Konstellationen leuchten auf

Essay: Post Work
 Henri Cartier-Bresson "Men Laying on Grass, Boston, Massachussetts, USA" (1947)

In einiger Zeit könnte die Vollautomatisierung das Ende der Arbeit bedeuten. Und dann, was tun? Die Antwort liegt vielleicht nicht vor, sondern  hinter uns.

 

Wer letztes Jahr die Venedig Biennale besuchte, wurde in Christine Macels „Pavillon der Künstler und Bücher“ von einer fast schläfrigen Atmosphäre empfangen. Beim Betreten der warmen Räume (in den anderen Pavillons war es Mitte November schon ziemlich kalt), stieß ich als erstes auf einen Text über die Etymologie und Begriffsgeschichte von „otium“ (Freizeit oder Muße) und „negotium“ (Arbeit oder Geschäfte): ein Gegensatzpaar, das in gegenseitiger Abhängigkeit steht. Der zweite Begriff ist das Gegenteil oder die Negation des ersten, aber nur, weil er ihn einbettet oder eher durch sein Präfix gebettet wird. Und auch auf den Wänden ringsherum breiteten sich „Bettungen“ in Bildform aus: Mladen Stilinovic, der sich durch die acht Fotos von „Artist at Work“ aus dem Jahr 1978 schläft. Das gleiche Motiv noch mal auf zwei großen Inkjet-Prints mit fast identischem Titel „Artist at Work Again“ von 2011 und 2017, als wäre er zu müde gewesen sich etwas anderes auszudenken. Daneben Franz West schlafend, ein Schnappschuss von Friedl Kubelka aus dem Jahr 1973. Und davor ein West-Sofa (zumindest sah es so aus), neben das Macels Team ein Warnschild mit der offensichtlich notwendigen Aufschrift non sedersi/do not sit aufgestellt hatte. Einen Raum weiter die Zeichnung „Behold Man!“ von 2013, auf der Frances Stark sich selbst porträtiert hat, auf einer Couch liegend. Im nächsten Raum traf man auf eine lebensgroße, in Decken gehüllte Figur mit verwuschelten Haaren, ausgestreckt auf einem Metallbett, die Installation „The Artist is Asleep“ aus dem Jahre 1996 von Yelena Vorobyeva und Viktor Vorobyev.

 

"Ökonomisch betrachtet kann das Reich von Kafkas künstlerischer Produktion als eines des negativen Eigenkapitals bezeichnet werden"

 

Ich sollte erwähnen, dass ich anfing diesen Essay in meinem Bett zu schreiben, auch wenn ich mittlerweile aufs Sofa weitergewandert bin. Diese Umgebung scheint die richtige. Während ich dort fläze, merke ich, wie sich meine fließenden Gedanken an die Falten und Plissees der Gedanken anschmiegen, die von besseren, fauleren Schriftstellern gedacht wurden. 
 Baudelaire beschwert sich, oder prahlt in seinem Prosa-Gedicht „Der schlechte Glaser“ von 1915, damit, „müde vom Nichtstun“ zu sein. Kafka beschreibt 1919 in seinem „Brief an den Vater“ (der niemals abgeschickt wurde und eher sein literarisches Manifest ist) ein komplexes ökonomisches Schema, nach dem er in seiner Kindheit und Jugend intellektuelles und kreatives Kapital anhäufte, indem er das Vermögen seines erfolgreichen Vaters verplemperte. Er zog sich zurück, verschlang Bücher oder verfaulenzte „mehr Zeit auf dem Kanapee [...], als du in deinem ganzen Leben.“ (Jeder, der mit Kafkas Schlüsselerzählung „Die Verwandlung“ vertraut ist, erkennt auch dort die Sofa-Metaphorik). Ökonomisch betrachtet kann das Reich von Kafkas künstlerischer Produktion als eines des negativen Eigenkapitals bezeichnet werden, dessen Produktivität (mit Macel formuliert: sein negotium) genau seiner eigenen Unproduktivität (otium) entspricht. Dieser verschwenderische Mechanismus erinnert wiederum an Georges Batailles zahlreiche Abhandlungen über die Beziehung von Gebrauchs-, Tausch- und Mehrwert, und die ruinöse Verausgabung, die für ihn der Brunnen ist, aus dem alle Kunst fließt. Wie vergossenes Blut, eine unendliche Gabe …. 

