungen. Der Plot wird dabei durch die Musik von Van McCoy, einen aus Don DeLillos Romanen entnommenen Off-Kommentar sowie aberwitziges TV-Footage aufgelockert. Insgesamt wird »Dial H-I-S-T-O-R-Y« dadurch zu so etwas wie einem aufwühlenden »Pulp Fiction« der 90er-Jahre-Kunst, das sich bei allem Spektakel der allgemeinen Entpolitisierung der Zeit entgegen stellte, ja sie sogar überwand. Im Augenblick arbeitet Grimonprez an einem neuen Film, wir können es kaum erwarten ihn zu sehen.

*1962 in Roeselare, Belgien, lebt in Brüssel

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KATJA NOVITSKOVA

»Approximation II«, 2012

Eine Babygiraffe schmust mit ihrer Giraffenmutter in 5.000 dpi. Doch die Geschichte geht weiter – in Katja Novitskovas Skulptur jedenfalls buchstäblich. Die Rückseite dieser inszenierten Hyperrealität ist nämlich eine schwarze, minimalistische Silhouette, die nicht weniger interessant ist als die Vorderseite. Novitskova hat das Sandberg Instituut in Amsterdam [an dem Daniel van der Velden von Metahaven unterrichtet] absolviert, was aber nur ein Grund ist, warum wir ihre Arbeit verfolgen. Ihre visuelle Intelligenz eröffnet eine ganz neue Welt, in der sich eine reflexive, hoch - auflösende Pop-Philosophie mit einer dunkleren und tiefgründigeren Seite entfaltet – etwa in der Art eines Richard Hamilton. Ihre Kunst thematisiert und verkörpert zugleich die kurzlebige Autorität von Prognosen und spekulativen Ökonomien – eine Vorwegnahme der kommenden Welt – mit und ohne Natur.

*1984 in Tallinn, lebt in Amsterdam

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ÖYVIND FAHLSTRÖM

»World Politics Monopoly«, 1970

Öyvind Fahlströms politisch engagierten Kunstexperimente haben uns immer schon inspiriert. Und es gibt nicht viele Künstler oder Künstlerinnen, die wir beide, und das über viele Jahre hinweg, schätzen. Wir hatten das Glück, einige seiner Monopoly-Spiele im Original zu sehen, kennen seine anderen Arbeiten hingegen vorwiegend über Reproduktionen und seltene Kataloge, die wir antiquarisch kauften. Fahlström machte Malereien, Installationen, Multiples und Filme und war damit ein Multimedia-Künstler avant la lettre. Sein Thema war die Geopolitik, die er mit seiner eigenwilligen Variante von Proto- Pop-Art auf humorvolle Weise kommentierte. Fahlströms Bilder sind so leicht zugänglich wie Comic-Strips, zugleich aber bei aller Überladenheit mit Referenzen auch autonom wie Malereien. Im Schatten unserer neoliberal globalisierten Welt kann man sich kaum vorstellen, dass jemand bereits in den 60er und 70er Jahren so schöne und zugleich engagierte Kunst machen konnte, die heute noch aktuell ist. *1928 in Sao Paulo, † 1976 in Stockholm

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Die PowerPoint-Folien der amerikanischen National Security Agency

Das hypervisuelle Universum der Post-Internet-Welt wurde vor kurzem durch ein neues Mem bereichert – die von Edward Snowden »geleakten« PowerPoint-Folien der NSA. Normalerweise gelten PRISM, XKeyscore, Boundless Informant und andere Juwelen des Überwachungsstaats ja für nicht mehr als Beispiele »schlechten« Grafikdesigns. Aber hier geht es um mehr. Die Folien lassen nämlich wirklich jedes grafische Einfühlungsvermögen vermissen. Und noch wichtiger: Es wurde nicht erwartet, dass sie einmal einem größeren Publikum zugänglich sein könnten. Abkürzungen, Smileys, Insiderwitze und Wortspiele entfalten frei ihre Wirkung, und die Unbeholfenheit der visuellen Architektur erinnert eher an ein unaufgeräumtes Zimmer als an die Hässlichkeit von Comic Sans. Diese Folien zeigen, was passiert, bevor ein Design eingreift und die Botschaft für ein Publikum glättet. Die gigantische, von Akronymen beherrschte Schattenwelt der NSA hat offenbar ihre ganz eigenen visuellen Konventionen. Dank Snowden wissen wir nun wie sie aussehen – als ob ein Hakenkreuz durch seinen Schlagschatten ersetzt worden wäre.—

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»Der Teppich von Bayeux«, 11. Jahrhundert

Unbekannte(r) Künstler

Heute wird viel über Handwerk geredet. Warum also nicht auch über diese siebzig Meter lange, gestickte Bildergeschichte aus dem frühen Mittelalter sprechen? An der Oberfläche stellt der Teppich den heldenhaften Sieg Wilhelm des Eroberers in der Schlacht von Hastings dar. Dahinter verbergen sich jedoch wie immer zahllose Nebengeschichten. An einer Stelle liest man zum Beispiel ISTI MIRANT STELLA, »diese betrachten den Stern«. Gemeint ist der Halleysche Komet, der im Jahr 1066 die Erde in kurzem Abstand passierte und als gutes Omen für den Sieg Wilhelms gedeutet wurde. Der Teppich von Bayeux wirft damit auch Fragen über die Rolle des Grafikdesigns als Dokumentationsmedium – unter anderem eben von astronomischen Ereignissen – auf. Ist der Teppich eine Art Tagebuch? In seiner halluzinatorisch-narrativen Pracht hat er jedenfalls alles, was große Kunst braucht.

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Metahaven ist ein Forschungs- und Designbüro in Amsterdam, das im Zwischenbereich von Grafikdesign, Kunst und Architektur arbeitet. Es wurde 2007 von Vinca Kruk (*1980) und Daniel van der Velden (*1971) gegründet und beschäftigt sich mit der politischen und sozialen Dimension von Grafikdesign. Sie entwarfen etwa den visuellen Auftritt von WikiLeaks. Ihre Projekte waren bislang in Einzelausstellungen 2014 in der Future Gallery in Berlin, 2013 im MoMA PS1 in New York, 2009 im Künstlerhaus Stuttgart und Casco in Utrecht, sowie 2008 im CAPC in Bordeaux zu sehen. Ausstellungsbeteiligungen waren unter anderem Macht der Machtlosen 2013 in der Kunsthalle Baden-Baden, Gwangju Design Biennale 2011, Museum of Display 2011 bei Extra City in Antwerpen, und Manifesta 8 2010.