Das schönste Gemetzel

Nicolas Winding Refns neuer Film „The Neon Demon“

Was bedeutet heute Schönheit? Und wie zerstört man sie? Der Regisseur von „Drive“ installiert in seinem neuesten Film eine totalitäre, vormoderne Variante von Beauty und ergötzt sich an sich selbst. 

„I Am The Future“ soll Nicolas Winding Refn einmal gesagt haben, und wer 2011 aus einer Vorführung von „Drive“ kam, hatte Grund der Selbsteinschätzung zuzustimmen. Nach diesem Instant Classic war gewiss, dass man den Regisseur Refn so schnell nicht wieder loswerden würde. Die zukünftige Beständigkeit versicherten Bilder, denen es trotz 80er-Signatur gelang, sich der eigenen Historizität zu entledigen. „Drive“ wirkte tatsächlich zeitlos.

Vermutlich hat Refn den Satz aber ganz anders gemeint. Seine Investition in die Zukunft besteht schließlich nicht nur im Willen, sich in einen Kanon einzuschreiben, sondern offenbar auch im Erschaffen einer eigenen Brand, deren Markenkern vor allem er selbst ist. Spöttisch wurde zur Kenntnis genommen, dass Refn sich nur mehr NWR nennt. Im Vorspann von „The Neon Demon“, mit dem Refn nach L.A. – den Schauplatz von „Drive“ – zurückkehrt, sind diese drei Buchstaben wie ein Logo gesetzt, man denkt gleich an Yves Saint Laurents YSL – und all das wird hier sinnfällig, spielt doch der Film im Mode- bzw. Modelbusiness.

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Die 16-Jährige Jesse, gespielt von Elle Fanning, kommt aus der Provinz nach Los Angeles, wo es ihr gelingt, innerhalb weniger Tage vom Mauerblümchen zum gefragtesten aller Models zu werden, dabei jedoch in eine sprichwörtlich kannibalistische Mühle aus Missgunst und Neid gerät. Zur Plausibilisierung seiner ins Fantastische wuchernden Geschichte behauptet „The Neon Demon“ eine Schönheit, die sich als naturgegebene Seinsweise begreift. Ein Rollback zu einer im Kern vormodernen Vorstellung also, in der Schönheit nicht fabrizierbar, sondern als metaphysische Qualität immer schon in der Welt ist. Keine Sekunde lang schert sich der Film um kulturalistische Einwände gegen eine solche objektive Existenz, vielmehr nutzt er sie, um eine Fantasy-Logik zu installieren, in der Beauty sich nur biologisch übertragen lässt. Wenn Jesse sich versehentlich schneidet, will eine ihrer Kolleginnen sogleich in der Wunde lecken, um sich an Jesses Schönem zu infizieren: Blut ist im Quasi-Horror von „The Neon Demon“ effektiver als ästhetische Chirurgie. Die Erscheinung der Hauptperson ist dabei von vornherein in etwas Mystisches gewendet, in etwas, für das die Konkurrenz zu morden bereit ist. Jesse hat weit mehr als ein 'gewisses Etwas', sie hat ein sehr 'bestimmtes Alles'. Dieses Alles bleibt im Film ohne erkennbares Kriterium, es wird schlicht als Tatsache proklamiert, charakterisiert etwa durch das ungläubige Staunen der Figuren, die Jesse begegnen. Eine ziemlich totalitär angelegte Schönheit ist das – und vielleicht sieht der Film auch deswegen mitunter aus, als hätte man Helmut Newton einen Farbeimer in die Hand gedrückt. 