Die Gedanken und Verbindungen nehmen Kontur an, geformt von meinem Sofa, während das Notebook meinen Schoß wärmt wie eine schnurrende Katze, und ich erkenne wie durch einen Opium-Nebel langsam den Umriss des Essays, den ich schreiben soll. Bataille contra Marx … dépense sans retour … Potlatsch … Kultur der Gabe … irgendwas über Lewis Hyde … und Situationismus … dann … irgendetwas anderes …. Bald gibt es bestimmt eine App oder eine Software, die diese Lücken füllt, während ich wegdöse. (Übrigens: Vor etwa einem Jahr habe ich von einem Programm für faule Autoren gelesen. Es soll produktiv machen, indem es Schreibpausen verordnet. In diesen Pausen soll man dem Dokument keine weiteren Zeichen hinzufügen – und wenn die Pause die voreingestellte Zeit, zum Beispiel fünfzehn Minuten, erreicht hat, beginnt das Programm die Wörter zu löschen, die man zuvor geschrieben hatte. Die Programmierer dachten, dass die Drohung eines unwiederbringlichen Verlusts jeden Schreiber in eine solche Angst versetzt, dass er nach 14:50 Minuten zu sintflutartigen Schreibergüssen getrieben werde. Ich sah darin eher, ganz nach Beckett, ein perfektes Werkzeug für den Schriftsteller: Man beginnt mit einem komplett fertigen 80.000-Wörter-Text, legt die Füße hoch und schaut dem Programm dabei zu, wie es langsam die Zeichen frisst. Vom Geplapper der Stimme zurück zur vollkommenen Stille, von den Flecken der Sprache zurück zur wunderbaren Leere). 

 

"Aber was wird aus den Arbeitern? Es ist eine schöne Vorstellung, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen sie zu Dichtern, Künstlern und Philosophen macht..."

 

Wir rennen, oder zumindest fläzen hier gegen die Automatisierung an. Und das gilt nicht nur für die Avantgarde der Schriftsteller: Es ist das Zeitalter, in dem Traktoren sich selbst steuern. Bald werden alle Felder des amerikanischen mittleren Westens automatisch bestellt und von Robotern geerntet. Aber was wird aus den Arbeitern? Es ist eine schöne Vorstellung, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen sie zu Dichtern, Künstlern und Philosophen macht – vielleicht sogar, um direkt zum kritischen Ende der Marxschen Fantasie (in „Die deutsche Ideologie“) zu führen: in eine ideale kommunistische Gesellschaft, wo man morgens jagt, nachmittags fischt, abends Viehzucht treibt, und nach dem Essen kritisiert. Selbstverständlich gibt es auch eine Geschichte der Kulturproduktion der Arbeiter: Theater, Literatur und Musik, kollektiv hervorgebracht in der hart erarbeiteten Freizeit. Könnte das unter neuen Bedingungen nicht neu erblühen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das weniger utopische, traurigerweise aber viel realistischere Szenario hunderttausender entlassener Landarbeiter, die wie Zombies in Opioid-Trance herumstreifen, in eine erweiterte Performance umzudeuten, verlangt einen ziemlichen Akt der Vorstellungskraft. 

