Curator's Key

Mmakgabo Helen Sebidis "Tears of Africa"
 Foto: Masimba Sasa 
 © Mmakgabo Helen Sebidi

Kuratoren sprechen über ein Werk, das für sie und ihre Arbeit wichtig ist: 
Gabi Ngcobo über Mmakgabo Helen Sebidis Tears of Africa (1987–88)

 

Die Verzerrung der Sinne ist unverkennbar: Eine Person versucht vergebens zu hören. Betroffene Taubheit. Bedeckte Augen. Zwei ineinander verzahnte Gesichter. Verlorene Blicke. Ein zähnefletschendes Tier. Die Entmenschlichung und psychische Unterwerfung durch den europäischen Kolonialismus ist das Thema der Arbeit „Tears of Africa“ der 1943 geborenen Künstlerin Mmakgabo Helen Sebidi , die das anhaltende Drama der globalen afrikanischen Diaspora anspricht. Die große Kohle-Collage auf Papier stellt Realitäten von Leben dar, die bis heute von rassistischer Ausbeutung gekennzeichnet sind. Sebidi löst sie aus ihrer südafrikanischen Umgebung und beleuchtet darüber hinaus die Erfahrungen der weltweiten afrikanischen Diaspora. Die Zeichnung verarbeitet also die Nachwirkungen des europäischen Kolonialismus, sowohl auf dem Kontinent wie darüber hinaus.

In „Tears of Africa“ geht es um die historische Amnesie vieler Gesellschaften, wenn es um das Vermächtnis von Sklaverei und Kolonialismus geht. In einer Welt, die dem kollektiven Wahnsinn entgegengeht – von nationalistischer und weißer Suprematie zur Flüchtlingskrise –, wirkt die Arbeit wie ein zeitloser Protest. Ihre Bildsprache visualisiert politische Kräfte, die erfahren und bezeugt wurden, und deren neurotische Realitäten gleichzeitig präsent wie unmöglich zu erfassen sind. 

Sebidis Werk zeigt die Notwendigkeit, die Geschichten auszugraben, die unterdrückt und bewusst vergessen wurden. So kann Versöhnung entstehen. Sie konfrontiert die komplexen und abscheulichen Mechanismen der kolonialen Regime, um aufzudecken wie diese nicht nur den einzelnen Körper beeinflussen, sondern auch die Körper ganzer Kulturen und Gemeinschaften. Für mich zeigt ihre Kunst, wie eine historisch notwendige Erkenntnistheorie aussehen könnte. Sie zwingt den Betrachter, sich Themen wie Selbstpositionierung, Macht, Verantwortung oder Heilung zu stellen. Um die chaotische und oft unbequeme Arbeit der Dekolonisation darzustellen, hat sie eine Bildsprache entwickelt, die es uns erlaubt, zu fühlen und mitzumachen – scharren, graben, aufdecken, auslöschen, auseinandernehmen und ihr vielleicht sogar unser eigenes Leben widmen.

 

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Die große Kraft der Kunst ist ihre Fähigkeit, den Status Quo monolithischer oder einseitiger historischer Narrative anzuzweifeln, sowie die Parameter, die sie bestimmen. Was passiert, wenn wir mit diesen Konventionen brechen? Wer oder was wird aus diesen neuen Räumen hervortreten? Aber auch: Was wird durch solche Experimente bedroht? 

 

"In einer Welt, die dem kollektiven Wahnsinn entgegengeht – von nationalistischer und weißer Suprematie zur Flüchtlingskrise –, wirkt die Arbeit wie ein zeitloser Protest" 

 

Künstlerinnen wie Sebidi helfen mir dabei, die Herausforderungen zu verstehen, mit denen zeitgenössische Kuratoren konfrontiert sind. In einer sich rasend verändernden Welt, in der Millionen vertriebener Menschen nach einem besseren Leben vorwiegend im Westen suchen, scheint Kunst einer der letzten Orte zu sein, auf den die Menschen ihre Hoffnungen und Träume projizieren. Daher ist es dringend notwendig, Kunsträume für eine Vielzahl von Stimmen und Ausdrucksformen zu öffnen, um uns dabei zu helfen, komplexe Narrative und Realitäten so zu verhandeln, dass eine lebenswerte Zukunft für die Mehrheit und nicht nur für die wenigen Privilegierten entsteht. Die Kunst hat das Privileg des Experimentierens, das uns erlaubt zu scheitern und von Fehlern zu lernen.

Durch die quälende Konfrontation des Betrachters mit den zerstörerischen Auswirkungen des Kolonialismus und Rassismus auf die menschliche Psyche und den Körper, führt uns „Tears of Africa“ zu einer klareren Sicht auf uns selbst und einer hoffnungsvollen Version dessen, was wir durch unsere eigene Entscheidung in Zukunft sein wollen. Die Arbeit hat keinen Anfang und kein Ende. Sie erzählt nicht die ganze Geschichte, sondern zeigt vielmehr einen flüchtigen Blick auf ein Universum, das in einer komplexen Spirale der Wiederholung gefangen ist. Sebidi zeigt uns, dass Tränen nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort die gleiche Bedeutung haben, sondern voller Nuancen sind und jeweils nach ihrer eigenen Aufmerksamkeit verlangen. 

Aus dem Englischen von Eva Scharrer.

 

GABI NGCOBO ist Kuratorin der 10. Berlin Biennale

Dieser Text ist in Spike Art Quarterly #53 erschienen, erhältlich in unserem Onlineshop.