Das Unvermögen von Jesses Neidern, deren Schön-Sein künstlich zu reproduzieren, ist zugleich, was NWR der eigenen Arbeit an Vermögen zuspricht. Das Anmaßende dieser Kompetenzverteilung, der Umstand, dass die (in ihrer Schönheit geradezu obszönen) Tableaus von „The Neon Demon“ Jesses Erscheinung noch überstrahlen können, gehört natürlich zu Refns (durchaus selbstbewussten) Programm. Anstatt zu beantworten, wie es sich für Jesse wohl anfühlt immer und überall die Schönste zu sein, wirft „The Neon Demon“ eher die Frage auf, wie es sich eigentlich anfühlt NWR zu sein. Fast greifbar wird, wie NWR sich am eigenen Kalkül und der Perfektion seiner Bildkompositionen ergötzt. Dafür gönnt der dänische Regisseur sich einen fast zweistündigen Anlauf, bis die schon in der Eröffnungssequenz angelegte, finale Gewalteruption (fester Bestandteil jeder NWR-Produktion) endlich eintritt. Zuvor aber werden dramaturgische Dynamiken einem gleichförmig-kontrollierten, fast gehemmten Erzählmodus geopfert. Doch erst diese Drosselung bereitet die habitable Zone für Refns unbändigen Ästhetizismus. Großkotzig und selbstverliebt kann man den finden, aber eben auch hochgradig genießbar. 

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Seinen Höhepunkt erreicht er in einer Szene, in der Jesse den Laufsteg betritt. Dort vollzieht sie ihre Performances in menschenleeren Settings. Nur sie selbst gibt es, ihre Schönheit, und manchmal noch ein paar andere Dinge: Einmal sind das vor schwarzem Screen schwebende Dreiecke aus Neonröhren – ein Jenseits, das sich Dan Flavin und Stanley Kubrick ausgedacht haben könnten, während sie sich im Himmel gegenseitig Witch House Platten vorspielen. Für GegenwartistInnen mögen solche Szenen seltsam dated anmuten und beweisen, dass NWR mit „The Neon Demon“ genau da scheitert, wo die Stärken von „Drive“ lagen. Zugleich matcht diese Szene aber mit einer von Refn intendiert schlicht gehaltenen Filmlogik, in der jeder gesprochene Satz noch unterstreicht, was Bild und Score sowieso schon suggerieren. Hier visualisiert sich Jesses Erkennen ihrer fast gottgleichen Schönheit als Ressource, und die einer Neugeburt gleichkommenden Bewusstwerdung darüber, dass sich die Welt bei nachhaltigem Ressourceneinsatz um sie zu drehen beginnen wird, ein Publikum vor dem Laufsteg also überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Refn scheint mit „The Neon Demon“ ein Film vorzuschweben, der ebenfalls kein Publikum benötigt, der sich in seiner Pracht selbst genügt. 

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Das nun muss ein Phantasma bleiben, tatsächlich kommt NWR nicht gänzlich ohne Konzessionen an sein Publikum aus, die den Film qua Realbezug immer wieder erden. So gibt etwa der Sarkasmus einiger Dialoge die Aufrechterhaltung einer kritischen Dimension gegenüber den Mechanismen des Business immerhin vor. Ausgerechnet in einem vor Oberflächenfetischismen nur so strotzenden Film darf man sich dann über die ach so oberflächliche Modebranche lustig machen. Und die kannibalischen Motive lassen sich leicht als Bild für eine sich selbst verzehrende Gesellschaft identifizieren. Doch keinesfalls will NWR die dahinterliegenden, sehr realen Ökonomien sezieren, er hat sie längst internalisiert. 

Sein Film weiß nur zu genau, dass das Kino makellose Körper und Gesichter ungleich hemmungsloser auszubeuten vermag als die Modelbranche selbst. Refn, der selbsterklärte „Sadist am Set“, kann diese Körper nicht nur zeigen und in Besitz nehmen, sondern sie darüber hinaus auch zerstören. Das ist der Mechanismus, den „The Neon Demon“ offensiv ausstellt. Es ist gar nicht zu entscheiden, wer hier eigentlich wen verschlingt. 

Kinostart von „The Neon Demon“ ist der 23.06.2014. 

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Christian Blumberg ist Autor und lebt in Berlin. 

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