„Doppelleben“ im Mumok Wien

Review
 "Doppelleben" Ausstellungsansicht im Mumok, Wien
 "Doppelleben" Ausstellungsansicht im Mumok, Wien
 "Doppelleben" Ausstellungsansicht im Mumok, Wien
 "Doppelleben" Ausstellungsansicht im Mumok, Wien
 "Doppelleben" Ausstellungsansicht im Mumok, Wien

Das Allerbeste an dieser Ausstellung ist das Display von Kuehn Malvezzi.„Doppelleben“ zeigt Videos bildender Künstler, die „auch ein musikalisches Werk geschaffen haben“. Sie hängen hier wirklich wunderschön slick von der Decke.

Es ist perfekt: Man läuft zwischen den Wänden durch die großen Räume, springt in Kontexten und Zeiten, die Kopfhörer sind nicht immer leicht zuordenbar, und es ist egal, weil bei dem Thema nichts Ganzes ausgestellt werden kann, stattdessen frei kombinierbare Teile. Die Grenzen der beiden Welten sind oft fließend: Welche künstlerische Produktion ist primär, welche sekundär, wie hängen sie historisch, kulturell, sozial zusammen, und wo verlaufen die Linien? Das kann jemand wie Diedrich Diederichsen in einem dicken Buch erklären und es gibt ein Kapitel in „Über Pop-Musik“ (2014), da tut er das am Beispiel einiger Künstler, die sich hier wiederfinden.

Eine Erkenntnis ist aber vielleicht, dass an der im Raum stehenden These, bildende Künstler könnten interessantere Musiker sein als einfache Musiker (Künstler als Vorreiter im Feld reduktiver Musik sind ein Wandtext-Thema), weil ihr konzeptueller Blick geschulter ist, nichts dran ist: Den größten Spaß bereiten die Videos, in denen die Performances direkt sind und Intensität haben, die von Szene zeugen und von Gegenwart. Auch deshalb geht man besser nicht davon aus, hier etwas über den Einfluss bildender Kunst auf Musik vermittelt zu bekommen und skippt lieber durch die Nuggets, Youtube/Ubu/Dailymotion IRL: Suicide live in L.A (1979); eine Stunde Throbbing Gristle-Konzert im englischen Internat (1980); Auftritt der Alma Band (Martin Kippenberger, Albert und Markus Oehlen, Josef Danner, Herbert Brandl), Mikrofon geht nicht und Kippenberger fegt über die Bühne im 20er Haus (erstmals ausgestellt); Kathryn Bigelow im Frauenchor von The Red Krayola mit Art & Language (1976), Mike Kelleys Destroy All Monsters (Compilation von Konzertmaterial 1971–76), Pipilotti Rist singt bei Les Reines Prochaines am Weltfrauentag 1989 in einer Luzerner Parkgarage. Diese Auftritte stehen im Gegensatz zu konzeptueller Tonsetzerei wie der von Hanne Darboven, hier ausgeführt von einem Bassspieler im Universitätsinsitut für Musik in Trondheim. Historisch interessante Ausnahmen finden sich immer: John Cage läuft 1959 durch eine amerikanische TV-Familiensendung, erzeugt mit Alltagsgeräten nach striktem Zeitplan Geräusche („Water Walk“), und das Publikum lacht über den „Freak“.

 

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Im oberen Stock der Ausstellung gibt es einen Extra-Bereich für die Österreicher, die die Auflösung der Grenzen zwischen den Welten schon immer besonders gut konnten. So etwas wie Peter Weibels Hotel Morphilia-Orchester-Austro-Pop-Gaudi „Dead in the Head/Tot im Kopf“ (1980) ist allerdings fast schon zu aufgelegt rübergelehnt von der Kunst in die Musik. „Doppelleben“ sind dann interessant, wenn man sie nicht als solche erkennt.

 

„Doppelleben“
Mumok Moderner Kunst
23 Juni –  11 November 

 

ROBERT SCHULTE  ist Editor bei Spike. Er lebt in Berlin.

 

– This text appears in Spike Art Quarterly #57. You can buy it in our online shop –

 

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