Die Frage aber bleibt: Wenn die Arbeit immer weiter automatisiert wird, was bedeutet das für sie und ihre Produkte, nicht zuletzt für die künstlerischen? Ich bin kein Orakel, aber wie Walter Benjamin schon genau verstand, liegen die wertvollen Körner der Erkenntnis nicht in einer fernen Zukunft, sondern auf dem Acker der Vergangenheit. Ich versuche hier von meiner Couch aus einen Schlusspunkt in schon bestellter Erde zu finden: einen Mallarmé-Text von 1897, der sich zu diesen Fragen in fast prophetischer Weise äußert. In dem kurzen Prosastück „Konflikt“ beschreibt Mallarmé, wie er sich jedes Wochenende in ein Haus vor Paris zurückzieht, wo er inmitten „der Einsamkeit von Wald und Tümpel“ in Ruhe schreiben kann – bis eines schrecklichen Tages lautstarke Arbeiter in sein Idyll eindringen. Sie bauen eine Eisenbahnstrecke, ein maschinelles Netzwerk, Symbol der Moderne, der Automatisierung, des Schrumpfens von Raum und Zeit durch Technik – und was das schlimmste dabei ist: Sie benutzen die Hälfte seines gemieteten Hauses als Kantine.  Mallarmé reagiert auf ihre Ankunft natürlich mit Entsetzen, aber auch mit Faszination. Er sieht in ihnen „Handwerker für elementare Aufgaben“. Ihre Haltungen beim Graben erwecken in ihm die Vorstellung „einer robusten Intelligenz, die ihre Wirbelsäule jeden Tag biegt, um ohne den Weizen das Wunder des Lebens hervorzubringen“. Er spekuliert sogar, dass diese Männer seine Dichtung eher verstehen würden als seine bürgerlichen Zeitgenossen. Er führt seltsam marxsche Dialoge mit ihnen (wieder: Gebrauchs-, Tausch- und Mehrwert) über den Wert ihrer Arbeit im Vergleich zu seiner als Schriftsteller, aber natürlich nur in seinem Kopf. Denn er weiß, dass ein wirkliches Wort mit einem Schlag auf seine vornehme, nichtsnutzige Nase enden würde. 

 

"In zeitlicher Dimension: ein Intervall, oder, um einen von Mallarmés Lieblingsbegriffen zu verwenden, ein Interregnum, in dem alles in der Schwebe ist"

 

Der Text wird an der Stelle richtig interessant, als Mallarmé eines Tages ankommt, sich in seinen Teil des Hauses, in dem er nicht länger arbeiten kann, schleicht, und entdeckt, dass die Arbeiter ebenfalls nicht arbeiten. Sie liegen betrunken und benommen herum, was Mallarmé als „ein Anhalten, ein Warten, als vorübergehenden Suizid“ beschreibt. Sie arbeiten nicht, er arbeitet nicht: Als ob beide Seiten ahnen würden, dass sie bald überflüssig sind, oder zumindest eine Art Verlagerung stattfindet. Ein Riss öffnet sich in ihrem konstitutiven Werkzeug-Sein: eine Werkzeug-Niederlegung, eine Werkzeug-aus-der-Hand-Legung. In zeitlicher Dimension: ein Intervall, oder, um einen von Mallarmés Lieblingsbegriffen zu verwenden, ein Interregnum, in dem alles in der Schwebe ist. Und genau in diesem Interregnum steht Mallarmé jetzt am Fenster im ersten Stock und betrachtet verträumt die Nicht-Arbeiter. Ein plötzlicher benjaminscher Moment sich kristallisierender Gedanken, den er folgendermaßen wiedergibt:

Neue Konstellationen leuchten auf: Ich wünschte, in der Dunkelheit über  
der  blinden Herde könnte es auch Lichtpunkte geben, einen Gedanken 
ver ewigend, trotz der versiegelten Augen, die sie nicht sehen – um der  
Tatsache, der  Genauigkeit willen, ihn auszusprechen.

Diese Worte sind wunderschön und gleichzeitig quälend dunkel. Was bedeuten sie? Ich denke, man kann sie nur strukturell oder relational verstehen. Anders gesagt, ihre Bedeutung entsteht zwischen den Beziehungslinien, die Arbeiter und Dichter, Handwerker und Arbeit, Zeit und Produktion verbinden (und trennen). Eine ganze Geometrie sich überschneidender Linien, in deren Mitte, vollkommenes, doch schwer fassbares Zentrum, Schatz, den weder Hacke, Schaufel, noch Füller zu Tage fördern konnten,  aber dessen Hebung das ganze Potential der Szene ist und ihr – folgenschwerer – Preis, es liegt. Was ist es? Wer weiß. Aber es auszusprechen, ist alles. 

 

Tom McCarthy ist Schriftsteller. Sein letzter Roman „Satin Island“ erschien 2016 in deutscher Fassung bei DVA.

 

– Dieser Text erscheint in Spike Art Quarterly #54, erhältlich in unserem Online Shop –