In Digitalgewittern

Der neue ’Mad Max’

Es ist der Auftaktfilm einer neuen Mad Max-Trilogie: Tom Hardy beerbt Mel Gibson und bekommt mit Charlize Theron eine Partnerin zur Seite gestellt. Aber eigentlich spielt das keine Rolle, denn Regisseur George Miller interessiert sich vor allem für die Dinge. Und für Action als ewigen Zustand.

Erstmal zurückspulen: 1979 sah sich Mel Gibson noch einer überschaubaren Motorradgang gegenüber, deren Choreografien eher queeres Performancetheater denn eine Ausstellung jener Hard Bodies waren, die das Actionkino der folgenden 80er Jahre beherrschen würden. Ein nihilistischer Auftakt, vor allem ein Symptom des Einzugs des B-Movies in den Mainstream. Die Fortsetzung geriet bereits deutlich aufwändiger und teurer: Aus dem moralisch gleichgültigen Mad Max wurde 1982 ein gerechter 'Vollstrecker', dessen moralische Integrität einer postapokalyptischen Dystopie das dystopische Moment gleich wieder nahm. Stattdessen hangelte sich Mad Max durch eine ätherisch gefilmte Nummernrevue, die ihre visuellen Codes aus Steampunk, Hair Metal und BDSM bezog, sich aber zugleich alle Mühe gab, als große Allegorie auf den Kalten Krieg lesbar zu bleiben. Von da an war 'Mad Max' vor allem: Wüste, verunreinigtes Benzin, Schlieren, Staub, Sand. Jeder Buggy voller Gebrauchsspuren, gebaut aus gut gerostetem Schrott des Industriezeitalters, überall Signaturen der Arbeit. Und im dritten Teil, einer eher ulkigen Gesellschaftskritik– über die schon viel verrät, dass der ehemals Lederhosen tragende Post-Punk Max zunächst als langhaariger Lumpenträger, als 'Beinahe-schon-Braveheart-Mel Gibson' in ein territoriales Spiel gezogen wurde, das in einem Schweinestall begann und zwischen erwartungsfrohen Kinderaugen endete – sang Tina Turner: "out of the ruins / out from the wreckage / we are the children / the last generation / we are the ones they left behind / we don't need another hero'. Ein bisschen doof war das, korrelierte auch Inhaltlich nur noch mäßig, war aber wohl prophetisch gemeint: Das war dann 1985.

Nun ist 2015 und in vielen Wüsten dieser Welt herrscht Krieg. Worum 'Fury Road' natürlich weiß, aber er ist nicht länger von Politik besessen, sondern vor allem von Dingen. Von Sandstürmen, Oberflächen und, eh klar, von motorisierten Vehikeln. Dennoch ist 'Fury Road' beileibe kein Science Fiction Film, der ein vergangenes Zeitalter des Autos beschwört, schon weil denen die Texturen der Abnutzung weitgehend abgehen. Das ist Folge einer visuellen Strategie: Statt sich an der Patina des Mechanischen zu ergötzen, suhlen sich George Millers Bilder nun in Strömen des Digitalen. 

Dieser Wüstensand hier knirscht nicht mehr, er ist allein digitales Ornament und elegant fließende Oberfläche, ein verführerischer Schleier in 3D, der sich über alle Akteure legt. 

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Und der selbst dann noch Bewegung schafft, wenn die erwartbaren Ereignisse (one-on-one-Kämpfe an fahrendem Truck) kurz ruhen müssen. Die Rostablagerungen auf Motorhauben, die Legierungen, die die Wüste hinterließ: Sie sehen wie wohlarrangierte Farbverläufe aus. Das ist vielleicht der entscheidende Shift, der 'Mad Max' nicht nur aktualisiert, sondern ihm etwas wirklich Neues verleiht. 

Weil aber die Produktion vergleichsweise oldschool ausfiel, geht die Dimension der Arbeit doch nicht ganz verloren. Miller setzt auf On-Location Action, auf Stunts statt Animationen. Und wenn man über 120 Drehtage statt in einer Green Box an einem mit über 1000 Menschen besetzten Set in Namibia dreht, dann sehen am Ende vielleicht nicht die Protagonisten, wohl aber der ganze Film trotzdem nach echter Arbeit aus, da kann die Post-Production Unit eigentlich machen was sie will. George Millers Hi-NRG-Kino lässt sowieso wenig Zeit, um sich an Ästhetiken des Digitalen zu erfreuen, schließlich müssen die Autos irgendwann auch alle explodiert sein: Das aber tun sie in Digitalgewittern und hier gilt: Digital frisst Stahl. 

Zwei Stunden Dauerfeuer bedeuten dann auch einen Aktionszwang für Protagonisten, die in diesem Film überhaupt nicht mehr bewegungslos zu denken sind – egal ob es sich um Sandstürme, Autos oder Menschen handelt, deren Steampunk-Kostümierung 2015 um ein wenig Biotech ergänzt wurde (Prothesen). Action als ewiger Zustand. Das ist ermüdend, aber eher im Sinne von geil repetitiv. Das Ausbleiben von dramaturgischen Kniffen – (linearer als 'Fury Road' kann ein Film eigentlich gar nicht erzählen) – gerät angesichts eines Films, der nur Showdown ist, eher zur Stärke. Und was übrigens die Handlung angeht, you guessed it: Mad Max macht sich mit seltsamen Wüstenstämmen gemein und kämpft an ihrer Seite gegen die Warlords wiederum anderer, noch seltsamerer Wüstenstämme. Immerhin trifft er 2015 dabei auf Charlize Theron aka Furiosa – in Genrekonventionen gemessen ein tatsächlich einigermaßen starker Frauentypus. Aber fragt der Film überhaupt nach Frauen und Männern? Nach einem Du und einem Ich? Nach Subjekten? Nur selten. Diese Fragen bleiben auf die Fortsetzungen vertagt. Zum Auftakt fliegt stattdessen immer irgendetwas in die Luft – das aber mit geradezu rührender Leidenschaft.